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Was wirklich zählt Sinnforscherin: “Der Tod kann uns viel über das Leben beibringen“

Eine Frau schaut mit geschlossenen Augen nach oben.
Die Frage nach dem Sinn im Leben beschäftigt viele Menschen.
© Eli Defaria / Unsplash
Probleme und Krisen stellen uns oft vor die Frage, was eigentlich der Sinn unseres Lebens ist. Die Österreicherin Tatjana Schnell beschäftigt sich als Sinnforscherin mit den Dingen, die unserem Leben einen Wert geben. Ein Interview über Leben und Tod ­– und alles dazwischen.

Starten wir doch direkt mit der wichtigsten Frage, Frau Schnell: Gibt es den Sinn des Lebens?

Wir erforschen den Sinn im Leben und nicht den Sinn des Lebens. Es geht also nicht darum, ob es so etwas wie einen göttlichen oder evolutionären Sinn unserer Existenz gibt, sondern um die Frage, was unserem Leben einen Sinn verleiht. Der Sinn ist immer etwas sehr Subjektives. Ich als Person in einem bestimmten Kontext schreibe einer Handlung, einer Sache, einem Ereignis also einen bestimmten Sinn zu.

Den großen Sinn des Lebens, der für alle Menschen gilt, gibt es also wissenschaftlich betrachtet nicht. Was hat Sinn dann mit Religiosität zu tun?

Als ich angefangen habe, mich mit Sinn auseinanderzusetzen, gingen viele davon aus, dass Religion und Sinnerleben exklusiv miteinander verbunden sind. Die Kirche hatte lange Zeit ein Sinnmonopol inne. Heute ist das allerdings anders: Die Kirchen sind leer, aber Deutschland steckt deswegen nicht in einer Sinnkrise.

Die Österreichische Sinnforscherin Tatjana Schnell
Prof. Dr. Tatjana Schnell forscht seit 2005 an der Universität Innsbruck in Österreich. Dort hat sie das "Existential Psychology Lab" gegründet. Seit Oktober 2020 ist sie außerdem als Professorin für Religionspsychologie und Existenzielle Psychologie an der "MF Specialized University" im norwegischen Oslo tätig. Ihre Forschungsarbeit dreht sich damit um die großen Fragen des Lebens. Gemeinsam mit ihrem Team betreibt sie empirische Sinnforschung. 
© Florian Lechner

Ergo ist Religiosität schon lange nicht mehr das einzige, das unserem Leben einen Sinn verleihen kann. Im Zuge unserer Forschung haben wir insgesamt 26 Sinnquellen herausgearbeitet, die sich in fünf Dimensionen gruppieren.

Warum wir öfter das große Ganze sehen sollten

Sinnquellen und Dimensionen klingt erstmal sehr abstrakt. Können Sie das etwas genauer erklären?

Die Sinnquellen beschreiben die Art und Weise, wie wir unseren Sinn ausleben. Neben den Dimensionen der Selbstverwirklichung, Ordnung und Wir- und Wohlgefühl gibt es zwei Arten von Selbsttranszendenz. Die vertikale Ausrichtung beschreibt ein Sinnerleben, das auf der Überzeugung beruht, dass es eine höhere Macht gibt, zum Beispiel einen Gott. Die horizontale Ausrichtung beschreibt das Sinnerleben eines großen Ganzen im Hier und Jetzt – zum Beispiel durch soziales Engagement oder Naturverbundenheit.

Lassen Sie uns noch ein bisschen konkreter werden: Wie hilft mir dieses Wissen dabei, meinem Leben mehr Sinn zu verleihen?

Die Daten zeigen uns, dass es eine Vielzahl an Wegen zum Sinn gibt. Vor allem die Dimension der Selbsttranszendenz führt zu einem ausgeprägten Sinnerleben. Dabei geht es darum, von sich selbst abzusehen und für das große Ganze aktiv zu werden. Ohne diese Ausrichtung bleibt unser Sinnlevel niedrig.

Vor allem in unserer heutigen Gesellschaft, in der wir zunehmend uns selbst in den Mittelpunkt stellen, ist das eine wichtige Erkenntnis. Natürlich sollten wir trotzdem nicht ausschließlich das große Ganze im Blick haben – es geht am Ende um eine gesunde Balance im Leben.

Sinn im Leben finden: Es gibt 26 Möglichkeiten

Bei 26 Sinnquellen gibt es viele Möglichkeiten, seine eigene Art von Sinn zu finden. Kann man sagen, welche Sinnquelle für wen am besten geeignet ist?

Nein, das ist tatsächlich komplett individuell. Was wir aber wissen: Wer stark nach Selbstverwirklichung strebt, der weist eher einen geringen Sinn für Ordnung und Sicherheit auf. Ansonsten ist es tatsächlich sehr bunt gemischt.

Große Unterschiede gibt es aber im Sinnerleben. Es gibt Menschen, die haben nahezu kein Sinnerleben – und suchen auch nicht danach. Wir nennen das Existenzielle Indifferenz. Bei diesen Menschen sind alle 26 Sinnquellen niedrig ausgeprägt.

Sie sagten gerade, dass es in einer Welt, in der gefühlt jeder nach Selbstverwirklichung strebt, Menschen gibt, die absolut kein Interesse daran haben, einen Sinn in ihrer Existenz zu finden. Wie kann das sein?

Eine Indifferenz hängt mit verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen zusammen. Die Menschen haben in einer solchen Phase meistens die Einstellung, dass sie ihr Leben nicht selbst beeinflussen können. Sie glauben vielmehr an die Macht des Zufalls oder daran, dass “die da oben“ ohnehin am längeren Hebel sitzen. Außerdem beobachten wir eine Art Resignation und geringe Kompetenzerwartung bei Menschen ohne Sinnbedürfnis. Sie glauben nicht daran, Erfolg haben zu können – und bemühen sich deshalb erst gar nicht.

Und trotzdem haben sie keinen Leidensdruck. Sie begnügen sich damit, ein “normales“ Leben zu führen und zu tun, was sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird. Manchmal ändert sich das allerdings, zum Beispiel, wenn ein Schicksalsschlag die Gleichgültigkeit herausfordert. Dann fangen sie an, über ihr eigenes Leben nachzudenken – und landen nicht selten in einer Sinnkrise. Und das ist zwar ein schmerzhafter, aber auch ein produktiver Zustand.

Braucht jeder mal eine Sinnkrise?

Die Sinnkrise bringt uns also ins Handeln. Braucht das dann nicht jeder von uns mal?

Wer sich ohnehin aktiv selbst reflektiert und sich hin und wieder fragt, was ihn oder sie wirklich berührt, was richtig und wichtig ist und das Leben wertvoll macht, der kann auch gut auf eine Sinnkrise verzichten. Alle anderen könnten davon profitieren. Denn wir sind es von Anfang an gewohnt, uns anzupassen.

In der Schule wollen wir dazugehören und stellen die Frage der eigenen Werte dafür auch mal hinten an. Aber das hört ja meistens nicht auf, sondern geht im Studium oder Arbeitsalltag so weiter. Der Wunsch nach Zugehörigkeit übertrifft dann oft die Suche nach dem Sinn. Da kann eine Sinnkrise notwendig sein, um ins Umdenken zu kommen.

Oft stürzen wir in eine Sinnkrise, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Warum wirft uns gerade das Thema Tod so aus der Bahn? 

Der Tod ist eine Zumutung. Wenn wir uns mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen, dann wird uns bewusst, dass wir irgendwann einfach weg sind. Und das ist schon ein sehr brutaler Gedanke. Es braucht also Mut, sich dem zu stellen.

Aber wir wissen: Wer sich ernsthaft mit dem Tod auseinandersetzt, der hat ein deutlich höheres Sinnerleben. Einfach, weil man auf das Wesentliche zurückgeworfen wird. Nicht umsonst arbeiten die lebenslustigsten Menschen oft im Hospiz. Der Tod kann uns also auch vieles über das Leben beibringen, zum Beispiel es wertzuschätzen, zu gestalten und zu genießen.

Also macht die Suche nach dem einen großen Sinn des Lebens eigentlich keinen Sinn?

Viele Menschen suchen nach dem einen großen Sinn des Lebens und kommen dabei nie zu einem Ergebnis. In dem Moment, in dem ihnen das bewusst wird, können sie sich aber dafür entscheiden, ihrem Leben selbst Sinn zu verleihen. Dann fangen sie an, darüber nachzudenken, was für sie persönlich im Leben zählt – und das ist der erste Schritt zu einem sinnvolleren Leben.

Quelle: Tatjana Schnell von Sinnforschung.org



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