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Corona-Übertragung Wie Indoor-Konzerte mit Tausenden Besuchern trotz Corona möglich wären – und was sich Schulen abschauen können

Live-Konzert im Rahmen einer Corona-Studie
Endlich wieder auf ein großes Live-Konzert: Im Rahmen einer Corona-Studie war das in Barcelona möglich.
© Adria Puig / Picture Alliance
Große Veranstaltungen sind in der Corona-Pandemie zur Gefahr geworden, das Risiko sich anzustecken gilt als hoch – vor allem in geschlossenen Räumen. Das muss aber nicht sein. Eine Studie aus Spanien zeigt, dass es auch anders gehen kann.

Tausende Besucher, ein Konzert, Indoor – derzeit eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Schließlich ist Pandemie. Im Stadion Palau Sant Jordi in Barcelona fand trotzdem eines statt. Und nicht etwa illegal, sondern im Zeichen der Wissenschaft. Ein Test. Man wollte herausfinden, ob es möglich ist, Massenveranstaltungen durchzuführen, ohne sie zum Superspreader-Event werden zu lassen. Die Ergebnisse machen nicht nur der Kulturbranche Hoffnung, auch andere Bereiche können von dem Versuch lernen.

In einem vorangegangenen, kleiner angelegten Versuch mit 465 Menschen bei einer Indoor-Veranstaltung hatten Forschende bereits getestet, welche Effekte sogenannte Point-of-Care-Screenings, also Antigen-Schnelltest auf Corona, für deren Auswertung kein Labor benötigt wird, das Maskentragen und die richtige Belüftung hinsichtlich der Übertragung des Virus haben. Aufbauend darauf folgte Ende März dann die größer angelegte Untersuchung mit knapp 4600 Teilnehmenden. Die Ergebnisse von dem Groß-Konzert wurden jetzt im Fachblatt "Annals of Internal Medicine" veröffentlicht.

Ohne Schnelltest kein Einlass

Wer an dem Rockkonzert teilnehmen wollte, musste Zeit mitbringen. Denn rein kam nur, wer sich testen ließ. Um acht Uhr am Morgen startete ein Team von 74 Krankenschwestern mit den ersten Schnelltests, um 15 Uhr legten sie die Stäbchen nieder. Jeden einzelnen Gast hatten sie in dieser Zeit direkt vor Ort, an den drei Screening-Stationen am Stadion, getestet. Bei sechs davon fiel der Test positiv aus, für sie war das Konzert aus, bevor es begonnen hatte. Auch zwei Kontaktpersonen mussten wieder abtreten, obwohl deren Test negativ ausgefallen war.

4584 Menschen nahmen letztlich an dem Konzert teil. Die Teilnehmenden wurden in drei voneinander abgegrenzten Bereichen gruppiert, weitere Abstandsregeln gab es nicht. Es durfte gesungen und getanzt werden, das Masketragen war während der gesamten Veranstaltung obligatorisch. Vorschrift waren Masken, die mindestens 94 Prozent der Aerosole filtern können. Zudem wurde die Belüftung angepasst. Pro Stunde wurde die Luft sechsmal komplett ausgetauscht. Am Ende der Studie stand eine 6. Das ist die Summe der Menschen, die in den nachfolgenden 14 Tagen positiv auf Covid-19 getestet wurden. Keiner der Betroffenen war zum Zeitpunkt der Infektion gegen das Coronavirus geimpft.

Studie: Konzerte trotz Corona?
So sah es aus, als im März Tausende bei einem Rock-Konzert in Barcelona feierten - als Teil einer Corona-Studie.
© Adria Puig / Picture Alliance

Drei der Betroffenen konnten in der Folge mit anderen Infektionsfällen in Zusammenhang gebracht werden, die nichts mit dem Konzert zu tun hatten. Dass die Ansteckung auf dem Konzert stattgefunden habe, sei daher "unwahrscheinlich". Eine Infizierte war oligosymptomatisch, entwickelte also wenige Symptome. Sie war sowohl vor dem Einlass als auch 24 Stunden nach dem Konzert negativ auf Sars-CoV-2 getestet worden. Vier Tage nach dem Konzert bestätigte allerdings ein PCR-Test die Corona-Infektion. Sie hatte das Konzert also, so der Rückschluss der Forschenden, während der Inkubationszeit besucht. Die Inkubationszeit ist die Dauer ab Ansteckung bis zur Erkrankung. Beim Coronavirus beträgt diese im Mittel fünf bis sechs Tage. Ab welchem Zeitpunkt ein Mensch, der sich infiziert hat, ansteckend ist, variiert. Aber eine Übertragung ist bereits vor Krankheitsbeginn möglich. In zwei Fällen konnte die Übertragungsquelle nicht festgestellt werden.

Ein Vorbild für die Zukunft?

Als das Test-Konzert stattfand, lag die 14-tägige Inzidenzrate in Barcelona bei 259,5 Fällen pro 100.000 Einwohnern. Vollständig immunisiert waren zu diesem Zeitpunkt 6,3 Prozent der Bevölkerung, vorrangig Ältere und Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Vergleiche dieser Inzidenzrate und der, die unter den Konzert-Teilnehmern beobachtet wurde, schlössen sich aufgrund des Untersuchungsansatzes aus. Eine weitere Einschränkung sei, dass aufgrund der epidemiologischen Informationen, die verwendet wurden, asymptomatische Fälle "übersehen" werden könnten, "die bis zu 40 Prozent der Covid-19-Fälle ausmachen können". Zu Bedenken ist auch, dass die Studie ein paar Monate zurückliegt. Inzwischen breitet sich die Delta-Variante aus, die hochansteckend und gefährlicher ist als andere Varianten. In Spanien hat das zuletzt wieder zu einem enormen Anstieg der Fallzahlen geführt, Barcelona gilt als ein Hotspot. 

Dennoch deuten die Ergebnisse darauf hin, so die Forschenden, dass die Kombination aus Schnelltests am Tag der Veranstaltung, Tragen von Masken und Belüftung hohe Ansteckungsraten bei Live-Konzerten in geschlossenen Räumen ohne Abstandsregeln verhindern könne. Die Ergebnisse seien "ein wichtiger Schritt für die Schaffung sicherer Umgebungen nicht nur bei Live-Musikveranstaltungen, sondern auch bei anderen Indoor-Massenveranstaltungen". 

Das sieht auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach so. Die Studie zeige, dass die Kombination aus Schnelltest und Maske auch große Clubbesuche sicher erlauben dürfte. "Maske plus Schnelltests dürften alle Superspreader identifizieren oder unschädlich machen", kommentierte er auf Twitter. Er sieht das Paket an Schutzvorkehrungen auch als Option an anderer Stelle: Schulen. Sollten Kinder im Herbst nicht gegen Corona geimpft sein, wäre das, so Lauterbach, "ein Plan B".

Quelle: Annals of Internal Medicine

tpo

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