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Panama Papers: Der CDU-Politiker, der Steuersünder jagte, aber selbst Geld versteckte

Als Bundesschatzmeister war Helmut Linssen Merkels Mann für die Millionen. Doch vor zwei Jahren enthüllte der stern, dass der CDU-Politiker selbst eine Briefkastenfirma hielt – in Panama.

Von Wigbert Löer, Oliver Schröm und Rainer Schäfer

Der deutsche Panama-Politiker Helmut Linssen

Der damalige nordrhein-westfälische Finanzminister Helmut Linssen 2010 im Vorfeld einer Pressekonferenz in Düsseldorf

Vorbemerkung: Dieser Text erschien am Donnerstag, 6. Februar 2014, im stern. Nur die Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt. Am Dienstag, dem 4. Februar, berichtete der stern online über den Fall Linssen. Am Nachmittag des 6. Februars gab Linssen seinen Rücktritt als Bundeschatzmeister der CDU bekannt.

Der Mann, der heute Merkels Millionen verwaltet, reiste nicht allein. Seine Frau saß neben ihm, als er in die Rue Nina et Julien Lefèvre einbog. Die Sackgasse liegt in einem kleinen Wohngebiet am nordwestlichen Rand von .

Hier residierte in einem dreistöckigen Gebäude aus beigefarbenen Steinquadern die HSBC Trinkaus & Burkhardt International SA. Die Bank war eine Tochter des Düsseldorfer Geldhauses HSBC Trinkaus & Burkhardt, ihre Adresse aus gutem Grund unauffällig: Die Kundschaft schätzte Diskretion.

wurde erwartet. Gemeinsam mit seiner Frau wollte er an diesem Tag ein "Konto/Depot für nicht natürliche Personen" eröffnen. Als Inhaber des Kontos war auf einem Bankdokument mit gut leserlicher Schreibschrift der Name "Longdown Properties Corp." eingetragen. Diese Briefkastenfirma residierte in einer kleinen baumbestandenen Straße in Nassau, der Hauptstadt der Bahamas.

Bevor das Ehepaar Linssen unterschrieb, kreuzte es auf dem Bankpapier das Feld "Selbstabholung" an. Damit war sichergestellt, dass schriftliche Mitteilungen der Bank nicht an die Privatanschrift am Niederrhein oder an andere Adressen in geschickt würden.

Mit Frau und Tochter nach Luxemburg

Zwei Jahre zuvor hatte Helmut Linssen als Spitzenkandidat der noch den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau herausgefordert. An diesem Montag, dem 4. August 1997, wurde er "Wirtschaftlich Begünstigter" einer Briefkastenfirma in einer mittelamerikanischen Steueroase.

Drei Tage später betrat Linssen erneut die Bank in Luxemburg. Diesmal begleitete ihn auch seine 23-jährige Tochter. Die Linssens hatten Unterschriften zu leisten. Ihre Ausweise wurden kopiert und der Bankakte beigelegt.

Zu dieser Akte gehört auch ein Papierbogen mit der Stammnummer 410370 und dem Namen des Kundenbetreuers. Eine kleine Tabelle listet die "Zeichnungsberechtigten" auf: Zuerst ist "Herr Dr. Helmut Adolph Linssen" genannt, darunter stehen die Namen seiner Frau und seiner Tochter. Seine Tochter allerdings durfte nur mit Vater oder Mutter über das Konto bestimmen. Es ging ja um viel Geld: Die Starteinlage betrug 829.322 Mark.

Helmut Linssen nahm die Großspenden entgegen

Helmut Linssen ist heute 71 Jahre alt und als gut dotierter Vorstand in der Wirtschaft tätig. Er sitzt auch im höchsten Gremium der CDU, dem Präsidium. Als Bundesschatzmeister stellt er das Geld für die Wahlkämpfe der Kanzlerin bereit. Und Linssen nimmt all die Großspenden entgegen, die BMW und die Daimler AG, Industrielobbyisten und die Milliardäre der Quandt-Familie an seine Partei überweisen.

Auf seiner Homepage liest sich Linssens Lebenslauf wie ein stetiger Aufstieg, ein promovierter Unternehmer, der in der Politik reüssierte. Landtagsabgeordneter, Generalsekretär der NRW-CDU, ihr Fraktionschef im Landtag wurde Linssen 1990. Von 2005 bis 2010 amtierte er als Finanzminister in Düsseldorf.

In dieser Zeit ließ Linssen CDs mit gestohlenen Daten von Auslandskonten, Stiftungen und Trusts ankaufen. Bislang war unbekannt, dass auch er selbst bei privaten Geldgeschäften auf sogenannte Offshore-Konstruktionen vertraute. Siebeneinhalb Jahre verbarg er eine beträchtliche Summe in Trusts in Mittelamerika.

Linssen zum stern: „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“

Am vergangenen Sonntag rief der stern Linssen an und konfrontierte ihn mit den Recherchen über seine Briefkastenfirma Longdown Properties Corp. und sein Konto bei der Trinkaus-Bank in Luxemburg. "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", sagte er zunächst.

Linssens Trust war bereits im Juni 1995 auf den Bahamas gegründet worden. Die Briefkastenfirma sollte als eine Art Mantel dienen, und auf Vermittlung der Trinkaus-Bank schlüpfte Linssen nun hinein. So schaffte er eine stattliche Summe auf eine Inselgruppe südöstlich von Florida, in der Unternehmensgewinne abgabefrei bleiben. Als der stern in dem Gespräch jene 829.322 Mark auf dem Konto in Luxemburg erwähnte, erwiderte Linssen: "Oh Gott. Oh Gott, oh Gott. In grauer Vorzeit. Tja."

Die Familie Linssen ist vermögend. Helmut Linssen hat den Agrarhandel seines Vaters schon früh übernommen und gemeinsam mit seinem Bruder als mittelständisches Unternehmen etabliert. In die bezahlte Politik ist er erst mit 38 Jahren gegangen. Sieben Jahre später bemerkte er trocken: "Ich lebe nicht vom Mandat."

Die Bahamas wirkten plötzlich unsicher

Wer Geld in Steueroasen schafft, tut dies in der Regel, weil dieser Teil seines Vermögens unentdeckt bleiben soll. Entweder möchte man die Gewinne nicht versteuern, oder man braucht ein Versteck für Schwarzgeld. Linssen zahlte die 829.322 Mark bewusst nicht auf ein deutsches Konto ein. Woher das Geld stammte, wollte er dem stern nicht sagen.

2001 waberte das Gerücht durch die Finanzwelt, die Bahamas seien nicht mehr sicher. Die wirtschaftlich Berechtigten aller Briefkastenfirmen würden künftig nicht mehr verheimlicht. Doch Linssen brauchte sich keine Gedanken zu machen. Die Trinkaus-Bank in Luxemburg regelte das Problem geräuschlos. Den Trust auf den Bahamas ließ sie auflösen, das Konto mit dem Geld einem neuen Trust in Panama zuordnen. Diese Briefkastenfirma bekam eine eigene Stammnummer, hieß aber wie die alte. Vertreten wurde sie von Eskildsen & Eskildsen, einer panamaischen Kanzlei, mit der die Trinkaus-Banker gute Erfahrungen gemacht hatten.

Im Jahr 2004 war klar, dass die CDU mit dem früheren Forschungsminister Jürgen Rüttgers an der Spitze in den Landtagswahlkampf ziehen würde. Ein Kandidat als Schattenfinanzminister war Helmut Linssen.

Und dem musste klar sein, dass ein Politiker mit einer Briefkastenfirma in Panama nicht die Idealbesetzung ist für einen Job als oberster Dienstherr Tausender nordrhein-westfälischer Steuerfahnder und Finanzbeamter. Am 29. Dezember 2004, fünf Monate vor der Wahl, reiste Linssen ein letztes Mal nach Luxemburg in die Rue Nina et Julien Lefèvre. Ein großer Teil des Kapitals war bereits weg, nun nahm er in gebündelten Scheinen den Restbetrag in Empfang. Die Trinkaus-Bank hielt die Summe schriftlich fest, es waren 141.113 Euro. Wohin er das Bargeld brachte, sagte Linssen dem stern nicht.

Linssen war selbst der Schrecken aller Steuersünder

CDU und FDP gewannen die Wahl, und der neue Finanzminister, der im Juni 2005 den Amtseid sprach, galt als geachteter Fachmann. So stellte Linssen ein neues Steuerkonzept vor. Dabei wollte er auch "Steuersparmodelle" abschaffen.

Als Finanzminister hatte Linssen die Aufgabe, Nordrhein-Westfalens Schulden zu senken. Er brauchte Geld - und wurde bald zum Schrecken jener Deutschen, die in Briefkastenfirmen und auf Auslandskonten Schwarzgeld versteckten oder Steuern hinterzogen. Er ließ gestohlene Kundendaten der Schweizer Banken Julius Bär und Credit Suisse kaufen.

Im Juni 2010 lösten SPD und Grüne die Regierung Rüttgers ab. Das Finanzministerium übernahm der Sozialdemokrat Norbert Walter-Borjans. Und der ließ keinen Zweifel daran, dass er weiterhin Daten- CDs ankaufen würde. "Nach jeder Meldung, wir hätten eine CD gekauft, kommen Tausende Selbstanzeigen", argumentierte Walter-Borjans in einem Interview.

Am Freitag, dem 13. Oktober 2011, berichteten Medien, der nordrhein-westfälische Finanzminister habe eine CD kaufen lassen – mit Daten der Trinkaus-Bank in Luxemburg. Steuerfahnder fanden Konten ranghoher Banker des Mutterhauses in Düsseldorf, die ihr Geld nach Luxemburg gebracht hatten. Und sie stießen auf den Panama-Trust mit der Stammnummer 407957. Der Mann, der dort als zeichnungsberechtigt stand, war vor gar nicht langer Zeit ihr oberster Chef gewesen.

2011 meldete sich das Finanzamt

Auch Helmut Linssen bekam Post, am 21. Oktober 2011 – vom Finanzamt. Die deutschen Behörden hatten doch noch von seiner geheimen Briefkastenfirma erfahren. Nun lief ein Strafverfahren gegen ihn.

Der frühere Finanzminister konnte sich ausrechnen, welche Jahre für die Finanzbehörde jetzt noch von Belang waren. Die Neunziger waren steuerrechtlich verjährt. Für diese Zeit musste er nicht mehr belegen, ob sein Trust Zinsen verdient hatte.

Für die Jahre 2001 bis 2005 hatte Linssen Glück im Unglück: In dieser Zeit hatte er Miese gemacht. Es gab nichts zu versteuern. "Ich bin aus dem Verfahren makellos rausgekommen", sagte Helmut Linssen dem stern. Woher das Geld stammte, mit dem Linssen sein Konto in Luxemburg bei der Eröffnung 1997 aufgefüllt hat, konnten die Finanzbehörden nach stern-Informationen nicht klären.

Als Finanzvorstand der RAG-Stiftung für fünf Jahre gewählt

Linssen machte unbehelligt weiter Karriere. Seit November 2012 ist er Finanzvorstand der RAG-Stiftung. Dieser Posten brachte 2012 allein 400.000 Euro Grundgehalt. Linssen ist für fünf Jahre bestellt.

Linssen machte unbehelligt weiter Karriere. Seit November 2012 ist er Finanzvorstand der RAG-Stiftung. Dieser Posten brachte 2012 allein 400.000 Euro Grundgehalt. Linssen ist für fünf Jahre bestellt.

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