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Der stern im Homeoffice: Wie wir jetzt arbeiten – Journalismus in Zeiten von Corona

Interviews, Recherchen, Reportagen schreiben - Journalismus entsteht auf der Straße. Beim stern sind das nicht nur deutsche Straßen, sondern auch die großen Städte dieser Welt. Ein Großteil der Arbeit wird aber auch im Verlag am Hamburger Baumwall erledigt - in großen Büros, mit vielen Menschen. Bis vor einigen Tagen. Inzwischen entsteht der stern in vielen, vielen Wohnungen. Das ist Journalismus in Zeiten von Corona.

stern-Redakteure im Homeoffice

Auch die Mitarbeiter des stern - Redakteure, Reporter, Sekretärinnen - arbeiten inzwischen weitestgehend in den eigenen vier Wänden.

Es ist noch gar nicht so lange her, da saßen wir am Konferenztisch beisammen und redeten über das, was unser Korrespondent Philipp Mattheis aus China berichtete: Wuhan, Virus, eine ganze Stadt unter Quarantäne, eine Provinz der Größe Frankreichs – einfach abgeriegelt, irre. In Wuhan, erzählte er, würden Menschen auf den Fluren der Kliniken sterben, es gebe nicht genug Betten, das System sei völlig überlastet. Wir bewunderten das Krankenhaus, das die Chinesen binnen weniger Tage hochzogen und stellten Mutmaßungen darüber an, wie schlimm die Lage in dem abgeschirmten Land tatsächlich sein müsse, wenn die Regierung so drastische Maßnahmen ergreift, dass sogar die Wirtschaft lahmgelegt wird. Als unser Korrespondent wenig später ankündigte, er werde das Land und seine Wohnung in Shanghai verlassen, weil es zu Ausgangssperren kommen würde, fanden wir das aus seiner Sicht nachvollziehbar. Für uns selbst war all das jedoch sehr weit weg. Dann kam Italien. 

Seit vergangener Woche ist unser Konferenztisch nun verwaist. Und der Redaktionsraum, in dem es gerade zu Krisenzeiten sonst besonders hektisch zugeht, steht leer.

Natürlich haben wir trotz allem Glück. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen lässt sich die Arbeit einer Redaktion leicht – und Dank einer Meisterleistung der technischen Abteilungen auch recht problemlos – ins Homeoffice verlagern.

Der stern entsteht nun an vielen verschiedenen Orten  

Das Magazin und die Webseite entstehen nun an vielen verschiedenen Orten. An Küchentischen, in Kinderzimmern, zwischen Wäscheständern und im engen Kontakt mit all jenen, die sonst noch zum Haushalt gehören. Statt am Tisch versammeln wir uns in virtuellen Konferenzräumen. Manchmal treffen wir dort auch Kinder und Haustiere unserer Kollegen, manchmal gefriert der Video-Chat zum Standbild, und jeder für sich hofft, dass es einen selbst nicht so ungünstig erwischt. Unsere Bildredaktion hält Kontakt zu den Fotografen, die an den verschiedenen Brennpunkten in aller Welt vor Ort sind. Die Grafik layoutet Geschichten über die Krise, die nun nicht mehr nur in fremden Ländern spielen. Corona bestimmt unser Leben – aber es muss auch noch andere Themen geben, auch dafür gibt es ein Treffen in einem virtuellen Raum. Kurz: Es läuft anders, aber es läuft. Wir haben bei Kollegen aus unterschiedlichen Bereichen nachgefragt, wie es für sie ist, den stern von zu Hause aus zu machen.

Abschied vom Baumwall - ohne Umarmungen

Derik Meinköhn, Chef vom Dienst – in den vergangenen Tagen vor allem Schnittstelle zwischen IT und Redaktion: 

"Ich habe vergangene Woche 1056 Mails bekommen, davon 102 zum Thema Homeoffice. Dazu kommen Teams- und Skype-Nachrichten und Chats, sowie WhatsApp- und Handyanrufe. Die verteilen sich natürlich nicht über den Tag, sondern kommen vermehrt zu Kernarbeitszeiten. Alle Systemmeldungen habe ich mit Filtern ausgeblendet, die restlichen ca. 800 nach Betreff in wichtig und unwichtig eingeteilt. Alle unwichtigen habe ich erst abends abgearbeitet. Ein großes Problem ist die Netzwerk-Geschwindigkeit. Das Senden von großen Daten dauert aus dem Homeoffice länger, weil nicht jeder eine gute Leitung hat. Vergangenen Freitag habe ich als Letzter die Redaktionsräume am Baumwall in Hamburg verlassen. Es war schon ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass man die Kollegen jetzt ein paar Wochen nicht mehr sehen wird. Sehr wehleidig. Ich hätte zum Abschied am Liebsten jeden, der noch verbliebenen Kollegen in den Arm genommen – ging aber nicht wegen Corona."

Arbeiten im Stillstand – Reporter mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit

Philipp Mattheis, China-Korrespondent mit Wohnort in Shanghai:

"Ich bin jetzt seit drei Wochen in Hongkong. Nach Shanghai zurückzukehren, bedeutet im Moment zwei Wochen Quarantäne zu Hause. Wenn ich Pech habe, sogar in einem Isolations-Zentrum. Das aber kann sich jeden Tag ändern, deswegen warte ich noch ab. Hongkong ist momentan nicht der schlechteste Aufenthaltsort: Die Fallzahlen steigen zwar auch hier, sind aber noch im niedrigen dreistelligen Bereich. Mit unserer Assistentin in Shanghai telefoniere ich täglich. Sie traut den chinesischen Zahlen zu Corona nicht, und hat deswegen seit Wochen das Haus nicht verlassen." 

Nicholas Büchse, USA-Korrespondent, New York:

"Eigentlich sollte ich in diesen Tagen inmitten großer Menschenmengen stehen und über den Wahlkampf berichten. Jetzt sitze ich in New York City fest, die Geschäfte sind geschlossen, selbst Broadway und Fifth Avenue menschenleer, die Anweisung lautet: zu Hause bleiben. Unsere Kinder halten Videokonferenzen mit ihren Klassen und Kindergartengruppen, der Unterricht läuft für sie erstaunlich problemlos digital. Ruhe zum Telefonieren finde ich allerdings nur noch auf der Dachterrasse unseres Mietshauses. Dort traf ich neulich einen Nachbarn, der ist Architekt und sägte eine Spanplatte zu. Für seinen neuen Homeoffice-Arbeitsplatz im Kinderzimmer. Seine Kinder halten seit einer Woche das Wohnzimmer besetzt." 

Coronavirus in den USA: stern-Korrespondent Nicolas Büchse kommentiert die Lage in New York

Jan Rosenkranz, Politik-Reporter, Berlin:

"Wohl dem, der jetzt ein Arbeitszimmer sein Eigen nennen darf – ich gehöre leider nicht dazu. Die Folge: Nutzungskonflikte, so die zivile Umschreibung für den Kampf einer vierköpfigen Familie um Arbeitsplatz. Wenn ich den Schreibtisch meines Sohnes erobere, kann ich das Bettenhaus der Charité sehen. Vom Schreibtisch meiner Tochter aus erahne ich das Dach des Bundesministeriums für Gesundheit. Ich bin mittendrin und doch so weit weg. So richtig viel verpasst man als Reporter jedoch derzeit nicht im Berliner Regierungsviertel. Im Zentrum der Macht herrscht sanatoriumshafte Ruhe. Die Terminvorschau für die kommende Woche, sonst ein Konvolut von gefühlt mehreren Dutzend Seiten, ist geschrumpft auf eine knappe Handvoll Blätter. Sie enthält vor allem Absagen."

Silke Müller, Gesellschafts-Reporterin, Berlin:

"Viele Journalisten schreiben gern über sich. Ich nicht. Ich bin Reporterin geworden, weil ich alle anderen interessanter finde als mich. Nun klebe ich im Homeoffice fest. Der Stillstand verursacht Phantomschmerz: Es tut weh, was nicht mehr da ist. Die Kulturszene säuft gerade ab. Und zwar jeder für sich allein. Befreundete Künstler können ihre Bilder wieder einpacken, weil über Jahre vorbereitete Ausstellungen abgesagt werden. Die Jobs, mit denen sie sich finanziell über Wasser halten, fallen weg. Die Berliner Clubcommission organisiert Livestreams, aber es deprimiert mich, die DJs im Glitzerschein der Discokugeln zu sehen und dabei im Licht meiner Schreibtischlampe auszuharren. Weil ich kein Spielverderber sein will, ordere ich zwei Soli-Sweatshirts mit der Aufschrift "United we stream". Meine Kinder schlafen lange, frühstücken spät, hören laut Musik und jagen sich mit virtuellen Autos durchs Netz. Sie leiden unter dem Gebot sozialer Distanz. Dabei beherrschen sie alle möglichen Varianten von Konferenzschaltungen, während wir Kommunikationsprofis beim Skypen oft noch Schleifen drehen: 'Hört Ihr mich? Ich sehe Euch nicht!'"

Rolf-Herbert Peters, Gesellschafts- und Politik-Reporter, Büro Nordrhein-Westfalen:

"Hier im Kölner Raum, im 'Epi'-Zentrum der Seuche, nicht weit von Heinsberg entfernt, ist unsere Bewegungsfreiheit schon länger eingeschränkt. Aber ich mache weiter. Kürzlich erst war ich auf Reportage bei der Tafel in Bochum, wo die Bedürftigen, die ohnehin wenig zu lachen haben, unter Corona leiden. Ich bin sehr vorsichtig, aber ohne Angst: Zwei Meter Abstand sind selbstverständlich. Und ich lasse kein Handwaschbecken aus. Die irrsten Erlebnisse finden im örtlichen Supermarkt statt. Die Emotionen kochen hoch. Neulich machte eine Frau eine andere verbal zur Schnecke, weil sie 20 Pakete Klopapier in ihrem Wagen transportierte. Nach der heftigen Gardinenpredigt antwortete die vermeintliche Hamsterin leise: 'Danke. Darf ich nun endlich die Ware ins Regal räumen?'"

Aktualität im Schichtbetrieb: stern.de ist fast rund um die Uhr im Einsatz

Felix Haas, Redaktionsleiter stern.de:

"Homepage steuern von zu Hause, Kollegen und Texte koordinieren von zu Hause: Normalerweise lebt unser Newsroom vom direkten Austausch, schnell mal ein Zuruf zu einer Nachricht hier, schnell mal eine Absprache zu einem Text da. Jetzt sitzen alle zu Hause. Das Wichtigste bleibt die unmittelbare Kommunikation. Also kurz anrufen. Kurz bei "Teams" chatten. Hauptsache, die wichtigen Fragen schnell gemeinsam klären: Ist die Nachricht verifiziert? Ist es eine Eilmeldung? Über welchen Kanal soll wann was raus? Sonderlagen erfordern aber auch besondere Strukturen: mehr Kollegen vormittags, mehr Kollegen abends. Morgens spricht schließlich immer das Robert-Koch-Institut, abends dann die Kanzlerin, Minister oder Ministerpräsidenten. Viele Meldungen, so wichtig für unser aller Leben, dass sich auch die Erfahrenen aus dem Team erst an die Taktung der entscheidenden Nachrichten gewöhnen müssen. Trotzdem wollen wir natürlich einsortieren, erklären und die richtigen Fragen stellen. Das wollen wir immer: Egal ob zu Hause oder im Newsroom, egal ob um 6 Uhr morgens oder um 24 Uhr nachts."

Qualitätssicherung: Lektorat und Dokumentation

Andrea Wolf, Schlussredakteurin:

"Normalerweise arbeiten wir im Verlag; jeder von uns sitzt vor zwei großen Monitoren und liest auf Din-A-3-Ausdrucken die stern-Artikel Korrektur – auf Rechtschreibung, Grammatik, Stil und Plausibilität. Jetzt sitzen wir alle zu Hause, ich zum Beispiel mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen, die laufend per E-Mail Arbeitsaufträge aus der Schule bekommen. Sie sind damit gut beschäftigt, aber wir Eltern auch, schon allein, weil die Aufgaben über unsere E-Mail-Accounts kommen. Wenn meine Söhne etwas miteinander klären wollen, rufen sie es sich von Zimmer zu Zimmer zu. Unsere Nachbarn haben zwei kleine Kinder, die gefühlt den ganzen Tag über den Flur flitzen, was in unserer Altbauwohnung klingt, als sei eine Elefantenhorde unterwegs. Es ist also viel lauter als normalerweise, und die Texte lese ich jetzt auf meinem kleinen Laptop. Ich hätte einen größeren Bildschirm aus der Redaktion mitnehmen können, aber so viel Platz ist auf unserem Esstisch nicht – mein Mann arbeitet ja auch im Homeoffice.“

Andreas Mönnich, Leiter der Abteilung Fact-Checking:

"Wir sind zum Glück schon immer ein sehr gut funktionierendes Team. Nur so können wir besonders am Redaktionsschluss unter Dampf erfolgreich arbeiten. Man hilft sich gegenseitig. Was jetzt fehlt, ist der schnelle Zuruf zum Kollegen ins Nachbarzimmer. Nun konferieren wir zumindest täglich ein- bis zweimal miteinander per Video-Chat. Und hoffen, dass unsere Team-Skills auch von zuhause aus funktionieren... und dass das W-Lan nicht unter der Last der ganzen Homeoffice-Nachbarn zusammenbricht. Alles wird gut!"

Kolleginnen aus den Sekretariaten sichern den Zusammenhalt

Das Papier wird geliefert, die Druckerei kann arbeiten, die Auslieferung funktioniert, wenn es auch an einigen Grenzübergängen zu Verzögerungen kommen kann. Die Kolleginnen aus den Sekretariaten – und es sind alles Kolleginnen – halten, wie sonst auch, den Zusammenhalt aufrecht: Sie helfen, wenn jemand Probleme mit der Technik hat; kümmern sich um freie Mitarbeiter, um Rechnungen, um verwirrte Redakteure. Und auch um die Leserinnen und Leser. Die jedenfalls, so sagen sie, seien zurzeit sehr freundlich und verständnisvoll. Wie gesagt: Es läuft anders, aber es läuft. Und trotzdem sehnen wir uns alle nach der Zeit, wenn wir wieder im Büro sind – und über Corona und Quarantäne endlich in der Vergangenheitsform berichten können.

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