HOME

Der Investigativ-Blog: Weniger Antibiotika im Osten

Im Kampf gegen Infektionskrankheiten greifen Ärzte im Saarland besonders oft zu Antibiotika. In den neuen Bundesländern sind sie zu recht vorsichtiger. Eine statistische Spurensuche nach den Ursachen.

Saarländer wurden 2010 deutlich öfter mit Antibiotika behandelt als Brandenburger, Westdeutsche überhaupt häufiger als Ostdeutsche. Ein spannendes und gleichzeitig relevantes Ergebnis, das Forscher des Zentralinstituts für die kässenärztliche Versorgung (ZI) gestern bekanntgaben. Denn wo viele Antibiotika verabreicht werden, können sich auch gefährliche Resistenzen bei den Erregern schneller bilden. Weil solche Resistenzen zunehmen, rät inzwischen auch die Bundesregierung dazu, Antibiotika "umsichtig" – also nur wenn wirklich notwendig – einzusetzen.

Man wüsste deshalb gerne, wie die Sparsamkeit im Osten zustande kommt: Gibt es dort einfach weniger Krankheitsfälle, oder gehen die Ärzte tatsächlich schon heute achtsamer mit den Bakterienkillern um? Zumal die regionalen Muster sich verändern, betrachtet man unterschiedliche Altersgruppen. Kinder unter 15 Jahre werden zwar auch im Saarland am häufigsten mit Antibiotika behandelt, aber dahinter folgen drei neue Bundesländer – Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Solche Muster lassen sich am einfachsten auf eingefärbten Karten nachvollziehen. Diese beiden Screenshots stammen aus dem Versorgungsatlas des ZI. Die Bundesländer sind darauf umso stärker rot eingefärbt, je höher dort der Anteil der 2010 mit Antibiotika behandelten Krankenversicherten ist. Den höchsten Wert hat auf beiden Karten das Saarland – mit 37 Prozent bei allen Altersgruppen und 47 Prozent bei den 0 bis 14-Jährigen. Brandenburg und Schleswig-Holstein dagegen finden sich jeweils unter den Bundesländern mit den geringsten Quoten.

Die einfachste Erklärung wäre, dass es im Jahr 2010 eben regional unterschiedlich viele Fälle von Infektionskrankheiten gab. Das könnte man prüfen, bräuchte dafür aber die Diagnosedaten der Ärzte. Und die liegen leider noch nicht vor, so die ZI-Autoren. Ihre Vermutung zielt in Richtung Influenza: Möglicherweise werden in den neuen Bundesländern weniger Antibiotika verordnet, weil dort in der Regel mehr Menschen gegen Grippe geimpft sind. Denn die geht häufig mit bakteriellen Infektionen einher, die so behandelt werden können.

Diese Theorie lässt sich immerhin annäherungsweise testen. Denn die Influenza gehört zu den meldepflichtigen Infektionskrankheiten. Wie viele Influenza-Fälle 2010 gemeldet wurden, veröffentlicht das Robert Koch-Institut in einer offen zugänglichen Datenbank. Leider darf man aber von dieser Statistik nicht zu viel erwarten. Denn das Meldeverhalten ist nicht überall in Deutschland gleich ausgeprägt, erfahrungsgemäß werden Krankheitsfälle in den neuen Bundesländern mit einer höheren Wahrscheinlichkeit überhaupt erfasst. Und nicht jeder Grippe-Geplagte geht zum Arzt.

Doch auch wenn man das berücksichtigt, werden keine Korrelationen zwischen den Antibiotika-Verordnungen und den Influenza-Fällen sichtbar. Das zeigen die Punktwolken in dieser Grafik sehr schön, die sich ziemlich willkürlich über die Diagrammfläche verteilen. Kein deutlicher Zusammenhang also, noch nicht einmal statistisch.

Stattdessen liegen die Ursachen wohl auf der persönlichen Ebene, beim Arzt und seinem Patienten. Die Studie des ZI listet hier mehrere Einflussfaktoren auf, darunter den Sozialstatus, die persönliche Einstellung des Arztes und die Einbeziehung des Patienten bei der Therapieentscheidung.

Außerdem seien Ärzte in Ostdeutschland traditionell kritischer und zurückhaltender gegenüber Antibiotika. Noch zu DDR-Zeiten bemühte man sich dort, den Einsatz von Antibiotika zu begrenzen. Aber nicht, weil zu wenig davon verfügbar gewesen wäre. Sondern weil es ein Bewusstsein dafür gab, dass sich diese Medikamente quasi abnutzen – also unwirksam werden, wenn man sie zu häufig benutzt. Diese Erkenntnis hat sich in den neuen Bundesländern offenbar erhalten. Dass sie sich im ganzen Bundesgebiet verbreitet, ist längst überfällig.

von Christina Elmer

Foto: dpa

Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?