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Lungenerkrankung: Pathos und Schweigen: Wie chinesische Medien über das Coronavirus berichten

Die chinesische Regierung geht mit dem Corona-Virus besser um als mit der Sars-Epidemie vor 17 Jahren. Der eigenen Bevölkerung aber wird nur das Notwendigste mitgeteilt.

Von Philipp Mattheis, China-Korrespondent des stern

Coronavirus

An Flughäfen in China kontrollieren Mitarbeiter die Körpertemperatur von Reisenden

DPA

Der Umgang mit Seuchen stellt jede Regierung vor große Herausforderungen. Dem Recht der Bevölkerung auf Information nachzukommen und gleichzeitig Panik zu vermeiden, ist ein Drahtseilakt. Bei autoritären Regierungen wie der chinesischen, die auch in Nicht-Krisenzeiten versuchen, den Informationsfluss zu kontrollieren, treten in solchen Phasen die inneren Widersprüche offen hervor. 

Fast 900 Infizierte, 26 Tote – das ist die jüngste Bilanz des Corona-Virus vom Freitagmorgen. Da die Symptome der Wuhan-Grippe kaum von einer herkömmlichen Grippe zu unterscheiden sind, könnten die Zahlen erheblich höher sein. Ein Professor der Hongkonger Universität geht gar von 6000 Infizierten aus. Die Mortalität der Wuhan-Grippe liegt mit drei Prozent etwa in Höhe der Spanischen Grippe. 

Städte wegen Coronavirus abgeriegelt

Die chinesischen Behörden reagierten zuerst nicht, dann umgehend und drastisch. Die acht Millionenstädte Wuhan, Huanggang, Ezhou, Chibi, Xiantao, Qianjiang, Zhijiang und Lichuan sind mittlerweile abgeriegelt. Flug-, Bus- und Zugverbindungen sind gestrichen. Das trifft viele Chinesen gerade sehr empfindlich, denn an diesem Freitag beginnt in China das Frühlingsfest. Traditionell verbringen die Chinesen diese Woche im Kreis der Familie. Es sind vor allem die Millionen von Wanderarbeitern, die es zurück ihre Heimatdörfer zieht, was zu massiven Reisebewegungen führt. Schon Anfang Januar waren 300 Millionen Zugtickets verkauft. An den Bahnhöfen von Wuhan kam es deswegen vereinzelt zu Protesten derer, die nun in der Stadt festsitzen. Nur mit dem Auto sind die Städte noch zu verlassen. An den Ausfallstraßen stehen jetzt Polizisten und messen die Temperatur der Reisenden. In Peking wurde außerdem die Verbotene Stadt für Touristen gesperrt, am Freitagmorgen gab die Regierung zudem bekannt, Teile der Chinesischen Mauer zu schließen. Die Stadtregierungen von Shanghai und Peking forderten Bewohner, die aus vom Virus betroffenen Gebieten zurückkehren, auf, 14 Tage zu Hause zu bleiben.

Die chinesische Regierung will durch diese drastischen Maßnahmen die Ausbreitung der Grippe aufhalten oder zumindest verlangsamen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO lobte die Regierung dafür.

In den Abendnachrichten im Staatsfernsehen am Donnerstag dagegen wurde die Seuche mit keinem Wort erwähnt. Der staatliche Fernsehsender CCTV zeigte stattdessen fröhliche Feierbilder aus dem ganzen Land und natürlich die Neujahrsansprache des Präsidenten Xi Jinping. Der aber verlor kein Wort über das Virus aus Wuhan.

Virus allenfalls eine Randnotiz in den Medien

Während das Corona-Virus in zahlreichen Ländern der Welt die Schlagzeilen bestimmt, war dies in den chinesischen Medien eher ein Randthema. Der Staatszeitung "People’s Daily" war das Virus keine Erwähnung auf der ersten Seite wert. Erst auf Seite fünf der Donnerstagsausgabe war etwas über die Seuche zu lesen. Dort fand sich ein etwas pathetisch anmutender Appell: "Je schwieriger die Situation, desto einiger das chinesische Volk. Das wurde immer wieder von der Geschichte und der Realität bewiesen." Und die parteinahe Zeitung "Global Times" dankte den Bürgern von Wuhan für ihre Opferbereitschaft.

Im chinesischen Internet ist es verhältnismäßig ruhig. Das dürfte an der massiven Zensur der Behörden liegen: Die "Verbreitung von Gerüchten", die öfter als 500 Mal geteilt und von mehr als 5000 Menschen gelesen werden, ist seit 2013 strafbar. Mittlerweile lässt die Regierung auch Nachrichten über das Virus löschen. 

Viele Chinesen dürften die Situation etwas pragmatischer sehen: Innerhalb von zwei Tagen waren auf Taobao, dem größten chinesischen Online-Shopping-Dienst, 80 Millionen Atemschutzmasken verkauft.

Zumindest hat Peking aus dem Debakel der Sars-Pandemie gelernt. Als die Lungenkrankheit Ende 2002 in Südchina ausbrach, verheimlichte die chinesische Regierung dies mehrere Monate lang. Damals starben 800 Menschen, 3000 wurden infiziert. Der wirtschaftliche Schaden war enorm. Dieses Mal kommunizierte die chinesische Regierung schneller und besser – nach außen, nicht unbedingt nach innen, zu den eigenen Bürgern.

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