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Gut zu wissen So erkennen Sie, ob Sie mit den Zähnen knirschen

Viele Menschen merken gar nicht, wie sehr sie mit den Zähnen knirschen. Besonders nachts geschieht das Pressen und Mahlen meist unbewusst. Auf Dauer kann das schlimme Folgen haben.

Ist etwas mit den Zähnen nicht in Ordnung, merkt man das, weil es irgendwann wehtut. Doch es kommt vor, dass die Zähne leiden, ohne dass es gleich auffällt. Etwa wenn sie stark aufeinander gepresst und abgerieben werden. "Bruxismus" nennen Mediziner das ständige Zähneknirschen. Da es meist im Schlaf erfolgt, bleibt es oft unerkannt. Der Druck, der bei diesem Kraftakt entsteht, ist enorm: Er entspricht etwa dem Sechs- bis Zehnfachen der normalen Bisskraft, was für den Körper nicht ohne Folgen bleibt.

Woher kommt das Zähneknirschen?

Bruxismus kann psychische und anatomische Ursachen haben, manchmal auch beides in Kombination. Die häufigste psychische Ursache ist privater oder beruflicher Stress. Neuere Studien zeigen, dass Menschen, die zu Bruxismus neigen, Erholungsphasen nicht mehr richtig nutzen können. Das Knirschen ist ihre Art, Stress zu verarbeiten. Daneben können häufiger Alkoholgenuss, Atmungsstörungen im Schlaf und die Einnahme bestimmter Medikamente Bruxismus begünstigen. Auch schlecht eingepasste Kronen und Füllungen sowie Zahn- oder Kiefergelenkstörungen sind eine mögliche Ursache. Manche Patienten etwa können den Mund sehr weit öffnen, versuchen es aber zu vermeiden. Stattdessen gewöhnen sie sich eine Schonhaltung an, die dazu führen kann, dass die Muskeln nachts hyperaktiv sind und der Kiefer gepresst wird. Auch eine falsche Körperhaltung, ein Schleudertrauma oder eine Narkose sind als mögliche Ursachen denkbar.

Ist Zähneknirschen weit verbreitet?

Jeder kennt Phasen, in denen er "die Zähne zusammenbeißen" muss. Insofern betrifft das Leiden viele Menschen. Laut Bundeszahnärztekammer mahlt jeder Zweite hin und wieder mit den Zähnen. Bei etwa einem Zehntel der Bevölkerung handelt es sich jedoch um ein dauerhaftes Problem. Am häufigsten betroffen sind Menschen zwischen 30 und 45 Jahren, Frauen eher als Männer.

Woran erkennt man, dass man mit den Zähnen knirscht?

Sind die Zähne bereits angegriffen, kann der Zahnarzt Hinweise auf Bruxismus erkennen. Typisch sind stark abgeschliffene Schneidezähne, sogenannte Schliff-Facetten, empfindliche Zähne oder freigelegte Zahnhälse. Aber auch wenn noch keine Zahnschäden sichtbar sind, gibt es Symptome, die auf Bruxismus hindeuten. Dazu gehören Kopf- und Nackenschmerzen, ein knackender Kiefer, das Gefühl, morgens nicht richtig erholt zu sein, oder eine Art Muskelkater oder Druckgefühl im Kiefer. Manchmal ist es der Partner, der von den lauten Knirschgeräuschen nachts wach wird und einen darauf hinweist.

Wann sollte man zum Zahnarzt gehen?

Der Zahnschmelz ist das härteste Material, das der Körper bildet. Bis die Zähne abgeschliffen sind, dauert es also eine Weile. So weit sollte man es nicht kommen lassen. Typische Anzeichen von Bruxismus sind Abdrücke der Zähne an der Zunge oder an den Innenflächen der Wangen. Spätestens, wenn Kaumuskulatur oder Kiefergelenk schmerzen oder in irgendeiner Form eingeschränkt sind oder wenn sich der Mund nicht mehr richtig öffnen lässt und der Kiefer knackt, sollte man den Zahnarzt aufsuchen. Allerhöchste Zeit wird es, wenn die Zähne erkennbar angegriffen sind.

Welche Folgen hat es, wenn das Knirschen unbehandelt bleibt?

Die Zähne nehmen Schaden. Der extreme Druck greift den Zahnschmelz an, es können Risse entstehen. Die Zähne werden möglicherweise empfindlicher und schmerzen, schlimmstenfalls brechen sie sogar. Auch der Kiefer leidet: Sind Gelenke und Muskulatur in ihrer Funktion gestört, sprechen Experten von einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Viele Patienten berichten von Schwindel, auch Tinnitus kann eine mögliche Folge von Kiefergelenkproblemen sein. Letztlich kann die gesamte Wirbelsäule in Mitleidenschaft gezogen werden, in Extremfällen bis hin zu Hüftbeschwerden oder einem Beckenschiefstand.

Hilft die Knirscherschiene?

Die sogenannte Okklusionsschiene, ein durchsichtiger Überzug aus Kunststoff, den der Patient nachts tragen soll, wird oft als Sofortmaßnahme angefertigt. Diese Schiene kann hart oder weich sein und an den Ober- oder Unterkiefer angepasst werden. Die Kosten dafür trägt die Krankenkasse. Eine solche Schiene verhindert das Knirschen nicht, sie ist nur dafür da, die Zähne vor weiteren Schäden zu schützen. Problem hierbei: Ist sie nicht richtig angepasst, knirscht man mit ihr noch mehr und hat sie bald durchgebissen. Ein guter Zahnarzt wird zunächst versuchen, den Grund für das Knirschen zu finden, und daran seine Behandlung ausrichten. Hat er etwa einen bestimmten Stressfaktor ausgemacht und lässt sich dieser beseitigen, reicht das mitunter.

Gibt es weitere Behandlungsansätze?

Spezialisierte Zahnärzte (siehe Kasten) arbeiten zunächst mit einer "Entspannungsschiene". Diese sorgt dafür, dass die Zähne beim normalen Beißen nicht mehr aufeinanderpassen. Dadurch wird das beim Bruxismus gestörte Zusammenspiel zwischen den Muskeln und Nerven im Kiefer- und Gesichtsbereich entkoppelt. Der Patient lernt, sich umzugewöhnen. In der Regel lässt sich damit erreichen, dass sich die Muskulatur entspannt und das Problem bessert. Doch dafür braucht es Geduld, die Umgewöhnung geschieht nicht über Nacht. Die Therapie wird nicht vollständig von der Krankenkasse bezahlt.

Lindert Physiotherapie Beschwerden?

Physiotherapie eignet sich sehr gut als ergänzende Maßnahme. Wärmeanwendungen, Massagen und Lockerungsübungen helfen, Verhärtungen und Verspannungen in der Kiefermuskulatur zu lösen. Osteopathie kann ebenfalls durch den Ausgleich von Spannungen Linderung verschaffen. Auch Biofeedback, das an der Uni Münster seit 2005 in Kombination mit Physiotherapie bei diesem Krankheitsbild eingesetzt wird, kann helfen. Hierbei wird die Muskelanspannung mithilfe von Elektroden gemessen und an einen Computer übertragen. Ein akustisches Signal weist auf die Anspannung hin, sodass der Patient lernt, sie durch gezielte Entspannungsübungen zu lösen. Manche Patienten müssen überhaupt erst wieder lernen, wie sich Entspanntheit anfühlt. Die Kosten für diese Behandlung übernehmen die Krankenkassen allerdings nicht.

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Helfen auch Entspannungstechniken?

Ist Stress die Ursache des Bruxismus, können Techniken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung sinnvoll sein. Manchem hilft ein Ausgleichssport besser, ein anderer macht lieber Yoga oder übt sich in Achtsamkeit. Wichtig ist, mit dem behandelnden Arzt geeignete Methoden abzusprechen.

Wissenschaftliche Beratung:

  • Dr. Philipp-Cornelius Pott, Oberarzt an der Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover
  • Dr. Anne Wolowski, Oberärztin der Poliklinik für Prothetische Zahnmedizin und Biomaterialien der Universität Münster

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