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"Laura's Sober Life" Jung, weiblich, Alkoholikerin: Die 28-jährige Laura berichtet von ihrem Weg in die Sucht – und wie sie trocken wurde

Laura, als @laurassoberlife bei TikTok aktiv
Laura, als @laurassoberlife bei TikTok aktiv
Eine junge Frau, die im Netz hübsche Fotos und witzige Videoclips teilt – das kennt man. Statt bloß ihr Outfit zu zeigen, thematisiert die 28-jährige Laura dort allerdings etwas Ernsteres: Den Alltag als trockene Alkoholikerin.

Sie ist jung, gewitzt – und sehr ehrlich: Laura, 28, lebt in Berlin, wo sie derzeit ihren Master in Germanistik macht. Und, was wohl niemand auf den ersten Blick vermuten würde: Sie hat vor mehr als zwei Jahren den Kampf gegen ihre Alkoholsucht aufgenommen – und ihn gewonnen. Auf ihrem TikTok-Kanal berichtet sie seither, wie es sich als trockene Alkoholikerin lebt, mit welchen Klischees und Sprüchen sie permanent konfrontiert wird, und was ihr wirklich half.

Laura, du sprichst offen über deinen Kampf gegen den Alkohol. Kannst du einmal berichten, wie du in die Sucht gerutscht bist und wann es dir selbst wirklich aufgefallen ist?
Das war ein sehr schleichender Prozess. Ich werde manchmal gefragt, seit wann ich abhängig bin und das kann ich einfach nicht beantworten. Ein Grund waren aber auf jeden Fall meine psychischen Probleme.

Seitdem ich ein kleines Kind bin, leide ich an Emetophobie, das ist die Angst vorm Erbrechen. Nach ein paar längeren Magenkrankheiten wurde die immer schlimmer, bis ich mit 14 das erste Mal in die Psychiatrie musste, weil ich vor Angst das Haus nicht mehr verlassen konnte.

Mir war aufgrund der Angst auch immer superschlecht! Wird es mir jetzt noch andauernd, aber ich kann mittlerweile damit umgehen. Jedenfalls entwickelten sich aus der Emetophobie auch eine Angst- und Panikstörung. Damit habe ich erst einmal so gelebt und Therapie dagegen gemacht, bis ich mit 16 Jahren das erste Mal getrunken habe.

Das erscheint vielen sehr paradox, dass ich unter anderem aufgrund der Angst vorm Erbrechen abhängig geworden bin, und das ist es auch! Aber irgendwann habe ich festgestellt, dass mir der Alkohol gegen die Übelkeit hilft, die während Angstzuständen und Panikattacken bei mir auftritt. Da ich diese fast täglich hatte, habe ich irgendwann fast täglich getrunken. Und irgendwann auch nicht mehr nur deshalb.

Wenn eine Flasche Wein im Kühlschrank stand, musste ich sie austrinken. Ich habe den kompletten Vorrat meiner damaligen Mitbewohnerin leer getrunken. Ich konnte manchmal nicht aus dem Haus, ohne Alkohol in der Tasche zu haben.

Laura, eine lachende junge Frau
Laura berichtet auf TikTok über ihren erfolgreichen Kampf gegen den Alkohol
© privat

Prüfungen, Vorträge und viele andere Dinge habe ich nur noch unter Alkoholeinfluss geschafft. Die Angstzustände und Panikattacken haben sich immer mehr gehäuft und ich hatte immer mehr das Gefühl, ohne Alkohol nicht zu funktionieren. Ich glaube, mir war schon lange bewusst, dass etwas nicht stimmt.

Aber ich habe mir immer wieder eingeredet, dass meine psychischen Probleme der Grund sind. Bis meine damalige Mitbewohnerin und gute Freundin mich in ein Meeting geschickt hat.

Du bist sehr jung. Im Netz reagieren viele erstaunt, dass du trotzdem schon alkoholsüchtig warst. Was entgegnest du denen?
Da kommen wir zu dem Klischee, das ich bereits angesprochen habe. Bei einem Alkoholiker haben viele den alten Mann mit Bierbauch im Kopf, am besten noch auf einer Parkbank. Das ist natürlich Schwachsinn.

Was viele nicht verstehen, ist, dass Alkoholismus eine progressive Krankheit ist: Es kommt tatsächlich auch vor, dass jemand von Anfang an ein Problem hat, Genetik spielt da auch eine Rolle. Man ist dafür schon irgendwie prädestiniert, wofür auch spricht, dass alle Alkoholiker gewisse Eigenschaften teilen. Jedenfalls fangen fast alle schon sehr jung an zu trinken und entwickeln schon sehr früh ein Problem.

Du landest ja nicht von Anfang an auf der Straße. Bis du alles verlierst, ist es unter Umständen ein langer Prozess. Mit der Zeit wird eben der Konsum immer stärker und regelmäßiger. Deshalb hat die Krankheit auch nichts damit zu tun, wie viel man trinkt. Ein Alkoholiker, der zwei bis drei Flaschen Wodka am Tag trinkt, ist eben schon sehr lange Alkoholiker und hat nach und nach die Toleranz entwickelt. Aber so weit muss man es ja nicht kommen zu lassen, um trocken zu werden! Jung trocken werden ist super, dann hat man sein Leben noch vor sich – und keinen immer größer werdenden Abgrund.

Was waren deine ersten Schritte, um der Sucht entgegenzutreten? Was war erfolgreich, was hat dir wirklich geholfen?
Ich habe,bevor michmeine Freundin in ein Meeting geschickt hat, öfter mal versucht, für zwei oder drei Wochen nichts zu trinken. Ich habe mich zwar noch nicht als Alkoholikerin gesehen, aber mir war schon klar, dass ich zu viel trinke. Das hat natürlich nie geklappt.

Endgültig trocken bin ich dann mithilfe eines 12-Schritte-Programms geworden. Ich kann eigentlich nicht mal genau sagen, wie das funktioniert, aber es funktioniert! Und das nicht nur für mich, sondern für sehr viele Menschen. Jetzt bin ich seit gut zweieinhalb Jahren trocken.

Wie lange hat es gedauert, bis du trocken warst und dich damit einigermaßen sicher gefühlt hast?
Es hat ungefähr drei bis vier Monate gedauert, bis ich es durchziehen konnte. Irgendwann hat es einfach Klick gemacht und ich habe zu hundert Prozent eingesehen, dass ich Alkoholikerin bin und mein Leben in den Sand setze, wenn ich weiter trinke.

Diese "Kapitulation", wie wir es im Programm nennen, ist meiner Meinung nach der wichtigste Schritt. Bis ich mich sicher gefühlt habe, also nicht mehr den Drang hatte zu trinken, hat es eigentlich nur um die drei Monate gedauert.

Bis ich mich wirklich wieder gut gefühlt habe und zurück zu mir selbst gefunden habe, über zwei Jahre. Ich habe in der Zeit eine Expositionstherapie gemacht und die hat mir auch noch einmal sehr mit meiner Phobie geholfen. Aber es ist im Endeffekt ein lebenslanger Prozess. Man muss jeden Tag an sich arbeiten und es ist nie alles perfekt. Man darf sich auch nie zu sicher wähnen. Wir sagen: "Wenn es dir schlecht geht, lauf in ein Meeting, wenn es dir gut geht, dann renn in ein Meeting!" 

Wie offen gehst du mit dem Thema um? Und konntest du von Anfang an so offen sein?
Mittlerweile gehe ich damit sehr offen um. Ich meine, auf mein Instagram und meinen TikTok-Account hat jeder Zugriff. Auch meinen letzten Arbeitgebern habe ich davon erzählt. Meine letzte Chefin verfolgt sogar immer noch, was ich mache und findet das total toll. An dieser Stelle möchte ich sie mal lieb grüßen und danke sagen!

Ich muss sagen, dass ich meinem Umfeld erst davon erzählt habe, als ich richtig trocken geworden bin. Davor habe ich das nicht getan, weil ich mir noch ein Hintertürchen offenlassen wollte. Deshalb kann ich nur jedem raten, sein enges Umfeld auf jeden Fall einzuweihen! Sonst wäre ich vermutlich auch nicht trocken geblieben.

In die Öffentlichkeit gegangen bin ich damit erst vor einem Jahr, nach einigem hin- und herüberlegen. Ich wurde für ein Fernseh-Interview angefragt und habe mich dann entschieden, das zu machen. Das war eine tolle Erfahrung.

Wie reagieren deine Mitmenschen, wenn du deine Geschichte mit dem Alkohol ansprichst?
Bislang durchweg positiv! Alle finden es stark, dass ich es geschafft habe, trocken zu werden.

Wie oft denkst du noch über Alkohol nach?
Dadurch, dass ich bei TikTok täglich Videos über das Thema poste, beschäftigt es mich natürlich täglich. Aber nur auf positive Weise. Ich habe keine Gedanken daran, zu trinken oder ähnliches. Und natürlich fällt mir jetzt der Konsum anderer Menschen viel stärker auf. Und wie viel auch darüber gesprochen wird.Den ein oder anderen würde ich gern mal mit in ein Meeting nehmen.

Was sind die größten Herausforderungen im Alltag für dich?
Was den Alkohol betrifft, eigentlich keine mehr! Ich habe zwar immer noch ab und zu Panikattacken und Angstzustände, aber man lernt, damit umzugehen. Und seitdem ich nicht mehr trinke, sind die auch viel weniger geworden. Während meiner Konsumzeit war ich wirklich an einem sehr dunklen Ort. Depressionen kamen irgendwann auch hinzu. Dahin möchte ich unter keinen Umständen zurück. Ich sage mir immer, egal was kommt, nichts könnte schlimmer sein als das. Aber ich gehe auch nach wie vor in Meetings, um dahingehend stabil zu bleiben.

Glaubst du, Alkohol ist in Deutschland auch ein gesellschaftliches Problem – und was würdest du da gern verbessern?
Absolut. Es ist ein wahnsinnig großes Problem. Die Dunkelziffer der Alkoholabhängigen ist riesig. Schuld daran ist definitiv der generell lockere Umgang damit. Kinder wachsen ja schon damit auf, dass Eltern ständig trinken. Beim Abendessen, bei jeder Veranstaltung, nach einem stressigen Tag. Der Alkohol gehört einfach dazu und damit wächst man auf. Natürlich kommt man hinterher nicht darauf, seinen Konsum zu hinterfragen. Jeder trinkt doch! Außerdem kann man weder den Fernseher anschalten, noch Musik hören, noch ein Buch lesen, ohne dass Alkohol ein Thema wäre. Die gesamte Menschheit steht im Endeffekt unter Droge. Es müsste einfach viel mehr über das Thema Sucht aufgeklärt werden, schon in jungen Jahren. Eltern sollten es ihren Kindern nicht vorleben. Aber das kann man nun mal nicht beeinflussen.

Mehr über Lauras Alltag erfahrt ihr bei TikTok und auf Instagram.

Wer bei sich ein Suchtproblem vermutet, findet vielerorts Hilfe: Beim eigenen Hausarzt, der Telefon-Hotline der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 0221–892031 (Mo.–Do. 10 bis 22 Uhr; Fr.–So. 10 bis 18 Uhr) oder der anonymen Online-Beratung der BZgA hier. Auch die Anonymen Alkoholiker bieten in vielen Städten Hilfe an und sind telefonisch unter 08731–3257312 (tägl. 8–21 Uhr) zu erreichen.


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