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Der Investigativ-Blog: Deutsche Imagepflege

Männlich, sportlich, jung und deutsch, mit einer Affinität zu Waffen und Kontakten in die rechte Szene. Die Mörder haben „Taten statt Worte“ sprechen lassen wollen und wahllos Migranten erschossen. Dieses Täterprofil „Typ Serienmörder“ hatten die Ermittler 2006 erstellt. Es entspricht erstaunlich genau dem, was man heute über Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt weiß, den Mördern vom Terrortrio „National Sozialistischer Untergrund“ (NSU). Doch ein anderes Tatmotiv für die neun Morde an neun Männern türkischer und griechischer Herkunft in ganz Deutschland wog scheinbar schwerer für die Ermittler: Organisierte Kriminalität im türkischen Milieu, es sei um Schutzgeld oder Geldwäsche gegangen, die Täter seien bezahlte Killer aus der Türkei. Die Spur mit der internen Ermittlungsnummer 195, die Spur in Richtung Neonazis, wurde von den Behörden nicht konsequent verfolgt, die Mordserie konnte bis zum Selbstmord von Mundlos und Böhnhardt am 4.November 2011 nicht aufgeklärt werden.

Warum das so war, das wollten Bundestagsabgeordnete des Untersuchungsausschusses zur Neonazi-Mordserie gestern von Wolfgang Geier in Berlin wissen. Der 58-Jährige hat von 2005 bis 2008 die bundesweite Sonderkommission „Bosporus“ geleitet. Er ist ein Mann, der in seinen fast 40 Jahren als Ermittler sicher hunderte Verdächtigte verhört hat, jetzt sitzt er selbst im Zeugenstand. Hier bezeichnet er sich als „überzeugter Anhänger der Serienmördertheorie“. Doch das BKA und die Ermittlungsbehörden aus den anderen Bundesländern hätten ihn dabei gebremst, den möglichen rechtsextremen Hintergrund der Taten weiter zu verfolgen.

Tatsächlich hat wohl Wolfgang Geier die zweite Profilanalyse erstellen lassen, der „Typ Serienmörder“ war ein neuer Ermittlungsansatz nachdem jahrelang erfolglos im Bereich der organisierten Kriminalität gefahndet worden war. Geier war es auch, der das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz um Angaben zu im Raum Nürnberg ansässigen bekannten Neonazis gebeten hat und erst acht Monate später eine Liste mit mehr als 600 Namen erhielt. Weil die NSU zwar drei der insgesamt zehn Morde in Nürnberg verübte, aber nie dort gemeldet war, fiel das Trio durch die Rasterfahndung. Geographisch ausgeweitet wurden die Ermittlungen im Neonazi-Milieu nicht, stattdessen fertigte Baden-Württemberg eine dritte Täterprofilanalyse: mit Schwerpunkt auf Organisierte Kriminalität.

Während der fast fünfstündigen Befragung des Chef-Ermittlers wird klar: Es hat erhebliche Mängel in der Zusammenarbeit zwischen Polizei, Verfassungsschutzämtern und BKA gegeben. Doch Wolfgang Geier als alleiniger Vertreter der „Serienmördertheorie“?

Nach außen hat er diese These jedenfalls nicht vertreten. „Die Spur der Auftragsmörder führt in die Türkei“, zitiert die Bildzeitung den „Superpolizisten“ Wolfgang Geier Mitte April. Und obwohl das präzise Täterprofil "Typ Serienmörder” spätestens im Mai 2006 vorliegt, schließt er einen ausländerfeindlichen Hintergrund bis August 2006 weiter vehement aus. Schlimmer noch: Er äußert sich in dieser Zeit immer wieder fragwürdig über seine Ermittlungen in der „türkischen Paralellwelt“: Angesichts der Mauer des Schweigens, sagt Geier, habe er manchmal den Eindruck, dass „die Türken noch nicht in dieser Gesellschaft angekommen seinen“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung Ende Juli 2006. Während der zuständige Dortmunder Staatsanwalt Heiko Artkämper im Spiegel da bereits von einem „Durchgeknallten, der Migranten hasst“ spricht, sagt Geier: "Wir wissen sehr wenig."

Im Untersuchungsausschuss versucht Geier zu erklären, dass man die Vermutung eines rechtsextremen Täters nicht an die Öffentlichkeit tragen wollte, „um eine Hysterie unter türkischen Kleinunternehmern zu verhindern“. Angesichts der Angst und Trauer, die nach neun Morden an Migranten unter Zuwanderern in Deutschland ohnehin herrschte, kann man diese Einschätzung des Chef-Ermittlers nur zynisch nennen. Bereits im April 2006, kurz nach den Morden an Mehmet Kubasik und Halit Yozgat in Dortmund und Kassel, forderten Migrantenvereine die Polizei lauthals auf, endlich in Richtung Rechtsextremismus zu ermitteln, anstatt die Angehörigen weiter zu kriminalisieren. Einfluss auf seine Ermittlungen haben die migrantischen Stimmen nicht gehabt, sagt Wolfgang Geier nun in Berlin. Und auf die Medienstrategie habe man sich mit dem damaligen bayrischen Innenminister Beckstein geeinigt.

Eine Imagepflege für Deutschland kurz vor der Fußball-WM? Geier dementiert das. Doch der Zeitpunkt des neuen Tatmotivs in den Ermittlungen ist zumindest brisant: Im Frühsommer 2006 diskutiert Deutschland über No-Go-Areas im Osten für schwarze WM-Besucher. Nach dem rassistischen Mord am Überfall auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. in Potsdam im April 2006, sprechen deutsche Migrantenorganisationen und der Reiseführer Lonely Planet Reisewarnungen aus – Deutschland hat einen Ruf als sicheres Reiseland zu verlieren.

So macht Wolfgang Geier erst Anfang August 2006 das zweite mögliche Tatmotiv öffentlich: Eine “negatives Erlebnis mit einem Ausländer” könne die Mordserie ausgelöst haben, so Geier am 7. August 2006 in der Hamburger Morgenpost. Da ist die Fußball-WM längst vorbei, die schwarz-rot-goldenen Fahnen hängen immer noch und Deutschland feiert das Sommermärchen und den „neuen deutschen Patriotismus“.

von: Lena Kampf