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Pandemie Vom Sorgenkind zum Musterschüler: Warum Spanien im Kampf gegen Corona so gut dasteht

Spanien Coronavirus: Besucher sitzen im Außenbereich einer Bar und schlürfen Getränke
Spanien, Sevilla: Besucher sitzen im Außenbereich einer Bar und schlürfen Getränke. Die Aufnahme entstand im März 2021.
© María José López/Europa Press / DPA
In Spanien breitete sich das Coronavirus 2020 rasant aus. Schnell war vom "Hotspot Spanien" die Rede. Seit vielen Wochen hat das Land das Virus aber ausgesprochen gut im Griff. Wie gelingt das? Und was kann Deutschland daraus lernen?

Spanien zählte mit Italien Anfang 2020 die meisten bestätigten Covid-19-Fälle in Europa. Ein Impfstoff war zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne und die Regierung griff hart durch: mit einem strengen, wochenlangen Lockdown, in dem selbst Sport in der Öffentlichkeit untersagt war. 

In den folgenden Monaten bäumte sich die Zahl der Infektionen immer wieder auf, zuletzt im Hochsommer 2021, zeitgleich mit der Reisewelle. Doch seitdem ist das Infektionsgeschehen in Spanien stetig abgeflaut. Die Zahl der Infektionen liegt aktuell deutlich unter der des Vorjahres, trotz der nun weit verbreiteten und hochansteckenden Virusvariante Delta. Im Schnitt meldeten die Behörden in den vergangenen sieben Tagen knapp 1800 Neuinfektionen. Im Vorjahr lag der 7-Tage-Schnitt Anfang November noch bei gut 10.500 Fällen.

Andere europäische Länder, darunter Deutschland, verzeichnen aktuell wieder einen starken Anstieg bei den Fallzahlen. Dabei spielen auch jahreszeitliche Faktoren wie kühlere Temperaturen und der Aufenthalt in geschlossenen Räumen eine Rolle. Doch diese Faktoren treffen auch auf Spanien zu, wo die Temperatur Anfang November nachts kaum noch über die Zehn-Grad-Marke klettert. Wie also gelingt es Spanien, die Zahl der Neuinfektionen aktuell so niedrig zu halten?

Jesús Rodríguez Baño, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten im Krankenhaus "Virgen de la Macarena" in Sevilla, ordnet die Lage gegenüber dem Fachblatt "The Lancet" ein: Zuletzt sei die Zahl der Neuinfektionen und auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen stetig zurückgegangen, und das, obwohl viele Anti-Corona-Maßnahmen aufgehoben worden seien, so der Experte. In früheren Wellen sei das Gegenteil eingetreten, so Baño. Obwohl noch viele Fragen offen seien, zeichne sich zunehmend eine einzige plausible Erklärung für diese Beobachtung ab: Seiner Einschätzung nach spielt die "sehr hohe Impfrate" in Spanien die entscheidende Rolle.

In Spanien sind nach offiziellen Angaben mehr als 80 Prozent der Bevölkerung gegen das Coronavirus geimpft. Das Land rangiert damit im internationalen Vergleich auf Rang 6 der Länder mit der höchsten Impfquote. Selbst in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen von 12 bis 19 Jahren wird eine ähnlich hohe Quote erreicht, berichtet "The Lancet" – und das, obwohl die Vakzine erst seit Ende Mai für die Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen zugelassen sind.

Eine Mitarbeiterin einer Corona-Teststation nimmt einen Abstrich

Im EU-Vergleich steht einzig Nachbarland Portugal noch besser da – mit annähernd 90 Prozent Impfquote in der Gesamtbevölkerung. Auch dort verharrt die Zahl der Corona-Neuinfektionen aktuell auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Besonders auffallend: Selbst unter den Jüngeren in Spanien entwickelte sich die Inzidenz zuletzt erfreulich. So fiel die Rate der Neuinfektionen von 154 pro 100.000 Personen binnen 14 Tagen (Mitte September) auf 30 (Mitte Oktober) in der Altersgruppe der 12- bis 19-Jährigen, berichtet "The Lancet". Der positive Trend setzte sich bei den Unter-Zwölfjährigen fort, obwohl für diese Altersgruppe noch keine Impfung zur Verfügung steht. Hier fiel die Inzidenz von 150 auf 54 während desselben Zeitraums. Angesichts der positiven Entwicklung überlegen einige spanische Regionen nun, die nach wie vor geltende Maskenpflicht in Schulen zu lockern.

In Deutschland ist die Inzidenz unter Kindern und Jüngeren dagegen teilweise auffallend hoch und liegt bei den fünf- bis 14-Jährigen derzeit bundesweit bei 285, bezogen auf sieben Tage. In einigen Stadt- und Landkreisen werden aktuell sogar vierstellige Inzidenzen in dieser Altersgruppe beobachtet, darunter das Berchtesgadener Land und Traunstein. Die Impfquote in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen liegt nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit bei rund 42 Prozent (vollständig geimpft). In der Gesamtbevölkerung gelten 66,9 Prozent als vollständig immunisiert.

Impfquote muss weiter steigen

Besonders in der Altersgruppe der 18-59-Jährigen gibt es noch Luft nach oben: Hier ist immerhin etwas mehr als jede vierte Person nicht vollständig geimpft. Die Impfquote liegt bei 73,3 Prozent; in der Altersgruppe 60 Plus bei 85,4 Prozent.

Wahrscheinlich wird die offizielle Impfquote in Deutschland zwar um wenige Prozentpunkte unterschätzt, wie unter anderem Bürgerbefragungen nahelegen. Die Rede ist von bis zu fünf Prozentpunkten Differenz. Nach Ansicht von Expertinnen und Experten würde aber selbst die höhere Impfquote noch nicht ausreichen, um eine Verbreitung des Virus wirkungsvoll einzudämmen.

Experten wie der Berliner Virologe Christian Drosten rufen bereits seit vielen Wochen dazu auf, die Impflücke in der Bevölkerung zu schließen – also bislang ungeimpfte Menschen mit einer Immunisierung zu schützen. Dies habe angesichts weiter beängstigender Zahlen "allerhöchste Priorität", schrieb Drosten diese Woche auf Twitter. Erst nach Schließen der Impflücke könne man in die sogenannte endemische Phase gehen.

Ist der endemische Zustand erreicht, zirkuliert das Coronavirus zwar weiter, allerdings muss es nicht mehr mit strengen Maßnahmen unter Kontrolle gehalten werden, weil eine ausreichend große Anzahl an Menschen bereits eine Immunität hat – entweder durch Infektion oder Impfung. Durch Impfungen wird der endemische Zustand schneller erreicht – und noch viel wichtiger: mit weniger Todesfällen und schweren Krankheitsverläufen als durch natürliche Infektionen.

Die spanische Bevölkerung, so scheint es aktuell, hat auf dem Weg hin zu diesem Zustand bereits große Hürden genommen – indem sie der Wissenschaft und dem Nutzen der Impfungen Vertrauen schenkte. Auf der Hut will man aber trotzdem weiterhin bleiben, wie Experte Baño erklärt. Die Booster-Impfkampagne für Risikogruppen sei gestartet und nun müsse man abwarten, ob eine flächendeckende dritte Dosis nötig sei. Auch neue Varianten, die den Impfschutz womöglich besser als bisherige Mutanten umgehen, könnten noch Probleme bereiten. 

Dennoch hat er Hoffnung: Hoffnung, dass der Winter 2021/2022 in Spanien wieder ein Stück weit mehr Normalität zulässt als der vergangene. 

ikr

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