Sex oder nie Meine Frau liebt eine Frau

Manchmal ändert sich die geschlechtliche Orientierung auch im fortgeschrittenen Leben noch
Manchmal ändert sich die geschlechtliche Orientierung auch im fortgeschrittenen Leben noch
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20 Jahre Ehe, ein harmonisches Familienleben, wohlgeratene Kinder. Und dann die Enthüllung, die alles infrage stellt: Die Partnerin geht fremd - mit einer verheirateten Frau.
Von Ulrich Clement

Eine sehr ernste, kontrollierte Frau. Alles wirkt geordnet, ihre Frisur, ihre Kleidung, ihre Begrüßung. Auch mit ihrer Erzählung kommt Frau D. direkt zum Punkt: Vor vier Wochen habe sie ihrem Mann eröffnet, dass sie jemand anderes liebe und dass dieser Mensch eine verheiratete Frau sei. Anfangs habe er die Geschichte nicht ernst genommen. Seit sie ihm aber eröffnete, dass sie sich ein Leben ohne diese Frau nicht vorstellen könne, sei er tief verletzt, schlafe und esse kaum noch. Vor allem aber habe er niemanden, mit dem er reden könne.

Ja, sie habe auch Fragen an sich selbst. Wieso ihr ihre lesbische Seite so spät bewusst geworden sei? Ob sie überhaupt lesbisch sei? Was sie ihren Kindern zumute? Ihr größtes Problem sei, dass die Frau, in die sie sich verliebt habe, sich nie von ihrem Mann trennen werde. Aber deswegen sei sie nicht hier, sondern aus Sorge um ihren Mann. Ob ich mit ihm sprechen könne?

Wenige Tage später ist er bei mir. Ein sympathischer gradliniger Mann, für den das Zentrum seines Lebens, die Familie, infrage steht. Dabei kommt ihm kein einziger Vorwurf über die Lippen. Nur Fragen über Fragen. Ob es möglich sei, dass es jemanden nach mehr als drei "normalen" heterosexuellen Jahrzehnten plötzlich zum gleichen Geschlecht hinziehe? Ob es vielleicht eine vorübergehende Krise sei? Ob er etwas falsch gemacht habe? Was er jetzt tun könne?

Spätes Coming-Out

Ob ein Mensch hetero-, bi- oder homosexuell ausgerichtet ist, zeigt sich in der Regel bereits in der Pubertät. Oft ist eine gleichgeschlechtliche Orientierung von schweren Selbstzweifeln begleitet. Die legen sich dann aber meist nach dem Coming-out. In den meisten Fällen bleibt die Orientierung für den Rest des Lebens konstant. Manchmal ändert sie sich auch im fortgeschrittenen Leben noch. Solch eine Entwicklung beginnt meist unterschwellig, und die Betreffenden sagen im Rückblick, dass sie die Zeichen hätten sehen können, aber nicht wahrnehmen wollten. Warum das so ist, weiß keiner. Menschen, die ihre sexuelle Orientierung im höheren Alter ändern, weisen keine auffälligen Merkmale auf, sind also genauso "normal" wie andere Leute auch.

Aber was machen die Partner? Sie sind mit der bitteren Frage konfrontiert, ob sie ihre Partnerschaft auf einem großen Irrtum aufgebaut haben. Und weil sie sehen, dass es für den anderen keine freie Entscheidung ist, sondern "Schicksal", sind sie weniger verärgert als zutiefst verunsichert.

So auch Herr D. In unserem ersten Gespräch, in dem er sich erst einmal von seiner schweren Irritation befreien musste, kam er auf die Kinder zu sprechen. Was sollte er, was sollten sie beide den Kindern sagen? Mit 15, 16 und 19 Jahren waren sie eigentlich alt genug für die Wahrheit. So entschieden sie es dann auch. Zur Überraschung der Eltern nahmen die Kinder die Nachricht ohne große Bestürzung auf. Entscheidend war für sie, ob die Eltern sich trennen wollten oder nicht. Hier lag nun für das Paar die eigentliche Entscheidung. Zunächst schien für beide unausweichlich, dass sie auseinandergehen und Frau D. ausziehen muss. Nach einigen Wochen gewann aber ein anderer Gedanke die Oberhand. Beiden liegt die Familie am Herzen - trotz allem. Frau D. kann ohnehin nicht mit ihrer Freundin zusammenziehen. Und Herrn D. ist der Gedanke, sich eine neue Partnerin zu suchen, noch fern. Also: Trennung von Bett, aber nicht von Tisch.

So kommen beide zu einem Arrangement: Frau D. bezieht eine bisher untervermietete Ein-Zimmer-Einliegerwohnung in ihrem Haus. So bleibt mit der Möglichkeit gemeinsamer Mahlzeiten auch für die Kinder ein wichtiger Teil des Familienlebens bestehen.

In unserem letzten Gespräch berichtet mir Herr D. von einem vorsichtigen Flirt mit einer Kollegin. Die Zuwendung dieser Frau tut ihm gut, aber er will sich nicht recht darauf einlassen, obwohl er sich ja frei fühlen könnte. Er will den Kompromiss, den er mit seiner Frau gefunden hat, nicht gefährden. "Die Familie steht für mich vorn. Ich glaube, es ist das Beste, was wir im Moment tun können."


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