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Stern Investigativ - Geheimdienste

Anschläge vom 11. September: CIA - Die tödlichen Fehler des US-Geheimdienstes

Längst haben amerikanische Agenten Anfang 2000 einige der späteren Attentäter vom 11. September im Visier. Doch eifersüchtig behalten sie ihre Informationen für sich. Leichtfertig unterschätzen sie die Gefahr. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Von Oliver Schröm und Dirk Laabs

Am 6. Januar hat das entscheidende Vorbereitungstreffen für die Anschläge des 11. September stattgefunden. Die malaysischen Behörden haben die Teilnehmer des Terrorgipfels seit ihrer Einreise nach Kuala Lumpur auf Schritt und Tritt beschattet. Agenten von acht Außenbüros der CIA in Asien sind daran beteiligt, einen der Verdächtigen, Khalid al-Midhar, von Saudi-Arabien bis zu dem konspirativen Apartment in Bandar Sungai Long zu verfolgen. Die Ergebnisse der dreitägigen Operation stellt der malaysische Geheimdienst den Amerikanern zu Verfügung. Da haben die meisten Teilnehmer des Treffens das Land bereits verlassen, einige von ihnen Richtung Amerika.

Los Angeles, 15. Januar 2000

Zusammen mit Tawfiq bin Attash, dem einbeinigen Al-Qaeda-Operationschef, sind Khalid al-Mihdhar und sein Jugendfreund Nawaf al-Hazmi vor sieben Tagen von Kuala Lumpur nach Bangkok geflogen. In der thailändischen Hauptstadt trennen sie sich. Während sich "der Einbeinige" auf den Weg nach Afghanistan macht, fliegen die beiden Saudis nach Los Angeles, um sich auf eine Märtyrermission vorzubereiten. Nur Ort, Zeitpunkt und genauer Ablauf des Anschlags sind noch nicht geklärt. Al-Mihdhar und al-Hazmi sind nur die Vorhut. Mehrere Selbstmordkommandos sollen gleichzeitig zuschlagen. Dafür müssen zusätzliche Männer in die USA eingeschleust werden. Die geeigneten Kandidaten sind bereits gefunden.

Bei der Passkontrolle in Los Angeles zeigen die beiden ihre saudischen Ausweise vor. Der Beamte der Einwanderungsbehörde INS kontrolliert die Visa und gibt die Nummern ihrer Dokumente in den Computer ein. Damit hat er sowohl Zugriff auf NAILS, die Datenbank seiner Behörde, als auch auf TIPOFF, die weit umfangreichere Datenbank des Außenministeriums. Darin sind die Namen von mehr als 70.000 Verdächtigen gespeichert, denen entweder die Einreise verweigert werden soll oder gegen die ein internationaler Haftbefehl vorliegt. Unter anderem handelt es sich um Verbrecher, Terroristen und Mitglieder extremistischer Gruppen und Organisationen. Sie wurden von CIA, FBI oder einer anderen Behörde mit der Bitte an das Außenministerium gemeldet, sie zur Fahndung auszuschreiben. Das Computersystem der INS arbeitet zuverlässig. Wenn Name oder Passnummer einer unerwünschten oder gesuchten Person eingegeben werden, erscheint auf dem Bildschirm eine Doppelnull: das Zeichen, umgehend die Polizei zu verständigen. Bei den Namen der beiden Saudis kommt jedoch kein Warnhinweis.

Sie verlieren keine Zeit in L.A.

Routinemäßig fragt sie der Beamte in Los Angeles nach dem Grund ihres Aufenthalts. Al-Mihdhar kann dazu mit seinem gebrochenen Englisch nicht viel sagen. Aber das ist für den Beamten nichts Ungewöhnliches, er händigt ihm seine Papiere aus und lässt die beiden passieren.

Sie verlieren keine Zeit in L.A. und fahren nach San Diego weiter, 124 Kilometer südlich, direkt an der Grenze zu Mexiko am Pazifik. Die Männer quartieren sich etwas außerhalb in den Parkwood Apartments ein. Ein hellbrauner Betonbau mit dunkelbraun getönten Fenstern und Balkonen sowohl zur Straße als auch zum Innenhof. Es ist ein ruhiger Komplex mit insgesamt 175 Zimmern. Die Terroristen beziehen das Apartment 127. Beim Einzug legt al-Hazmi seinen Pass vor und unterschreibt den Mietvertrag mit sechsmonatiger Laufzeit. Die Al-Quaeda-Männer beschaffen sich Sozialversicherungskarten und Führerscheine, eröffnen ein Bankkonto und kaufen ein Auto, einen blauen Toyota, Baujahr 1988, für 3000 Dollar. Immer geben sie ihre richtigen Namen an. Sie halten es nicht für nötig, sich zu tarnen. Al-Hazmi beantragt einen Telefonanschluss und lässt sich sogar für die Auskunft registrieren. Mit vollem Namen und Adresse steht er im Telefonbuch von San Diego: al-Hazmi Nawaf M, 6401 Mount Ada. Rd. - 6582795919.

Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, 30. Januar 2000

Über zwei Monate war Ziad Jarrah, der Flugzeugbaustudent aus Hamburg, in Afghanistan - wochenlang wurde er in einem Al-Qaeda-Trainingscamp gedrillt und auf seinen Einsatz vorbereitet. Bislang lief alles glatt. Doch jetzt hängt der Libanese fest. Er ist in eine Kontrolle der Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate geraten. Seit Stunden wird er am Internationalen Flughafen von Dubai verhört.

Es scheint, als würde ihm seine Ausbildung im Al-Qaeda-Camp zum Verhängnis. Dort war er mit seinen Freunden aus Hamburg: Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi. Am Ende des Trainings hat Jarrah erfahren, wofür er gedrillt wurde. Pilot soll er werden, so lautet der Auftrag. Alles weitere soll der Libanese später erfahren.

Wie die meisten Al-Qaeda-Rekruten wurde Jarrah vom Terrorcamp aus nach Pakistan zurückgeschmuggelt. In Karatschi buchte er dann einen Linienflug nach Dubai. Von dort will er weiter nach Deutschland. Doch im Transitbereich des Flughafens von Dubai ist vorerst Endstation. Der 24-Jährige ist den Offizieren sofort aufgefallen - in seinem Pass war eine Seite des Korans kopiert. Außerdem sind seine Reisetaschen voll mit Propagandavideos der Gotteskrieger. Seit über einem halben Jahr stoppen die Behörden in Dubai auf Bitten der US-Behörden Männer, bei denen der Verdacht besteht, dass sie direkt aus den Al-Quaeda-Lagern kommen.

Niemand in Langley reagiert

Fast vier Stunden wird Jarrah verhört. Über seine Freunde in Hamburg. Über Afghanistan. Über seine Zukunftspläne. In die USA wolle er bald gehen. Pilot werden. Und dort den Islam predigen. Die Beamten notieren sich alles. Schließlich darf Jarrah weiterreisen. Bevor er die Maschine nach Deutschland besteigt, kauft er seiner türkischen Freundin im Duty-free-Shop noch in aller Ruhe Goldschmuck, einen 18-karätigen Ring für 119 Dollar.

Die Polizeibehörden des Emirats geben pflichtbewusst die Aussagen Jarrahs an die CIA weiter. Niemand in Langley reagiert. Nach Marwan al-Shehhi hat der US-Geheimdienst mit Jarrah bereits eineinhalb Jahre vor den Anschlägen in Washington und New York zwei der drei Hamburger Todespiloten auf dem Schirm.

Langley, Virginia, 5. März 2000

Die CIA-Basis in Übersee, die federführend mit der Observation des Kuala-Lumpur-Treffens befasst war, hat neue Informationen erhalten: Die Agenten wissen nun definitiv, dass zumindest Nawaf al-Hazmi inzwischen in die USA eingereist ist. Sogar seine genauen Flugdaten sind bekannt. Diese Nachricht müsste eigentlich einschlagen wie eine Bombe. Aber die CIA-Leute zeigen sich nicht sonderlich beunruhigt. Pflichtschuldig schicken sie ein Telegramm an das Counter Terrorist Center (CTC) in Langley und informieren die Spezialisten dort über al-Hazmis vollen Namen sowie über die Tatsache, dass er am 15. Januar via Los Angeles eingereist ist. Über die Ankunft al-Mihdhars steht nichts in dem Telegramm. Überhaupt sind die Agenten darauf bedacht, die Angelegenheit nicht zu hoch zu hängen. In der Betreffzeile des Schreibens heißt es: "Nur zur Kenntnisnahme. Weitere Maßnahmen nicht erforderlich." Das Telegramm landet in der Ablage.

Ganz anders reagiert ein CIA-Kollege in Übersee, der das Schreiben ebenfalls empfangen hat. Er findet die Nachricht so interessant, dass er am nächsten Tag ein Telegramm an die Bin-Laden-Einheit des CTC schickt. Er habe die Meldung vom Vortag "mit Interesse gelesen", schreibt er, "besonders die Information, dass ein Mitglied dieser Gruppe durch die Vereinigten Staaten reist."

Aber auch nach dieser Intervention sehen sich die Analytiker in Langley die Nachricht vom Vortag nicht genauer an. Zwar liegt dem CTC der Vermerk vor, dass mit al-Mihdhar ein zweiter Teilnehmer des Terrorgipfels in Malaysia über ein gültiges US-Visum verfügt, aber die Ermittler sind nicht in der Lage, diese Informationen zusammenzuführen. Dabei wären sie sogar verpflichtet, FBI und alle übrigen Inlandsbehörden zu unterrichten, damit al-Hazmis Name umgehend auf die Fahndungsliste gesetzt wird.

Flugstunden in Amerika sind nichts Ungewöhnliches

Währenddessen schauen sich al-Hazmi und al-Mihdhar in San Diego nach einer Flugschule um. Der Montgomery Flugplatz verfügt über zwei Start- und Landebahnen und einen kleinen Tower. Überall stehen Cessnas herum. Etwa drei Dutzend sind in langen Reihen neben dem Rollfeld geparkt. Viele sind nur mit einer einfachen Kette gesichert.

Im Flughafengebäude liegen die Büros mehrerer Flugschulen. Die Terroristen entscheiden sich für die von Fereidoun Sorbi, einem gebürtigen Iraner. Sorbi ist 51 Jahre alt, trägt einen dicken, grauen Schnauzer und meist eine Sonnenbrille. Seit Ewigkeiten lebt er in San Diego. Seine Schule hat er Sorbi Flying Club getauft. Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Araber nach Amerika kommen, um hier den Pilotenschein zu machen. Sorbi verlangt von seinen Schülern nicht mehr, als Unterricht und Flugstunden pünktlich zu bezahlen.

Geld ist für die beiden Terroristen kein Problem. Sie müssen aber kaschieren, dass al-Mihdhar kaum Englisch spricht. Al-Hazmi übernimmt deshalb die Gesprächsführung. Seine Englischkenntnisse sind jedoch auch nicht die besten. Darum kommt al-Hazmi gleich zur Sache: Sie wollen lernen, wie man eine große Boeing fliegt, erklärt er dem verdutzten Flugschulenbesitzer. Sorbi nimmt es mit Humor. Boeings gibt es hier nicht, antwortet er und schlägt den beiden Saudis vor, es erst einmal ein paar Nummern kleiner zu versuchen, mit einer Cessna. Die Männer sind einverstanden. Sorbi bittet daraufhin einen seiner Fluglehrer, mit ihnen ein paar Runden zu drehen.

"Das wird nichts"

Gleich die erste Flugstunde wird zum Desaster. Al-Hazmi und al-Midhar stellen sich äußerst ungeschickt an. Sie können den Anweisungen des Fluglehrers nicht folgen und tun manchmal genau das Gegenteil. Zudem ist nicht zu übersehen, dass sie Flugangst haben. Als al-Hazmi unter Anleitung zur Landung ansetzt, gerät al-Mihdhar in Panik und fängt laut an zu beten.

"Das wird nichts", sagt der Fluglehrer, als sie wieder am Boden sind. Diplomatisch gibt Sorbi den beiden Saudis zu verstehen, dass sie das Fliegen lieber lassen sollten. Als sie ihm mehr Geld bieten, lehnt er dankend ab.

Während die beiden Terroristen noch verdauen müssen, dass sie für die geplante Operation als Piloten ausfallen, stürmt ein junger Araber in das FBI-Büro in Newark, New Jersey. Den verblüfften Beamten erklärt er, er komme gerade von einem Ausbildungscamp aus Pakistan. Dort sei er außer in Schusswaffen auch darin unterrichtet worden, wie man Flugzeuge entführt. Im Camp habe man von ihm erwartet, dass er sich später mit fünf oder sechs Personen in den USA treffe, um mit ihnen eine solche Aktion durchzuführen. Man habe ihm auch eingetrichtert, nicht vor der Anwendung von Gewalt zurückzuschrecken. Ziel sei es, möglichst schnell die Kontrolle über das Flugzeug zu erlangen. Denn unter den Entführern werde sich ein ausgebildeter Pilot befinden, der die Maschine dann nach Afghanistan fliegen solle. Falls dies nicht möglich sei, sollten sie das Flugzeug in die Luft jagen.

Die FBI-Beamten halten die Schilderungen für eine Räuberpistole. Um sicherzugehen, machen sie trotzdem einen Lügendetektortest. Das Ergebnis des Tests überrascht die Polizeibeamten: Offensichtlich sagt der Araber die Wahrheit. Zumindest zeigt der Polygraf nichts Gegenteiliges an. Sie entscheiden sich deshalb, die Aussage vorsichtshalber zu Protokoll zu nehmen. Mehr tun sie dann aber nicht.

Hamburg, März 2000

Ramzi Binalshibh war lange weg. Nach dem konspirativen Treffen in Kuala Lumpur kehrt er nach Hamburg zurück. Bei seiner Einreise gibt es keinerlei Probleme. Dabei wurde er in Malaysia fotografiert und wohl auch identifiziert, wie die meisten Teilnehmer. Weil aber die CIA nicht einmal die US-Behörden über die Vorgänge ausreichend informiert hat, erfahren natürlich auch die deutschen Partnerdienste nicht, dass sich mit Binalshibh ein äußerst gefährliches Al-Qaeda-Mitglied in Deutschland aufhält.

Seine drei Komplizen aus der Marienstraße 54 sind ebenfalls wieder in Hamburg. Während Jarrah beim Zwischenstopp in Dubai Probleme hatte, sind Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi ohne Probleme aus den afghanischen Camps zurückgekehrt. Dort haben die drei erfahren, dass sie für eine Selbstmordmission eine Pilotenausbildung in den USA absolvieren sollen. Sie wissen, was sie nun zu tun haben. Gleich nach ihrer Rückkehr haben sie ihre Pässe auf dem Hamburger Einwohnermeldeamt als verloren gemeldet. Sie brauchen "saubere" Ausweispapiere, ohne Einreisestempel aus Pakistan und Afghanistan. Sonst könnte es Schwierigkeiten geben, Visa für die USA zu erhalten. Tatsächlich bekommen sowohl Jarrah als auch al-Shehhi problemlos ihre Visa, obwohl sie längst im Visier der CIA sind.

Mohammed Atta, neben Binalshibh der Kopf der Hamburger Zelle, ist sogar schon einen Schritt weiter. Per E-Mail wendet sich der Ägypter an 31 Flugschulen in den USA. "Wir sind eine kleine Gruppe junger Männer aus verschiedenen arabischen Ländern. Seit einiger Zeit leben wir zwecks Studium in Hamburg. Wir möchten gern mit der Ausbildung zum Berufspiloten beginnen", heißt es darin. "Es wäre auch hilfreich, etwas über die Dauer der Ausbildung und die Flugzeugtypen, die beim Training eingesetzt werden, zu erfahren." Die Mission der drei Terroristen geht in ihre heiße Phase.

Florida, 21. Dezember 2000

Drei Tage vor Weihnachten erhalten Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi an ihrer Flugschule in Venice, Florida, ihre Pilotenscheine. Kurz vor Silvester mieten sie sich für sechs Stunden einen Boeing-Flugsimulator. Bislang haben sie nur auf kleinen Cessnas üben dürfen. Nun gilt es, sich so schnell wie möglich mit Jets vertraut zu machen.

Washington, Mai 2001

In der Zentrale der CIA wird den Beamten immer bewusster, dass es ein fataler Fehler war, die Terroristen nach ihrem Treffen in Kuala Lumpur nicht weiter zu observieren. Nach Auswertung aller Unterlagen und Fotos sind die Ermittler überzeugt, dass die Teilnehmer des Gipfels zumindest indirekt am Anschlag auf die "USS Cole" am 12. Oktober 2000 im Jemen beteiligt waren. Al-Mihdhar könnte sogar direkt an den Vorbereitungen mitgewirkt haben. Er ist mit der Tochter eines wichtigen jemenitischen Al-Qaeda-Statthalters verheiratet. Das Telefon seines Schwiegervaters wurde des öfteren benutzt, um den Attentätern Informationen zukommen zu lassen.

Seit eineinhalb Jahren besitzt die CIA eine Kopie seines Reisepasses, darin ein Visum für die USA. Das hat die Ermittler nie sonderlich gekümmert. Sie haben die Information nie an FBI oder Einwanderungsbehörde weitergegeben. In Langley sind die Agenten offensichtlich immer noch der Überzeugung, das FBI brauche nichts von alldem zu wissen. Man liefe sonst Gefahr, dass die Versäumnisse der CIA bekannt würden. Umgekehrt interessiert sich der Geheimdienst brennend dafür, was das FBI weiß. Seit Monaten ermitteln die Bundespolizisten im Jemen und haben auch schon Beweise dafür, dass Tawfiq bin Attash, der Einbeinige, Drahtzieher des Anschlags auf die "USS Cole" war.

CIA-Beamte verabreden sich mit einem Intelligence Operations Specialist des FBI in dessen Hauptquartier in Washington. Die CIA-Leute haben Fotos aus Kuala Lumpur dabei. Der FBI-Mann soll einen Blick darauf werfen. Der erkennt aber nur einen Terroristen, den die CIA-Leute ebenfalls verdächtigen, eine aktive Rolle beim Anschlag auf die "Cole" gespielt zu haben. Wieder verlieren die Geheimdienstler kein Wort darüber, dass ein anderer Mann auf den Fotos, al-Mihdhar, ein US-Visum besitzt und mit anderen Terroristen längst ins Land eingereist sein könnte.

Jeddah, Saudi-Arabien, 13. Juni 2001

Die Operation der Flugzeugentführer tritt in die entscheidende Phase. Al-Mihdhar hält sich in seinem Heimatland auf. Er will zurück in die USA. Aber sein Visum ist abgelaufen. Der junge Saudi beantragt im amerikanischen Konsulat von Jeddah ein neues Visum. Er benutzt dieses Mal einen anderen Pass. Aber die Angaben im neuen Ausweis stimmen mit denen im alten überein: Khalid bin Muhammad bin Abdallah al-Mihdhar, geboren 1975 in Saudi-Arabien. Der Konsularbeamte weiß nicht, dass sich noch zwei Tage zuvor Agenten von CIA und FBI über diesen Terroristen unterhalten haben. Al-Mihdhar hat bei der Frage, ob er schon einmal die USA besucht habe, wahrheitswidrig "Nein" angekreuzt. Der Beamte tippt den Namen des Antragstellers in seinen Computer, der mit der CLASS-Datenbank verbunden ist. Mehr als sechs Millionen Personen sind darin gespeichert. Zur Sicherheit wird der Name des Antragstellers noch in die TIPOFF-Datei des Außenministeriums eingegeben. Auf dem Monitor des Beamten in Jeddah erscheint kein Warnhinweis. Al-Mihdhar bekommt ein neues Visum, gültig bis 3. Oktober 2001.

Crawford, Texas, 6. August 2001

US-Präsident George W. Bush macht Urlaub auf seiner Ranch. Jeden Morgen lässt er sich von hochrangigen CIA-Mitarbeitern über die aktuelle Sicherheitslage informieren. An diesem Morgen ist CIA-Direktor George Tenet selbst nach Texas geflogen. Sein Papier für den Präsidenten umfasst statt der sonst üblichen zwei bis vier Seiten dieses Mal elfeinhalb Seiten. Es trägt die Überschrift "Bin Laden zum Schlag gegen die USA entschlossen".

"Gib mir einen Überblick, was al Qaeda in den USA anrichten kann", sagt Bush. Tenet holt zu einem umfassenden Vortrag aus. Der Anschlag auf das World Trade Center 1993 taucht darin auf, ebenso das fehlgeschlagene Sprengstoffattentat auf den Flughafen von Los Angeles. Alle weiteren Einzelheiten des Gesprächs unter vier Augen werden später zum Staatsgeheimnis erklärt.

Langley, Virginia, 21. August 2001

Auf Tenets Geheiß forsten CIA-Beamte noch einmal alle Akten durch. Ihr Chef steht unter Druck. Warnungen, dass ein Anschlag unmittelbar bevorstehe, überschlagen sich. Aber der CIA-Direktor hat weiter nichts Konkretes in der Hand, das er dem Präsidenten vorlegen könnte. Auch die Meldungen über den Terrorgipfel in Malaysia kommen auf den Tisch. Die Aufgabe, diese Informationen noch einmal aufzuarbeiten, fällt ausgerechnet einem FBI-Mann zu, der gerade an die CIA abgestellt worden ist. Für ihn ist es ein leichtes, zwei entscheidende Details zu verknüpfen: Dass ein gewisser al-Mihdhar, offensichtlich Mitglied der al Qaeda, zurzeit des Malaysia-Treffens ein US-Visum besaß und die CIA seit 18 Monaten davon wusste. Und dass ein weiterer Teilnehmer, Nawaf al-Hazmi, schon im Januar 2000 in die Vereinigten Staaten eingereist ist. Offenbar befindet sich al-Hazmi seit 18 Monaten in den USA. Al-Mihdhar war in der Zwischenzeit außer Landes, ist aber am 4. Juli 2001 wieder eingereist.

In der Terror-Abteilung der CIA bricht hektische Betriebsamkeit aus. Die beiden Männer sind zur selben Zeit ins Land gekommen, als an der Grenze zu Kanada der algerische Terrorist und Bin-Laden-Anhänger Ahmed Ressam mit Sprengstoff verhaftet wird. Da könnte eine Verbindung bestehen. Die Beamten entscheiden sich zu tun, was sie 18 Monate früher hätten machen sollen: Sie informieren Außenministerium, Einwanderungsbehörde, Zoll und FBI und fordern sie auf, al-Hazmi und al-Mihdhar auf die Fahndungsliste zu setzen.

World Wide Web, 22. August 2001

Mohammed Atta trifft sich per Internet mit Ramzi Binalshibh in einem Chatroom. Er gibt sich als Deutscher aus, der sich mit seiner Freundin in Hamburg über den Studienaufenthalt in den USA austauscht. "Hallo Jenny", schreibt Atta. "Wie geht`s Dir? Mir geht`s gut." Er schreibt auf Deutsch und benutzt den vereinbarten Code: "Wie ich Dir letztes Mal gesagt habe, beginnen die Erstsemester in drei Wochen. Keine Änderungen! Alles läuft gut. Da ist viel Hoffnung und viel Wunschdenken. Zwei Hochschulen und zwei Universitäten. Alles geht nach Plan. Dieser Sommer wird bestimmt heiß werden."

Inzwischen sind auch die übrigen Attentäter eingetroffen. "Ich will mich mit Dir über einige Kleinigkeiten unterhalten", schreibt Atta noch. "19 Scheine für das Spezialstudium und vier Klausuren." Die vier Selbstmordkommandos sind demnach komplett. Ihnen gehören 19 Männer an.

New York, 29. August 2001

Das FBI interessiert sich brennend für Khalid al-Mihdhar. Eben haben sie von der CIA-Zentrale aus Langley erfahren, dass er sich ebenso wie Nawaf al-Hamzi längst in den USA aufhält. Zudem teilt die CIA mit, dass al-Mihdhar bei seiner zweiten Einreise auf dem Ankunftsformular das Marriott Hotel in New York als Adresse angegeben hat. An diesem Morgen wird das New Yorker FBI-Büro umfassend von der Zentrale in Washington über al-Midhar unterrichtet. Die Beamten erhalten die Order, alles zu tun, um den mutmaßlichen Terroristen zu finden. Die FBIErmittler schwärmen aus. Die Marriott-Kette hat mehrere Ableger in Manhattan. Das Ergebnis ist ernüchternd: In keinem Hotel der Kette ist jemals ein al-Mihdhar abgestiegen. Dass er unter falschem Namen eingecheckt hat, halten die Fahnder für unwahrscheinlich, war er doch abgebrüht genug, unter seinem echten einzureisen.

Die New Yorker FBI-Beamten wollen nichts unversucht lassen und fordern Verstärkung aus Washington an. Die Zentrale lehnt ab. Die Fahndung nach al-Mihdhar sei nur auf Grund von Geheimdienstinformationen ausgeschrieben worden. Dies sei nicht erlaubt, sagen die Juristen der National Security Law Unit des FBI. Das Gesetz schreibe eine strikte Trennung zwischen geheimdienstlichen und polizeilichen Ermittlungen vor.

Die New Yorker FBI-Beamten verstehen die Welt nicht mehr. Schlimm genug, dass die CIA die anderen Behörden erst nach Monaten über al-Mihdhars Einreise informiert hat. Nun darf das FBI nicht nach einem Mann suchen, der beim Anschlag auf die "USS Cole" im Jemen seine Finger im Spiel hatte und frei in den USA herumläuft. Fassungslos schreibt einer der Beamten eine E-Mail an das FBI-Hauptquartier: "Eines Tages wird jemand sterben - gesetzliche Grenzen hin oder her -, und die Öffentlichkeit wird dann nicht verstehen, weshalb wir nicht effektiver waren und alle uns verfügbaren Mittel zur Lösung bestimmter Probleme eingesetzt haben. Lassen Sie uns hoffen, dass die National Security Law Unit dann hinter ihren Entscheidungen stehen wird, besonders da jetzt die größte Bedrohung für uns, UBL (Abkürzung für Osama bin Laden - die Red.), letztlich dadurch den meisten Schutz erhält."

Washington, 4. September 2001

Vizepräsident Dick Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und andere Mitglieder des Nationalen Sicherheitsrats treffen sich zu einer Sitzung. Auf dem Programm stehen Afghanistan und die al Qaeda. Aber bevor die Teilnehmer der Konferenz zu diesem Thema kommen, müssen sie acht andere Punkte der Tagesordnung erledigen.

Langley, Virginia, 4. September 2001

Die CIA will nun mehr denn je über den Fall Zacarias Moussaoui wissen. Der Franzose ist in Minneapolis festgenommen und zunächst wegen Visa-Vergehen verhaftet worden, als er sich ohne ausreichende Schulung für einen Kurs auf einen Boeing-Flugsimulator bewarb. Besonders beunruhigt den zuständigen CIA-Ermittler, dass Moussaoui gegenüber seinem Fluglehrer geleugnet hat, Muslim zu sein, und dass er immer wieder im Simulator die Strecke von London-Heathrow nach New York üben wollte. Der Franzose ist womöglich nichts anderes als ein Flugzeugentführer. Vorsichtshalber weist der Beamte jedes CIA-Büro weltweit an, Informationen über Moussaoui nach Langley weiterzuleiten. In seinem Rundschreiben bezeichnet er die beiden als "verdächtige Fluglinien-Selbstmord-Attentäter", die in ein größeres Komplott verwickelt sein könnten, "Flugzeuge, die unterwegs von Europa in die USA sind", zu kapern.

Fort Meade, Maryland, 10. September 2001

Im Hauptquartier der National Security Agency, etwas außerhalb von Washington, laufen die Aufnahmegeräte rund um die Uhr. Über Satelliten und weltweit verstreute Horchposten fängt die NSA pro Stunde zwei Millionen Telefonate und E-Mails ab. Darunter ein Gespräch zweier Männer zwischen Afghanistan und Saudi-Arabien. "Morgen ist die Stunde null", sagt die eine Stimme. "Das Match beginnt also morgen", erwidert die andere. Das Gespräch wird auf Arabisch geführt.

Als es übersetzt wird, sind die Türme des World Trade Center bereits seit einem Tag eingestürzt. 3066 Menschen haben in New York, Washington und Pennsylvania beim schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der USA ihr Leben verloren.

Tödliche Fehler - Das Versagen von Politik und Geheimdiensten im Umfeld des 11. September, 256 Seiten, 19,90 Euro, ist im Aufbau-Verlag erschienen

Oliver Schröm und Dirk Laabs / print