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Der Investigativ-Blog: Geburtsstunde des investigativen Journalismus

Mit einer Enthüllung im stern „etablierte“ Michael Heinze-Mansfeld vor über 60 Jahren „den investigativen Journalismus in Deutschland“. So stand es kürzlich in der FAZ. Stimmt das?

Der Scoop des Michael Heinze-Mansfeld, geboren als Eckart Heinze, macht ihn zu einem Vorbild für engagierte Journalisten. Der freie Reporter recherchierte 1950 wochenlang undercover in der Nervenklinik Eichberg im Rheingau. In der Nazizeit wurden dort behinderte Menschen ermordet. Fünf Jahre später quälten Ärzte mit Nazi-Vergangenheit psychisch kranke Patienten mit sadistischen Methoden – die Bezeichnungen sprechen für sich selbst: „Kotzspritze“, „Dauerschlaf“ oder „Schlafspritzen“. Sogar einen Todesfall recherchierten Heinze-Mansfeld und der Fotograf Rudolf Sievers. Der stern druckte die Enthüllung in der Ausgabe vom 9. Juli 1950 unter der Überschrift „Wir fragen die Ärzte von Eichberg“. Das Honorar betrug übrigens für Text und Bilder 1250 Mark. Die erschütternden Ergebnisse der Recherche steckten in den prägnant getexteten Bildunterschriften und in einem Fragenkatalog an den Chefarzt und den Oberarzt der Klinik.

Schockierend ist auch heute noch, welche Halbgötter mit braunem Denken damals Patienten traktierten und wie kaltschnäuzig sie sich aufführten: „Wenn Sie diese Dinge veröffentlichen, so kann ich Ihnen garantieren, daß Sie auf Grund meiner Beziehungen von heute auf morgen kein Journalist mehr sein werden“, drohte Oberarzt Ohm dem stern-Reporter. In Frageform verpackt standen weitere Erkenntnisse: „Ist es wahr, daß Dr. Hinsen, der in einer der Euthanasie-Prozesse als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Kollegen aus der Nazizeit auftrat, selbst im Dritten Reich an der Sterilisations-Aktion beteiligt war?“ Antworten bekamen die Kollegen damals zunächst keine.

Die furchtbaren Mediziner reagierten stattdessen mit juristischen Mitteln. Die Ausgabe des stern wurde zunächst beschlagnahmt, wie Tim Tolsdorff in der FAZ ("Der erste Enthüller – als der "Stern" seine "Spiegel-Affäre" hatte") schreibt. Als es zunächst so schien, die Vorwürfe des stern-Reporters seien nicht haltbar, gingen die Ärzte vor Gericht. Schnell entwickelte sich das Verfahren abseits von strittigen und teils korrigierten Details in dem Artikel zu einem Fanal für freien, kritischen Journalismus in der jungen Bundesrepublik.

Für den Zeit-Autor und späteren Chefredakteur Josef Müller-Marein, der das Verfahren unter seinem Pseudonym „Jan Molitor“ kommentierte, war es der „größte Journalisten-Prozeß, der je vor deutschen Gerichten stattfand.“ Denn er sei „von der höchsten Bedeutung für die Frage“ gewesen, „was unter den Begriffen „Aufgabe“ und „Freiheit der Presse“ zu verstehen sei.“

„Deshalb haben die angeklagten Journalisten, die gegen das Urteil Revision einlegten, mehr verteidigt als sich selbst. De jure verurteilt, sind sie moralisch die Sieger. Und was das in Wiesbaden ausdrücklich anerkannte Vorrecht der Journalisten betrifft, so ist dies deshalb interessant, weil dem Sagen-Dürfen etwas gegenübersteht, was in der Demokratie jedermann auszeichnet: das Erfahren-Dürfen.“

Jan Molitor (Josef Müller-Marein) 1952 in der Zeit

„Mit seinen Recherchen etablierte Heinze-Mansfeld den investigativen Journalismus in Deutschland.“

Tim Tolsdorff am 9.11.2012 in der FAZ

Und was machte eigentlich Michael Heinze-Mansfeld nach den Enthüllungen im stern?

Ein Jahr später deckte er für die Frankfurter Rundschau die Nazi-Vergangenheit zahlreicher deutscher Diplomaten auf. Die SPD setzte im Bundestag gegen den Widerstand des CDU-Kanzlers Adenauer einen Untersuchungsausschuss durch.

Die Arbeit Michael Heinze-Mansfelds hat viel bewirkt. Sinnvolle Veränderungen in Gesellschaft und Politik, bessere Verhältnisse. Das Auswärtige Amt musste bei der Personalauswahl genauer hinschauen. Und die Patienten in psychiatrischen Kliniken in Hessen genossen nach den stern-Enthüllungen mehr Rechte. Für seine Recherchen musste Michael Heinze-Mansfeld Widerstände überwinden, hartnäckig dran bleiben. Das macht ihn zweifellos zu einem Pionier des investigativen Journalismus in Deutschland.

Trotz seiner Erfolge wandte sich der Enthüller später vom Journalismus ab. Er schrieb Sachbücher, Romane und zahlreiche Drehbücher, etwa für die Verfilmung des Romans "Die Brücke" von Bernhard Wicki. Mit nur 57 Jahren starb Michael Mansfeld, wie er sich später nannte, im Jahr 1979.

von Dirk Liedtke

Foto: stern