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Der Investigativ-Blog: Uwe Mundlos – ein deutscher Soldat

Er war der Bundeswehr als Neonazi bekannt. Dennoch wurde er an der Waffe ausgebildet. Akten zeigen, der MAD muss sich früher mit ihm beschäftigt haben, als das Verteidigungsministerium bisher einräumte.

Unter der Woche trägt Uwe Mundlos in der thüringischen Kyffhäuser-Kaserne die Bundeswehruniform, am Wochenende geht er mit roten Springerstiefeln und Bomberjacke auf Treffen der Neonazi-Szene. Mindestens zweimal fällt Mundlos während seines Wehrdienstes bei der Polizei auf, auch der Truppe bleibt seine rechte Gesinnung nicht verborgen - für seine Ausbildung an der Waffe hat das keine Konsequenzen. Die Akten, die stern.de ausgewertet hat, zeigen: Für die Bundeswehr war er zwar ein schlechter Demokrat, aber als Schütze gut genug.

Eine neue Abfrage aus einer Datenbank des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), die stern.de vorliegt, belegt, dass der MAD sich schon früher als bisher bekannt mit Mundlos beschäftigt haben muss: Bereits am 23.8.1994 hatten Dienstvorgesetze an der Kyffhäuser-Kaserne Meldung über sechs Soldaten gemacht, die "durch verschiedentliche RE-Verhaltensweisen auffällig wurden." RE steht für Rechtsextremismus - der MAD stufte sie als "neonazistische Skinheads" ein, ließ sich dann aber sieben Monate Zeit, um die Gruppe im März 1995 zu befragen. Darunter war Uwe Mundlos. Aus dem bereits öffentlich gewordenen Vernehmungsprotokoll geht hervor, dass Mundlos dabei gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, zukünftig mit Behörden zu kooperieren. Er verneinte. Laut Verteidigungsministerium sei dies allerdings kein Versuch gewesen, Mundlos als Quelle zu werben. Die Begründung: "Eine Anwerbung von Uwe Mundlos als Quelle des MAD war aufgrund seiner nur noch geringen Restdienstzeit nicht möglich und deswegen von vorneherein zu keiner Zeit beabsichtigt."

Der Dossier, das nun aus einer seit 2004 nicht mehr genutzten Datenbank zur Terrorabwehr beim MAD gewonnen werden konnte, ist der Gruppe zugeordnet - da die Akten der Operation aber laut Verteidigungsministerium aus Datenschutzgründen wahrscheinlich im Jahr 2000 gelöscht wurden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren, welche Einträge im einzelnen Mundlos galten. Aus der Aufstellung, die mit kryptischen Abkürzungen gespickt ist, geht allerdings hervor, dass der MAD sich mindestens zweimal mit den Vorgesetzen der sechs Wehrdienstleistenden beraten haben muss, außerdem sind sogenannte "Auskunftsersuche" an das Bundesamt für Verfassungsschutz und die Landesämter Thüringen, Sachsen, und Sachsen-Anhalt vermerkt. Fast ein Jahr hat sich der MAD mit Mundlos beschäftigt und das bereits knapp fünf Monate nach Beginn seines Wehrdienstes. Für den MAD waren Mundlos und seine fünf Kameraden "VFDL" - Verfassungsfeindlich.

Auszug aus MAD-Datenbank

Uwe Mundlos war kein "Staatsbürger in Uniform", das war in der Bundeswehr bekannt. Gerade vier Monate ist er Wehrdienstleistender bei den Panzergrenadieren, als Mundlos gleich an zwei Samstagen hintereinander von der Polizei kontrolliert wird. Anfang August 1994 ist er mit Freunden in Straubing zu Besuch. In einer Kiesgrube feiert die rechte Szene eine Grillparty. Als das indizierte Lied "Blut muss fließen" von der Nazigruppe "Tonstörung" läuft, greift die Polizei ein. Mundlos' Personalien werden aufgenommen.

Nur eine Woche später wird er in Chemnitz abermals von der Polizei aufgegriffen: In seiner Tasche finden die Polizisten ein Bild von Rudolf Hess, anlässlich dessen Todestages Neonazis in ganz Deutschland an diesem Tag demonstrieren. Ferner Uwe Mundlos' eigene Visitenkarte, darauf Hitlers Konterfei. Bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung in Jena werden Flugblätter der NPD sichergestellt und Kassetten mit rechter Musik.

Der Vorfall in Bayern führt zu einem Informationsaustausch zwischen den Polizeidirektionen Jena und Straubing, der Verdacht auf Volksverhetzung wird untersucht. In diesen Anfragen findet sich auch ein Hinweis darauf, dass sein Spind in der Kyffhäuserkaserne ebenfalls durchsucht worden sein muss. Zwar ist das Ergebnis der Durchsuchung in der Kaserne nicht in den Akten dokumentiert, der thüringische Verfassungsschutz hat aber bereits eingeräumt, dass sie stattgefunden hat.

Seine Vorgesetzen erfahren ohnehin von Mundlos' rechten Umtrieben in Chemnitz: Weil er in Untersuchungshaft sitzt, erscheint Mundlos am 15.8.1994 nicht wie befohlen zum Dienst. Sein Kompaniechef, dem Uwe Mundlos bis dahin nicht negativ aufgefallen war, will ein "Zeichen gegenüber anderen Soldaten setzen und die Disziplin in der Truppe aufrecht erhalten": Er beantragt sieben Tage Disziplinararrest beim Truppengericht Süd in Kassel.

Doch der Vorsitzende Richter sieht das anders: Es sei zwar an Mundlos' "politischen Verstand zu zweifeln", urteilt er, "eine Straftat oder ein Dienstvergehen begeht er dadurch aber nicht." Dem Disziplinararrest stimmt der Richter nicht zu, doch er weist darauf hin, dass dies die Bundeswehr nicht daran hindere, sich gegebenenfalls "von Menschen radikalpolitischer, verfassungsfeindlicher Gesinnung zu trennen".

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Der Kompaniechef denkt gar nicht dran: "Eine Entlassung aus dem Wehrdienst sei nicht vorgesehen, da es sich um einen Wehrpflichtigen handelt." Verfassungstreue bei Wehrdienstleistenden: Nebensache. Laut der Akten wird Uwe Mundlos also nicht diszipliniert, er erhält Ende September 1994 lediglich einen "Beschwerdebescheid". Am Tag darauf bekommt Mundlos wieder Post: seine Beförderung zum Gefreiten.

Ein Versäumnis, auch "nach der damals geltenden Vorschriftenlage", wie das Verteidigungsministerium in einer Bewertung gestehen musste. Weil zu dem Zeitpunkt bereits die Staatsanwaltschaft gegen Mundlos' ermittelte, hätte ein "Beförderungshindernis" bestanden, räumt BMVg-Staatssekretär Rüdiger Wolf ein.

Vor dem Amtsgericht Chemnitz wird Uwe Mundlos Monate nach dem Ende seiner Wehrpflicht zu 600 D-Mark Strafe wegen Herstellung und Besitz von Propagandamaterial verurteilt. Ausgerechnet bei der Bundeswehr bleibt Strafe aus: Der spätere Rechtsterrorist wird weiter ausgebildet, am Sturm- und Maschinengewehr und an der Walther P1, wie das Schießbuch dokumentiert.

von: Lena Kampf

Foto: Reuters