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KZ-Aufseher Lipschis Wie der Auschwitz-Wachmann lebte


Er sagt, er habe doch nur Brot gebacken. In Auschwitz. Hans Lipschis war vier Jahre lang Mitglied eines SS-Verbandes, lebte unbehelligt in Schwaben. Nun wurde er verhaftet. Dies ist seine Geschichte.
Von Wigbert Löer und Kristian Lüders

Das Haus ist rosa gestrichen, es steht am Hang, am Rande einer Stadt in Schwaben. In den Beeten stecken Blumenzwiebeln, an der Wand lehnen Sandalen. Vor einem Fenster steht ein dreibeiniger Schemel. Es gibt eine Einliegerwohnung, eine Klingel, ein Namensschild: "Herr Hans Lipschis".

Wäre es nach ihm gegangen, wäre dies hier die letzte Station seiner Reise.

93 Jahre ist er alt, stammt aus Kretinga in Litauen und besuchte dort die Volksschule. Dann wurde er Bäcker im Betrieb seines Vaters. Bevor die deutsche Armee 1941 Litauen überfiel, gab er sich als so genannter Volksdeutscher zu erkennen. Er erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, zog Lipschis nach Geesthacht bei Hamburg, danach lebte er 27 Jahre lang in Chicago. Seit drei Jahrzehnten wohnte er nun in Schwaben. Und nun muss er das Haus mit dem rosa Anstrich womöglich bald für längere Zeit verlassen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen Lipschis. Am Montag wurde er verhaftet.

Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Die Frage ist, ob er Beihilfe zum Mord geleistet hat, zum Mord an hunderttausenden Menschen. Denn von 1941 bis 1945 zählte Lipschis zum SS-Verband "Totenkopf Sturmbann". Er war Wachmann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In der Liste der meistgesuchten Kriegsverbrecher der NS-Zeit, die das Simon-Wiesenthal-Zentrum herausgibt, steht Lipschis auf Platz vier.

Lipschis öffnet nicht, als stern.de-Reporter vorvergangene Woche bei ihm klingeln. Er will seine Ruhe haben. Das sagt seine Vermieterin, etwa 70 Jahre alt und ebenfalls mit litauischen Wurzeln. Sie kennt ihn gut, wohnt direkt über ihm. "Er hat ja nichts gemacht, war dort nur Bäcker", sagt sie, ohne das Wort Auschwitz zu erwähnen. Etwas später fügt sie hinzu, dass er zum Glauben gekommen sei. "Gott hat ihm vergeben. Man muss ihm vergeben."

Die Vermieterin überlässt ihm die Wohnung für 150 Euro Monatsmiete. Lipschis lebt von Sozialhilfe. Die USA zahlen keine Rente. Sie haben ihn ausgewiesen, 1982, einen Tag vor Weihnachten. Damals hatte das Office of Special Investigations, eine Abteilung des Justizministeriums, von seiner Vergangenheit erfahren.

Die deutsche Vergangenheit, Lipschis' Vergangenheit – auch fast 70 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft will sie nicht vergehen. Noch leben Täter, noch leben manche ihrer Opfer. Was sich geändert hat und das beschauliche Leben des Hans Lipschis durcheinander bringen könnte, ist die neue Praxis der Rechtsprechung: Der KZ-Wachmann John Demjanjuk war 2011 nicht für eine konkret nachzuweisende Einzelhandlung angeklagt – er wurde als Teil der Mord-Maschinerie schuldig gesprochen. Daran können sich Gerichte nun orientieren.

Lange hat Lipschis nichts zu befürchten

Jahrelang sahen deutsche Staatsanwälte das anders: Wer in unteren Rängen Dienst getan und so unerkannt an der Massenvernichtung jüdischer Menschen und Kriegsgegner mitgewirkt hatte, schien dafür nicht belangbar zu sein. Hans Lipschis hatte nichts zu befürchten.

Seit dem Demjanjuk-Urteil des Münchner Landgerichts aber haben die Ankläger gute Chancen, dafür zu sorgen, dass gerichtlich beurteilt wird, was der einzelne Wachmann in Lagern wie Auschwitz tat. Er muss dafür nur zurechnungs- und prozessfähig sein.

Hans Lipschis ist noch recht rüstig. Seine Frau starb 2007, seitdem steigt er allein die Treppe zur Straße hinauf und fährt mit dem Bus in die Innenstadt. Lipschis hält sich auch im Garten auf. Er liest gern Bücher.

Seine Tochter Erika und sein Enkel, der ihn 2011 besuchte, leben noch in Chicago. Dorthin war Lipschis 1956 ausgewandert – ohne seine Zeit in dem paramilitärischen Totenkopf-Verband zu erwähnen.

Zur SS hatte Lipschis sich mit 21 Jahren gemeldet. Er kam nach Auschwitz, lernte schießen, exerzieren und die Häftlinge zu bewachen - ganz wie vorgeschrieben. Vom Turm aus, in der Postenkette, auch an der Rampe, wo täglich bis zu 15000 Menschen aus den Waggons getrieben wurden. Rund 1,1 Millionen starben in Auschwitz-Birkenau, darunter rund 100.000 Kinder.

Von Vergasung nichts mitbekommen

1169 Tage lang tat Hans Lipschis hier Dienst, zuerst im Rang eines Schützen, dann als Sturmmann, zuletzt zum Rottenführer befördert. Er blieb bis Januar 1945. Dass Häftlinge mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B vergast wurden, habe er nicht mitbekommen. Er habe in Auschwitz weder Schüsse noch Schreie gehört und auch nicht den Geruch von verbranntem Fleisch wahrgenommen.

So erklärt es Lipschis im Juli 1981, als er in Chicago vernommen wurde. Er habe die ganze Zeit nur in der Küche gearbeitet, dort Brot geschnitten und Kaffee portioniert. Seine Aussagen sind als "Sworn Statement of Hans Lipschis" in den Akten des Office of Special Investigation nachzulesen. Im Jahr darauf gab Lipschis, nun 62 Jahre alt, eine zweite Erklärung unter Eid ab. Sie fiel kurz aus. Er könne sich gar nicht mehr an seine SS-Zeit zu erinnern.

Doch ein Dokument des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau belegt, dass Lipschis nicht nur drei Jahre lang Küchendienst tat. Zudem haben Zeugen zu seiner Person ausgesagt. Der ehemalige Auschwitz-Häftling Michael Vogel erkannte Lipschis auf einem Foto als Wachmann bei den Transporten wieder. Er nennt ihn einen "Mörder, Killer". Die frühere Insassin Linda Breder erinnert sich ebenfalls an sein Gesicht. Sie gab an, Lipschis sei höchstwahrscheinlich bei den Selektionen im Frauenlager dabei gewesen. Sonntags entschieden die Aufseher, wer noch genug Kraft zum Arbeiten habe und deshalb am Leben bleibe.

Die Aussagen stehen in der Akte Lipschis, die in den 80er Jahren Deutschland erreichte. Dort ruhten die Beweisstücke bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg.

Dann aber verurteilt ein deutsches Gericht John Demjanjuk, und die Historiker und Juristen in Ludwigsburg haben nun eine Liste zusammengestellt – mit 50 Fällen noch lebender Täter. Gut dokumentiert und bewertet sollen sie den zuständigen Staatsanwaltschaften übergeben werden. Erste Gutachten hat die Zentrale Stelle schon verschickt. Mehr kann sie nicht tun. Jetzt liegt es an den Staatsanwälten. Hans Lipschis befindet sich bis auf Weiteres in Untersuchungshaft.


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