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Der Investigativ-Blog: Auf den Spuren des pakistanischen Geheimdienstes in Islamabad

Er ist gefürchtet, Mythen umwittert, ein Phantom. Der Militärgeheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI). Die Behörde residiert in Islamabad, der nervösen Hauptstadt Pakistans, an deren Ausfallstraßen alle paar hundert Meter magere Polizisten in zerschlissenen Sandalen Wache schieben. Ihr näher zu kommen, erfordert Geduld. Schließlich ein Anruf am Vormittag, die Rufnummer ist unterdrückt. Der Journalist vom stern solle in der Hotellobby warten; ein Mann vom ISI hole ihn ab.

Das Hauptquartier des Geheimdienstes liegt im Distrikt G7. Meter-hohe Mauern, Nato-Stacheldraht, Kameras. Kein Namensschild, kein Logo. Draußen ist es staubig, der Verkehr der Großstadt tobt, Frauen betteln mit ihren Babys auf dem Arm. Fünf Sicherheitsschleusen müssen überwunden werden. Im Innern ist es muxmäuschenstill. Blumen wachsen neben verzierten Springbrunnen. Der saftige Rasen ist präzise getrimmt.

Ich habe diese Festung im letzten Herbst besucht. Einige Ergebnisse jener Recherchereise sind auch in die aktuelle stern.de-Geschichte über das kriselnde Verhältnis zwischen ISI und Bundesnachrichtendienst eingeflossen (Ziemlich beste Freunde). Die ISI-Mitarbeiter, die ich kennengelernt habe, erweckten einen durchaus kultivierten, intelligenten Eindruck. Nationalistisch ja, islamistisch nein. Beide Begriffe werden in der hitzig geführten Debatte über den pakistanischen Geheimdienst öfters verwechselt.

Ich frage einen Offizier des ISI: „Hand aufs Herz, machen Sie gemeinsame Sache mit Islamisten?“ „Nein.“ Pause. „Aber wenn es im Interesse meines Landes wäre, dann würde ich es tun.“

Ein verräterischer Satz, denn im nationalen Sinne wäre es durchaus - auch wenn der ISI dies nicht zugibt. Seine Rolle an der Seite Amerikas im „Kampf gegen den Terror“ hat Pakistan mit hunderten islamistisch motivierten Anschlägen im eigenen Land bezahlt. Man sollte jedoch differenzieren: Die Gruppen, die in Afghanistan Angst und Schrecken verbreiten, sind meist andere als jene, die in Pakistan zuschlagen. Das Haqqani-Netzwerk beispielsweise, in Afghanistan für einige der blutigsten Anschläge gegen die Amerikaner in jüngerer Zeit verantwortlich, hält in Pakistan bislang die Füße still. Insbesondere mit dieser Gruppierung, so die (plausiblen) Vorwürfe aus Washington, unterhalte der ISI eine strategische Allianz.

Nur: Wenn die Nato-Truppen vom Hindukusch abziehen, wird Haqqani noch dort sein. Wahrscheinlich wird er sogar kräftig Einfluss auf die Nachkriegsordnung in Afghanistan nehmen. Der ISI ist sich dessen bewusst. Sollten Armee und Geheimdienst jetzt gegen Haqqani in den pakistanischen Stammesgebieten militärisch vorgehen, wie der Westen es fordert, würde man es sich mit diesem wichtigen Player verscherzen. Das würde auf Kosten des eigenen späteren Einflusses im Nachbarland Afghanistan gehen. Auch wäre die Gefahr groß, dass Haqqani seine Bomben zukünftig in pakistanischen Städten zündet. Diese Erkenntnis darf gewiss nicht als Rechtfertigung dafür herhalten, Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Pakistanischen Nationalisten könnte sie gleichwohl als Handlungsgrundlage dienen.

Von: Johannes Gunst (hier in Islamabad, im Hintergrund die Rückseite des ISI-Hauptquartiers)