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Studie Kopfschmerzen, Müdigkeit? Warum hinter "Impfreaktionen" oft nicht die Impfstoffe stecken

Nocebo Impfung Coronavirus
Eine Studie legt nahe, dass viele Corona-Impfreaktionen wie Kopfschmerzen auf dem Nocebo-Effekt beruhen könnten
© Urilux
Eine Gruppe erhält eine Spritze mit Impfstoff, die andere ein wirkungsloses Placebo – so sind Impfstoffstudien aufgebaut. Doch auch in der Placebo-Gruppe klagen Menschen immer wieder über vermeintliche Impfreaktionen, darunter Kopfschmerzen. Warum?

Leichte Kopfschmerzen, Unwohlsein, Müdigkeit – solche Reaktionen sind nach einer Impfung durchaus zu erwarten und zeigen, dass sich das Immunsystem des Körpers mit dem Impfstoff auseinandersetzt. Doch auch nach Injektionen mit Kochsalzlösungen, also Placebos, werden in Impfstoffstudien häufig vermeintliche Impfreaktionen gemeldet. In den Studien wissen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht, ob sie den Impfstoff oder das Placebo erhalten haben. Das ist wichtig, um die Wirksamkeit der Vakzine zu untersuchen.

Was hat es mit den Schein-Nebenwirkungen auf sich? Forschende sind dieser Frage nachgegangen, indem sie die Daten mehrerer Corona-Impfstoffstudien auswerteten. Ein großer Teil der empfundenen Impfreaktionen könnte ihren Ursprung im sogenannten Nocebo-Effekt haben.

Die Forscher analysierten zwölf klinische Studien mit verschiedenen Corona-Impfstoffen. Insgesamt umfassten die Daten mehr als 45.300 Teilnehmer, die Impfreaktionen meldeten – davon rund 22.800, die Impfstoff gespritzt bekommen hatten, und etwa 22.500, die ein Scheinpräparat bekommen hatten, also Kochsalzlösung. Nach der ersten Dosis meldeten rund 35 Prozent der Scheinpräparat-Empfänger Impfreaktionen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Nach der zweiten Dosis waren es rund 32 Prozent. Bei den Impfstoff-Empfängern waren es rund 46 Prozent nach der ersten Dosis und rund 61 Prozent nach der zweiten Dosis.

Nocebo-Reaktionen für Großteil der Meldungen verantwortlich

Nach der ersten Impfdosis ließen sich demnach rund drei Viertel (76 Prozent) der Patientenmeldungen zu allgemeinen Reaktionen wie Kopfschmerzen und Müdigkeit auf Nocebo-Reaktionen zurückführen, berichten die Forschenden. Auch nach der zweiten Impfdosis zeigte sich der Effekt deutlich, wenn auch weniger stark (51,8 Prozent). Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Fachmagazin "Jama Network Open" veröffentlicht.

In der Medizin sind Placebo- und Nocebo-Effekt bekannt. Positive Erwartungen können die Wirksamkeit eines Präparats verstärken und sogar bei einem Scheinmedikament zu einer Wirkung führen – das wird Placebo-Effekt genannt. Umgekehrt sorgt beim Nocebo-Effekt allein die Erwartung negativer Folgen dafür, dass diese tatsächlich zu spüren sind. Der Effekt ist etwa von den auf Beipackzetteln von Tabletten aufgeführten Nebenwirkungen bekannt: Allein die Erwartung einer negativen Folge kann tatsächlich Schmerzen oder Beschwerden auslösen.

Die gemeldeten Impf-Beschwerden (Kopfschmerzen, Müdigkeit) treten zudem im Alltag recht häufig auf und könnten irrtümlich mit der Spritze in Verbindung gebracht werden. In diesem Fall würde dann zwar ein zeitlicher Zusammenhang bestehen (Kopfschmerzen nach Impfung), aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Grund für die Nocebo-Reaktionen könnte den Wissenschaftlern zufolge das Auflisten möglicher Folgen vor der Impfung sein. "Es gibt Hinweise darauf, dass diese Art von Information dazu führen kann, dass Menschen übliche tägliche Hintergrundempfindungen dann fälschlicherweise auf die Impfung zurückführen, oder Sorgen und Nervosität auslösen, die die Menschen sehr sensibel im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen machen", sagte der an der Studie beteiligte Medizin-Professor Ted Kaptchuk von der Harvard Medical School in einer Mitteilung.

Wie könnte künftig mit diesem Wissen umgegangen werden?

Die Forschenden diskutieren eine umfassendere Aufklärungsstrategie: Patienten könnten vor der Impfung künftig besser über mögliche Nocebo-Reaktionen aufgeklärt werden. Ihnen könnte beispielsweise erläutert werden, dass Menschen, die in Studien lediglich ein Placebo erhalten hatten, über ähnliche Impfreaktionen berichteten wie jene, die tatsächlich Impfstoff verabreicht bekommen hatten, wahrscheinlich aufgrund von Sorgen und Ängsten. Auch könnte mehr betont werden, dass mitunter keinerlei Impfreaktionen zu erwarten sind. Diese Art von zusätzlichen Informationen könnte nach Ansicht der Forschenden dabei helfen, Ängste oder Vorbehalte gegenüber der Impfung abzubauen. "Medizin basiert auf Vertrauen", so  Kaptchuk.

ikr DPA

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