HOME

Der Investigativ-Blog: Wettstreit der Medaillen-Orakel

Ausgerechnet Ökonomen wollen vorhersagen, wie die deutschen Athleten in London abschneiden. Bislang waren ihre Prognosen erstaunlich treffsicher. Wir zeigen, was dahinter steckt.

Vier Eigenschaften brauchen Staaten für den olympischen Erfolg: viele Einwohner, ein hohes Einkommen, gute Resultate bei früheren Olympischen Spielen und Wettbewerbe im eigenen Land – also den berühmten Heimvorteil. Auf diesen Faktoren basiert die Prognose der Tuck School of Business im US-Bundesstaat New Hampshire.

Für London sagt das Tuck-Orakel den Vereinigten Staaten die meisten Medaillen insgesamt voraus, China jedoch die meisten Goldmedaillen. Deutschland landet auf Rang sechs der Nationenwertung – mit 39 Medaillen, davon 15 in Gold. Trifft diese Prognose ein, werden auch die französischen Athleten 39 Medaillen holen, aber mit nur sieben Goldmedaillen hinter Deutschland platziert sein.

Nach diesem Modell berechnen die Ökonomen aus New Hampshire schon seit dem Jahr 2000 die globalen Medaillen-Chancen. Ausgeklügelt hat es Andrew Bernard, Professor für internationale Wirtschaftswissenschaften. Wie jede wissenschaftliche Prognose basiert auch diese auf einem Blick in die Vergangenheit. Die Forscher analysierten, welche Faktoren mit Medaillen bei den Olympischen Spielen der vergangenen 40 Jahre korrelierten, also statistisch verknüpft waren. Wie zum Beispiel die Größe einer Nation. Je mehr Einwohner, desto mehr Talente. Und je höher das durchschnittliche Einkommen, desto umfangreicher die Förderung. Diese Einsichten aus der rückwärtsgewandten Forschung projizieren die Ökonomen dann auf die Zukunft – mit erstaunlichem Erfolg. Die Medaillen der Nationen in Sydney sagte das Modell zu 96 Prozent richtig voraus, für Peking zu 95 Prozent.

So beeindruckend die Trefferquoten auch sind, die Formel könnte noch besser sein. Das merkten Ökonomen von der Ruhr-Universität in Bochum, als sie ebenfalls nach den Olympischen Erfolgsrezepten suchten: "Unsere Daten haben gezeigt, dass der Erfolg eines Landes bei den vergangenen Olympischen Spielen auch davon beeinflusst wurde, wie emanzipiert die Frauen dort leben", sagt Sebastian Otten. Also erweiterten sie die Faktorenliste und stellten ihr eigenes Orakel auf die Beine.

Anders als ihre Kollegen sehen die Bochumer China in der Gesamtwertung mit 102 Medaillen knapp vor den USA (100) und Deutschland (36) knapp hinter Frankreich (39). Spannend ist auch die Prognose für die britischen Athleten: Beide Modelle sagen voraus, dass in diesem Jahr weitaus mehr Medaillien im Vereinigten Königreich bleiben als die 47 der Olympischen Sommerspiele in Peking. Dafür soll der Heimvorteil sorgen, eine Mischung aus lautstakem Rückhalt durchs Publikum und der Gewöhnung an das durchwachsene Inselwetter. Um 10 beziehungsweise 15 Medaillen soll sich so die Ausbeute der Briten gegenüber 2008 verbessern.

Offenbar können sportliche Erfolge also recht zielsicher von demografischen und ökonomischen Größen abgeleitet werden. Dass sich die beiden Fachgebiete so gut verbinden lassen, freut auch die Wissenschaftler: "Diese Studie macht einfach Spaß, wir sind alle auch Sportfans", sagt Sebastian Otten. Spannend bleiben die Olympischen Spiele für ihn aber trotzdem: "Wir gehen nicht davon aus, dass wir mit unserer Prognose exakt richtig liegen werden. Prognosen stimmen nie hundertprozentig, weder in der Ökonomie noch im Sport."

Derart gelassen sollte man wohl auch eine andere, sehr optimistische Vorhersage aus Deutschland auffassen: Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), eine vom Innenministerium finanzierte Einrichtung, prognostiziert für die Spiele 54 deutsche Medaillen, 15 davon sollen in Gold glänzen. Zur Erinnerung: Im Vergleich mit den Orkeln der Ökonomen sind das insgesamt 15 beziehungsweise 18 Medaillen mehr – und 13 mehr als die deutschen Athleten von den Olympischen Spielen in Peking mit nach Hause gebracht haben. Dass diese ambitionierte Messlatte ausgerechnet von einer offiziellen Einrichtung des deutschen Sports gesetzt wurde, dürfte den Druck auf die Athleten zusätzlich verstärken – neben den Zielvereinbarungen der Verbände mit ihren ebenfalls erstaunlich hohen Erwartungen.

von Christina Elmer
Fotos: DPA