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Der Investigativ-Blog: Was macht eigentlich…?

Zum Jahresende stellt sich die Frage, was aus den Hauptpersonen unserer Berichte wurde. Beate Zschäpe vom Zwickauer Nazi-Trio etwa schweigt in U-Haft, während ihre Schmusekatze bei einem Ausländer lebt.

Medienberichte über die Liebe zu ihren beiden Kätzchen und ihre Rolle als kochendes Mütterchen beim Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) verliehen der mutmaßlichen Naziterroristin stets auch etwas Menschliches. Dabei agierte Beate Zschäpe, auch ideologisch ultrarechts, stets auf Augenhöhe mit ihren Migranten mordenden Komplizen, wie der stern im Frühjahr in einem Porträt zeigte (stern Nr.17/2012: „Die Banalität des Bösen“). Zuletzt verweigerte Zschäpe ihre Mitarbeit für ein psychiatrisches Gutachten. Ihre Katzen Heidi (laut Zwickauer Tierheim eine „klassische Schmusekatze“) und Lilly („zickig und eigen“) wurden getrennt an neue Besitzer vermittelt. Die Schmusige nahm ein Mann auf, bei dem das Tierheim jede rechte Gesinnung „aufgrund des Äußeren definitiv ausschließt“.

Über einen Terrorverdächtigen ganz anderer Gesinnung berichteten wir im März: Der Deutsch-Türke Emrah Erdogan (Bild) galt damals als gefährlichster Islamist Deutschlands.

Wir enthüllten, wie sein Bruder Bünyamin Erdogan in den afghanisch-pakistanischen Stammesgebieten durch eine amerikanische Drohne getötet wurde – kurz nachdem er für ein Selbstmordattentat eingeplant worden war und das Bundeskriminalamt dies durch ein abgehörtes Telefonat erfahren hatte. Nach dem Tod des Bruders zog Emrah Erdogan (24) aus Waziristan Richtung Somalia und schloss sich der Terror-Miliz Al-Shabaab an. Im Frühjahr wurde er beim einem Angriff der kenianischen Armee im Süden Somalias verletzt. Am 10. Juni fassten ihn Terrorfahnder in Tansania. Kurz darauf wurde Emrah Erdogan nach Deutschland ausgeliefert, wo er in Einzelhaft auf seinen Prozess wartet.

Im Gefängnis sitzt auch ein Mann, der in unserer Berichterstattung über Manipulationen bei Fußballwetten als einer der Drahtzieher geoutet wurde. Paul Rooij wurde von der niederländischen Polizei, die ihn vor allem wegen Hehlerei suchte, im September 2012 festgenommen. Der Fußballprofi René Schnitzler hatte zuvor im stern behauptet, von Rooij 100.000 € bekommen zu haben, um Spiele des FC St. Pauli zu manipulieren. Wir recherchierten daraufhin Rooijs Aufenthaltsort, es kam zum Gespräch auf dem Amsterdamer Flughafen.
Das Bochumer Amtsgericht erließ gegen Rooij einen internationalen Haftbefehl wegen Betrugs im Zusammenhang mit Wettmanipulationen. Deutsche Ermittler haben ihn mittlerweile in einem Knast nahe Rotterdam zu seiner Rolle bei verschobenen Fußballspielen befragt. Die Staatsanwaltschaft Bochum beantragte seine Auslieferung. Dass man auch in Deutschland ordentlich aufbewahrt wird, hat Rooij bereits selbst erlebt: Wegen Drogenhandels musste er fünfeinhalb Jahre in zwei deutschen Gefängnissen absitzen.

Prominente Wettspieler in Deutschland haben dagegen Grund zum Feiern: Sie bleiben vorerst auf freiem Fuß. Denn kürzlich hob der Bundesgerichtshof (BGH) die Urteile gegen Ante Sapina und Marijo C. auf. Die Verfahren gegen sie und weitere Zocker müssen neu aufgerollt werden, die Urteile des Landgerichts Bochum in mehreren Prozessen sind somit nicht rechtskräftig.
Nach der BGH-Entscheidung hat zum Beispiel Tuna A., ein Zocker türkischer Herkunft, der in Dortmund als Übersetzer arbeitet, "gute Chancen, dass sein Urteil in weiten Teilen aufgehoben wird“, wie A.'s Anwalt sagt. Wegen Betrugs hatte das Bochumer Gericht den 57-Jährigen zu drei Jahren und acht Monaten Haft verdonnert. Nun ist Tuna A. wie andere Beschuldigte öfters in Wettbuden im Ruhrgebiet zu finden - und bei Rommé-Runden, wo man laut A.'s Anwalt aber "nur um Streichhölzer“ spielt. Beim Fußball soll einer der Zocker im Oktober das richtige Näschen für viele Tore in der Schlussphase gehabt haben. Deutschland kassierte nach 4:0-Führung gegen Schweden am Ende ein 4:4 und der Zocker angeblich mehrere Tausend Euro.

Einer der glücklichsten Betrüger des Landes ist vermutlich der Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi, der sich die gute Laune auch durch ein paar Querelen mit der Justiz nicht verleiden lässt.

"Verurteilt zu 7 Jahren Haft" prangt wie ein Gütesiegel auf seiner Website. Zwischenzeitlich verkaufte er Kunstwerke – diesmal aber mit dem Namen Beltracchi signiert. Im Dezember wurde er zu einer Zahlung von 2 Millionen Euro Schadenersatz an eine Käuferin eines gefälschten Bildes verurteilt. Das Geld stammt aus dem Verkauf einer Immobilie. An einem Kinofilm, bei dem der Sohn des Anwalts von Beltracchi Regie führt, wird derzeit noch gearbeitet. Die Inszenierung dauert an.

Bis er auf den Fälscher Beltracchi hereinfiel, war Werner Spies der deutsche Kunstpapst schlechthin und der weltweit führende Experte für das Werk des Surrealisten Max Ernst. Dann erklärte Spies sieben gefälschte Bilder für echt, verhalf so der Bande um Beltracchi zu mindestens 4,5 Millionen Euro und bekam selbst rund 400.000 Euro - als Provision für seine Gutachten.

In einem Exklusiv-Interview mit dem stern sprach Werner Spies über den Skandal. Er gab zu, dass ihm die Fälscher eine Mappe mit Zeichnungen gezeigt hatten, die angeblich von Max Ernst stammen sollten. Davon wusste noch nicht einmal die Staatsanwaltschaft.
Das Schreiben seiner Biographie, so erzählte uns Werner Spies beim Interview in Paris noch, habe ihm "ein bisschen Kraft gegeben". Nach monatelangem Rückzug zur Verarbeitung des Tiefschlags ist der Kunstkritiker seit Herbst mit seiner Biographie unterwegs. "Mein Glück" heißt sie. Sein Verlag hat Lesungen bis März 2013 in Deutschland und Frankreich organisiert. Auf 606 Seiten schildert der Autor seine Erinnerungen an große Künstler. Dem Skandal, der ihn vom Thron stieß, widmet er sich auf den letzten fünf Seiten: "Alles, was ich mit dem Namen des Fälschers Beltracchi verbinde, ist Unglück." Spies erzählt exakt so viel, wie öffentlich durch den Prozess gegen die Fälscherbande und Medienberichte bekannt war. Von weiteren Fälschungen ist keine Rede.

Und was machen eigentlich die chinesischen Hacker, über deren besondere Rolle im globalen Cyber-Krieg – politisch motiviert, aber offenbar ohne staatlichen Auftrag agierend - wir in unserem Report "Angriff aus dem Netz“ berichteten?
Einige von ihnen sind den chinesischen Sicherheitsbehörden mittlerweile ins Netz gegangen. Allein zwischen August und Oktober ließ die Polizei rund 700 kriminelle Hackerbanden auffliegen und nahm 8.900 Verdächtige fest. Gegen Internetkriminelle geht nicht nur China neuerdings härter vor. Indien will ein zentrales System aufbauen, um die Sicherheit im Internet zu beobachten. Zur Abwehr von Cyberangriffen sollen außerdem bis zu 500.000 IT-Spezialisten ausgebildet werden.

Das Thema Rechtsextremismus, die Skandale bei der versuchten Aufklärung der NSU-Terrortaten zogen sich für uns durch das gesamte Jahr 2012. Wir waren die ersten und einzigen, die dabei die dubiose Rolle von Staatssekretär

Klaus-Dieter Fritsche (CSU) beleuchteten (stern Nr. 38: "Operation Konfetti"). Fritsche war zum einen als Innenstaatssekretär für das Funktionieren und Versagen der Geheimdienste verantwortlich. Zum anderen konnte Fritsche steuern, welche Informationen und Akten dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zugingen, der die Pannen der Dienste während und nach der jahrelang unentdeckten Serie von Morden und Bankraube der NSU-Terroristen untersuchen sollte. Dass dieser Mann sich selbst als Vizepräsident im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) verheerende Fehleinschätzungen über die Nazikiller Mundlos und Böhnhardt geleistet hatte, konnten wir belegen. Fritsche musste sich danach im NSU-Ausschuss Fragen nach seiner Rolle beim Schreddern wichtiger Naziakten im Verfassungsschutz gefallen lassen. Die Forderung der SPD nach seinem Rücktritt nahm Deutschlands mächtigster Beamter angeknackst zur Kenntnis.

Das Team Investigative Recherche wünscht allen ein spannendes Jahr 2013!

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Fotos: Federico Gambarini/dpa, dapd, dpa, Jean-Luc Bertini