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Wetterfühligkeit Ich rede ständig übers Wetter. Mein jüngeres Ich wäre bitter enttäuscht. Was ist da los?

Ein paar Menschen sitzen in Hamburg am Wasser. Die Sonne scheint. Die Stimmung ist gut. Was macht Wetterfühligkeit mit uns?
Sommer und Sonne in Hamburg – herrlich. Wenn schlechtes Wetter hingegen auf die Stimmung schlägt: Ist das dann schon Wetterfühligkeit? 
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Früher war mir das alles egal, heute hängt meine Stimmung recht stark davon ab, ob es regnet, grau oder sonnig ist. Liegt das am Alter oder ist das Wetterfühligkeit oder beides oder was ganz anderes? 

In meinen Kindheitserinnerungen klopft mein Großvater täglich mehrfach mit dem Fingerknöchel auf die Scheibe des Barometers. Häufig folgt ein "Oh je" oder "Oh wa", was nur bedeuten kann, dass das kleine Gerät bei der Haustür mal wieder schlechtes Wetter ankündigt. Mein Opa steckt noch im Seufzen, da ruft meine Oma schon aus der Küche, sie habe längst gespürt, dass das Wetter umschlagen würde. Die Gelenke, der Kopf, die Wetterfühligkeit. 

Gemeinsam überlegen sie, ob sie mit dem Gießen im Garten lieber nochmal warten sollten und wie wohl der Sommer werden wird und wie die letzten 60 Sommer waren und ich kann nicht fassen, dass die schon wieder übers Wetter und Wetterfühligkeit reden. Können wir nicht "Mensch, ärgere dich nicht" spielen? Das geht bei Sonne auf der Terrasse und bei Regen im Esszimmer. 

Phänomen Wetterfühligkeit: Hat das Wetter Einfluss auf die Gesundheit?

Mein Erstklässler-Ich nimmt sich fest vor, nie eine von den Wettererwachsenen zu werden, bei der es ständig um Wetter und Wetterfühligkeit geht. Bis Anfang 20 klappt das auch prima – aus Ignoranz, Bequemlichkeit und Privilegien, weil ich in Hörsälen hocke oder auch nicht und das Wetter eher eine Kulisse als ein Protagonist in meinem Leben ist. 

Mit dem ersten Vollzeitjob werden das Wochenende und die Sonnenstunden wertvoller. Heute hat das Wetter einen recht großen Einfluss auf mich. Ich bin deutlich besser drauf und aktiver, wenn die Sonne scheint, und komme an Regentagen viel schwerer aus dem Bett, was in Hamburg nicht gerade optimale Voraussetzungen sind. Kündigt sich eine Schlechtwetterperiode an, bin ich träger. Außerdem rede ich ständig übers Wetter – wie so eine Wettererwachsene. Woran liegt das? Ist das schon Wetterfühligkeit? Und was genau ist eigentlich Wetterfühligkeit? 

"Wetterfühligkeit ist ein etwas unglücklicher Begriff"

Ich rufe Andreas Matzarakis an, der das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdiensts in Freiburg leitet. Er findet: "Wetterfühligkeit ist ein etwas unglücklicher Begriff, denn wir sind alle wetterreagierend. Und was heißt das schon: wetterfühlig?" Matzarakis spricht deshalb von Wetterempfindlichkeit, wenn das Wetter tatsächlich einen stärkeren Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen hat. Laut Umfragen sagen ungefähr 50 Prozent der Menschen in Deutschland, dass das Wetter einen Einfluss auf ihre Gesundheit hat, meistens einen negativen. Kopfschmerzen und Migräne, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen und Schlafstörungen sind die gängigsten Symptome. 

Mit der Wetterfühligkeit ist es also nicht so einfach

Der Biometerologe betont: "Menschen werden nicht wegen des Wetters krank." Das Wetter sei ein verstärkender Faktor. "Es bringt das Glas zum Überlaufen." Wenn zum Beispiel jemand zu Kopfschmerzen neige oder Herz-Kreislauf-Probleme habe, könne ein Wetterumschwung die Symptome verschärfen. Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit könne Menschen mit Atemwegserkrankungen belasten. Dieses Wissen fließt bei Matzarakis in Behandlungen ein: "Wenn ich weiß, es kommt ein Tiefdruckgebiet und ein wetterempfindlicher Patient mit Herz-Kreislauf-Problemen wird darunter leiden, dann kann ich ihm als Arzt mit Rat und Medikamenten helfen."

Wie genau sich das Wetter auf uns auswirke, sei allerdings schwer zu sagen. "Wir gehen davon aus, dass sich das Wetter auf unseren Hypothalamus, unserer Schaltzentrale im Gehirn auswirkt. Luftdruckschwankungen könnten hier zum Beispiel Auswirkungen haben." Zusammengefasst heißt das: "Die Leute leiden unter der Unruhe im Wetter." Wie meine Großmutter – die dann von Wetterfühligkeit spricht.

Wetterempfindlichkeit statt Wetterfühligkeit

Nun bin ich noch keine 90 und gesund. Ich habe manchmal Rücken, ich schlafe manchmal schlecht, aber ich habe keine größeren Leiden und bin sehr dankbar dafür. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass mich das Wetter von Lebensjahr zu Lebensjahr mehr beeinflusst. Laut Matzarakis spielt das Wetter mit zunehmendem Alter in der Regel eine größere Rolle wegen der Krankheitsgeschichte und chronischen Krankheiten, auch schlechte Ernährung spiele mit rein. "Wenn es dem Körper schon nicht gut geht, dann wundert es auch nicht, wenn wir einen Wetterumschwung als Belastung wahrnehmen." Bessere Ernährung und mehr Bewegung – da sehe ich definitiv Luft nach oben. 

Ein weiterer Faktor sind die Jahreszeiten. "Wenn im Frühjahr die Tage länger und heller werden, schütten wir mehr Serotonin, also Glückshormone, aus und weniger Melatonin. Wir sind und können aktiver sein." Und es gibt Wetterlagen, "die wir allgemein als angenehm empfinden", wie Matzarakis sagt. "So wie Mitte März, 17 oder 18 Grad mit Sonne und leichtem Wind. Wenn man sich da entsprechend anzieht und rausgeht, regt das den Körper an und tut uns gut. Das ist auch der Grund, warum viele zur Kur an die Nordsee oder Ostsee fahren, wo ein Reizklima herrscht. 18 Grad bei Wind und abwechselnd Sonne und Regen ist letztlich sogar besser für uns als alles ab 25 Grad mit Sonne, was wir gemeinhin als schönes Wetter bezeichnen." Der Grund: Wenn es zu heiß wird, werde das anstrengend für unseren Körper, weil er die überschüssige Wärme nicht loswerden kann. "Im schlimmsten Fall haben wir dann die höhere Mortalität bei vorerkrankten Menschen."

Das nächste Gespräch über Wetterfühligkeit und Wetter kommt schon bald

Damit es Leuten wir mir am Ende nicht mehr ganz so schwer fällt, auch mal mit Schlechtwetterphasen klarzukommen, hat Matzarkis noch ein paar Tipps. „Ich empfehle: Wechselduschen. Lüften Sie die Innenräume, gehen Sie viel raus, gerade auch bei Regenwetter, halten Sie die Raumtemperatur etwas niedriger, nicht wärmer, lieber noch einen Pulli drüber ziehen.“ Empfehlungen, die mit Blick auf Corona, Klimawandel und Energieversorgung umso hilfreicher erscheinen. Und abzuhärten schadet mir keineswegs. Als relativ junger und gesunder Mensch ständig übers Wetter und Wetterfühligkeit zu reden und zu jammern, macht einen ja nicht gerade zur angenehmsten Gesprächspartnerin. Matzarakis aus dem sonnenverwöhnten Freiburg wendet es positiv: "Wir reden viel übers Wetter, weil wir unserem Gegenüber dadurch die Möglichkeit geben, sich positiv zu äußern. 'Heute ist herrliches Wetter', ist doch ein schöner Einstieg. Das Wetter kann ein unverfänglicher Türöffner sein." 

Zu gerne würde ich jetzt meinen Opa dabei beobachten, wie er auf die Scheibe seines Barometers klopft und mit ihm die Sommer der vergangenen 34 Jahre erörtern. Er ist leider vor ein paar Jahren verstorben. Aber meine Oma sehe ich bald wieder. Wir werden bestimmt auch übers Wetter und Wetterfühligkeit reden. Ich freue mich darauf. 

Quelle: "Ärztliches Journal "


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