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Risikofaktor für Diabetes: Volkskrankheit Fettleber: Wie sie entsteht und was man dagegen tun kann

Manche sprechen von einer neuen Volkskrankheit: Rund ein Drittel der Erwachsenen hat eine vergrößerte Leber und läuft damit Gefahr, zuckerkrank zu werden. Das lässt sich vermeiden.

Von Richard Friebe

Frau schneidet mit einem Messer eine Buttercremetorte an

Nicht das Fett macht fett. Vor allem Alkohol und Kohlenhydrate machen die Leber bei vielen Erwachsenen fett. Und eine Fettleber kann gefährlich sein. (Symbolfoto)

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Die Leber ist das größte innere Organ des menschlichen Körpers, sowohl vom Volumen wie vom Gewicht her. Sie ist Stoffwechselzentrale, Recyclinghof, Entgiftungsfabrik, Kraftwerk. Trotzdem wird sie oft eher stiefmütterlich behandelt. Wir muten ihr Alkohol und Umweltgifte zu, traktieren sie mit Medikamenten, die sie abbauen muss, und schlagen im Boxring sogar Haken in ihre Richtung. Und wenn es poetisch wird, dann ist von Herz und Hirn die Rede, oder von Hand und Fuß, aber eher nicht von ihr. Dabei hätte ein Blick auf die Leber gereicht, um einem der größten Ernährungs-Irrtümer der vergangenen Jahrzehnte gar nicht erst die Chance zur Verbreitung zu geben: dass es vor allem das Fett ist, das fett macht.

Alkohol und Kohlenhydrate machen die Leber fett 

Denn dass Alkoholiker oft eine Fettleber bekommen, weiß so ziemlich jeder. Und dass diese nicht vom fetten Essen kommt, sondern vom Null-Fett-Alkohol, auch. Auch die zweite Form der Erkrankung, die nicht-alkoholbedingte Fettleber, hat – bis auf Extremfälle – nichts mit fettem Essen zu tun. Im Gegenteil. Es sind eher kohlenhydratreiche Nahrung und dadurch entstehende Entgleisungen des Stoffwechsels, die hier die Leber fett machen.

Auch das weiß man eigentlich seit langem – aus einem der meist wiederholten "Tierexperimente" der Weltgeschichte. Es heißt "Stopfleber" und besteht darin, Gänse und Enten mit Getreide zu mästen, um aus den sich vergrößernden Lebern Leberpastete herzustellen. Die Organe dieser Vögel verfetten innerhalb von Wochen, ohne dass sie fette Nahrung bekämen. Brot oder Nudeln reichen. Mittlerweile haben sich in den wohlhabenden Nationen etwa 30, nach manchen Schätzungen sogar 40 Prozent der Erwachsenen ähnlich effizient genudelt, geburgert, gesemmelt, gesnackt oder anderweitig gemästet. Das übermäßige Fett in der Leber macht lange Zeit keine Beschwerden. Arzt und Patient erfahren davon meist durch Zufall per Bauchultraschall.

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Expertin zu Fettleber: "Die Entwicklung ist erschreckend"

Erstmals wissenschaftlich beschrieben wurden solche Befunde an Menschen erst vor 35 Jahren. Inzwischen sprechen Ernährungsexperten wie der Buchautor Nicolai Worm bereits von einer neuen "Volkskrankheit", die verkannt und verharmlost werde. "Die Entwicklung ist erschreckend", sagt auch Elke Roeb. Die Gastroenterologin und Professorin an der Universität Gießen forscht seit mehreren Jahren zum Thema nichtalkoholische Fettlebererkrankungen.

Tatsächlich geht die nicht-alkoholische Fettleber oft mit einer Zuckerkrankheit einher. Sie kann die Entwicklung eines Diabetes fördern; dieser wiederum kann die Fettleber verschlimmern, bis hin zu Leberentzündungen (Hepatitis) und Leberzirrhose. In der Fettleber kann sich letztlich in seltenen Fällen auch ein Tumor bilden. Aber drohen solche Gefahren jedem, bei dem der Ultraschall zu viel Fett in der Leber vermeldet? Wenn die Schätzungen zur Fettleber stimmen, müsste mindestens ein Drittel der Erwachsenen beunruhigt sein. 

Fette Leber nicht immer gleich eine Krankheit

"Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen", sagt Professor Norbert Stefan von der Universitätsklinik Tübingen. Der Mediziner hat das Thema Fettleber über viele an Patienten und in Tierversuchen erforscht und zahlreiche Fachartikel dazu verfasst. "Leberverfettung kann über Jahre völlig problemlos verlaufen." So wie die Warnung vor den Gefahren des Übergewichts nicht in allen Fällen berechtigt sei, weil es, wie sich immer deutlicher herausstellt, auch eine gutartige Art von Beleibtheit gibt, sei auch eine fette Leber nicht immer eine Krankheit. Ein klares Warnzeichen sei der Befund aber, wenn zugleich Labortests Stoffwechselprobleme anzeigen, zum Beispiel eine sogenannte Insulinresistenz. Sie ist eine Vorstufe von Diabetes Typ 2, früher auch "Altersdiabetes" genannt.

Dabei verlieren die Körperzellen allmählich die Fähigkeit, Zucker aus dem Blut aufzunehmen, wenn das Hormon aus der Bauchspeicheldrüse sie dazu auffordert – sie werden unempfindlich gegen das Insulin. Erhöhte Blutzuckerwerte und eine immer stärkere Insulinausschüttung sind meist bald die Folge. Beides ist ungesund, schädigt etwa Gefäße und Nervenzellen und versetzt den Körper in einen dauerhaften Entzündungsstatus. Warnzeichen Nummer zwei ist eine Fettstoffwechselstörung, die sich ebenfalls mit einem Bluttest nachweisen lässt. Beides, Blutfette auf der einen, hoher Blutzucker und Insulinresistenz auf der anderen Seite, hängt ohnehin eng zusammen. Erhöhte Fettwerte im Blut, so Professor Wolfgang Stremmel, bis 2018 Direktor am Zentrum für Innere Medizin der Universitätsklinik Heidelberg, führten dazu, dass mehr Fett in die Leber eingelagert wird. Eine fette Leber wiederum produziert selbst mehr Zucker, sodass bei Insulinresistenz die Zuckerwerte auch ohne Kekse und Bonbons hoch bleiben können. Viel Zucker im Blut wiederum regt die Leber dazu an, diesen in Fett umzubauen und einzulagern. Und so weiter.

Wichtig: Bewegung und die richtige Ernährung

Das klingt nach einem Teufelskreis. Man kann ihn allerdings durchbrechen. Das funktioniert schlicht über Bewegung und eine Ernährung, die wenig Zucker, vor allem Fruchtzucker, und wenig leicht verdauliche Kohlenhydrate enthält, die schnell in Zucker umgesetzt werden. Stremmel rät seinen Patienten konkret, nach 16 Uhr Kohlenhydrate ganz wegzulassen. Diese Umstellung führt dazu, dass auch weniger Insulin ausgeschüttet werden muss, und in der Folge werden die Körperzellen wieder empfindlicher dafür.

Insulinresistenz lässt sich also auf diese Weise oft aufhalten oder rückgängig machen. Meist speckt man so auch erfolgreich ab, und das nicht nur am Bauch, sondern auch im Bauch – in der Leber. Bereits innerhalb von drei Wochen lasse sich das Leberfett bei vielen Betroffenen halbieren, sagt Professor Andreas Pfeiffer, Endokrinologe an der Berliner Charité. Damit normalisieren sich bei vielen Betroffenen auch wieder die Werte der für die Gesundheit dieses Organs und des Stoffwechsels insgesamt wichtigen Substanzen. Wenn man seine Fettleber rechtzeitig in den Griff bekommt, sinkt auch das Risiko für Diabetes und die typischen Komplikationen dieser Krankheit deutlich. Selbst ein bereits diagnostizierter Diabetes Typ 2 lässt sich dadurch sehr positiv beeinflussen.

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Rolle der Leber: Wissenschaftler forschen fieberhaft

Allerdings kennen Mediziner noch längst nicht die genauen Zusammenhänge und Ursache-Wirkungsketten im molekularen Bereich. Seit langem weiß man, dass ein wichtiges Hormon namens Adiponectin wieder vermehrt produziert wird, wenn der Körper insgesamt Fett verliert. Es setzt das genaue Gegenteil eines Teufelskreises in Gang: Adiponectin treibt den Fettabbau weiter voran und führt dazu, dass die Körperzellen wieder besser auf Insulin reagieren. Ein anderer wichtiger Botenstoff, der sogar nur in der Leber selbst produziert wird, heißt Fetuin A. Er wird derzeit intensiv erforscht. Je fetter die Leber, desto mehr davon produziert sie. Offenbar spielt Fetuin A eine große Rolle bei der Insulinresistenz, denn es blockiert genau jene Rezeptor-Moleküle, die das Insulinsignal – "Körperzellen, nehmt Zucker auf!" – normalerweise weitergeben. Zudem regt es, zumindest in Laborversuchen, Immunzellen zu Entzündungsreaktionen an. Und Daten, die Stefan zusammen mit Forschern des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam auswertete, ergaben mit fast 100-prozentiger Sicherheit, dass erhöhte Fetuin-A-Werte mitverantwortlich für das erhöhte Infarktrisiko, etwa von Diabetikern, sind.

Solche und viele weitere aktuelle Forschungsergebnisse zeigen immer deutlicher, dass die Leber, die ja so ziemlich in der Mitte des Körpers sitzt, auch eine zentrale Rolle für die Gesundheit spielt. Ist sie gesund und fit statt überlastet und fett, dann baut sie nicht nur effektiv Gifte ab, sondern verteilt offenbar auch jede Menge Signale, die positiv auf die Gesundheit des ganzen Menschen wirken: auf Herz und Gefäße, das Fettgewebe bis hin zu Zucker- und Fetthaushalt.  

Dieser Artikel stammt aus dem stern-Archiv.

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