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Mysteriöser Vorfall vor 500 jahren: Tanzen bis in den Tod - wie Straßburg im Jahr 1518 in eine Tanzwut verfiel

Die Menschen in Straßburg begannen plötzlich im Sommer 1518 zu tanzen. Ohne Pause, Schlaf oder Essen kreiselten sie über Plätze und durch Gassen - bis zur völligen Erschöpfung. Oder bis zum Tod. Bis heute ist die Ursache unklar.

Tanzwut 1518

Kupferstich von Hendrik Hondius (1573 - 1649)  nach einer Zeichnung von Pieter Bruegels des Älteren aus dem Jahre 1564, der Augenzeuge der Darstellung sein soll. Titel des Werks: Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck.

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Es begann an einem Sommertag, im Juli 1518, als eine Frau plötzlich anfing, zu tanzen. Madame Troffea, so nennen sie die Quellen, sprang wild durch die Straßen Strassburgs, kreiselte umher, und das ganz ohne Musik. Und schnell gesellten sich andere dazu und tanzen mit. 

Doch sie hörten nicht damit auf. Nach einer Wochen tanzen 34 Menschen durch die Gassen und über die Plätze, ohne Pause, Essen oder Schlaf. Die Stadtverwaltung war anfangs nicht besorgt, sie spendierte sogar eine Holzbühne und Musik. Die Idee: Tanzen mit Tanzen bekämpfen. Die Theorie ging nicht auf. Im August sollen es 400 der wilden Tanzer gewesen sein, schreibt der US-Historiker John C. Waller. Die Tanzerei war zu einer Epidemie geworden.

Adelige und Bürger wollten Antworten und konsultierten Ärzte. Die kamen zu dem Schluss, dass zumindest keine astronomischen oder übernatürlichen Ursachen für die Tanzwut vorliegen würden. Vielmehr sei "heißes Blut" für den Irrsinn verantwortlich. Überhitzte Gehirne würden die Menschen zum unkontrolliertem Tanz bringen.

Dass nicht Blut - ob nun kalt oder heiß - für die Tanzerei verantwortlich ist, scheint klar. Über den wahren Grund wird sich bis heute in der Fachwelt gestritten. Einige glauben, dass es eine chemische Erklärung gebe. Sie vermuten, dass eine Vergiftung mit dem Mutterkornalkaloid Ergotamin verantwortlich sei, das ähnlich wie LSD wirke. Auch Nachtschattengewächse werden als Ursache diskutiert. Eine andere Erklärung wäre eine Erkrankung, wie Chorea Huntington (eine Erkrankung des Gehirns), Enzephalitis, Epilepsie oder Typhus. Allerdings erklärt dies nicht, warum plötzlich Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen erkrankten. 

Tanzwut: Typhus, Epilepsie - oder Hysterie?

Der US-Historiker Waller glaubt keiner dieser Theorien. Chemische Substanzen hätten eine andere Auswirkung auf den Menschen. Sie "können sicherlich heftige Krämpfe auslösen und Wahnvorstellungen, aber nicht koordinierte Bewegungen", schreibt Waller. Er hat eine eigene Erklärung: Massenhysterie. Waller glaubt, dass sich die Menschen in Trance getanzt haben. Nur so hätten sie die Müdigkeit abschütteln können und die Schmerzen, die ihre teilweise geschwollenen und blutenden Füße verursacht haben müssen, ertragen können. Und: Dies würde auch erklären, wie es zu der Massenbewegung kommen konnte. Denn als Auslöser für diese Phänomen, sieht er Hunger, Ängste vor Krankheit und Tod und somit Stress. "Für Gruppen, die in wirtschaftlichen und sozialen Nöten unterzugehen drohen, kann Trance hochansteckend wirken", schreibt Waller. 

Unsicherheiten, Todesangst und Umwälzungen als Ursache? Auch Waller relativiert seine Theorie, in dem er schreibt, dass Kriege und Pestausbrüche in der Vergangenheit auch keine Massenhysterie ausgelöst habe. Doch erschildert die Situation des Jahres 1518 eindringlich: Heiße Temperaturen im Sommer, grausam kalte Winter. In den kalten Monaten starben die Menschen durch Kälte, später durch Hunger, denn die Preise für Getreide und Brot explodierten durch Ernteausfälle. Grundbesitzer pressten immer mehr aus ihren Bauern heraus. Es waren harte Zeiten - die ein solches Massenphänomen möglich machten, glaubt Waller. Dazu kam eine tiefe Frömmigkeit. 

Der heilige Veit als Retter

Doch die Ausprägung - das wilde Getanze also - führt Waller auf den heidnisch geprägten Heiligenkult um den heiligen Vitus (St. Veit) im späten Mittelalter zurück. Gerade in der Gegend wurde der Heilige verehrt, der heilende Kräfte bei Nervenstörungen haben sollte. War der Heilige aber verstimmt, strafte er eben auch mit diesen Krankheiten. Eine eingebildete Krankheit, auferlegt vom heiligen Vitus - ein weiterer Aspekt von Wallers Theorie.

Dafür spricht, dass der Spuk erst vorbei war, als der Magistrat die wilden Tänzer aus der Stadt und zur St.-Veit-Kapelle im unteren Elsass bringen lies. Dort endete die Tanzwut. Es sollte der letzte Bericht einer so großen Tanz-Epidemie sein.

"Die tanzende Seuche starb aus, weil die übernatürlichen Überzeugungen, die sie nährten, allmählich verschwanden", schreibt Waller. "Auf die Dauer musste der inbrünstige Supranaturalismus der mittelalterlichen Welt dem Aufstieg der modernen Wissenschaft und Rationalität Platz machen." 

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