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Stern Investigativ - Geheimdienste

Die Kalaschnikows: Ex-KGB-Agent und Ehefrau bluffen Geheimdienste

War es Quecksilber? Polonium? Radioaktivität? Das russische Ehepaar Kalaschnikow hält deutsche Kliniken und Geheimdienste mit immer neuen Geschichten über dunkle Verfolger und heimtückische Giftattentate in Atem. Belege gibt es dafür nicht.

Von Johannes Gunst und Werner Mathes

Als die Spurensicherer des Landeskriminalamtes (LKA) anrückten, schlug ihnen ein penetranter Essiggeruch entgegen. Seine Frau, klärte Victor Kalaschnikow, 58, die Ermittler auf, putze mehrmals am Tag das Gäste-Apartment mit einem Reinigungsmittel auf Essigbasis. Sämtliche Sitzgelegenheiten der Einzimmerwohnung in Berlin-Schöneberg waren mit Müllsäcken überzogen, persönliche Gegenstände und Wäschestücke in Plastiktüten verstaut.

Das russische Ehepaar Kalaschnikow, das hier seit ein paar Tagen logierte, hatte, nicht zum ersten Mal, die Polizei alarmiert - weil auch diese Unterkunft wieder mit Quecksilber und anderen Giftstoffen kontaminiert worden sei. Marina Kalaschnikowa, 52, zeigte ihre Hände, die aufplatzen und bluten würden, wenn sie sich hier aufhalte. Und forderte die Beamten ungeduldig und fast hysterisch auf, Proben von einem Wasserfleck auf dem Herd oder einem Riss im steinernen Fensterbrett zu nehmen.

Als der Spurensicherungstrupp wieder abzog, hatte er diverse Substanzen und Materialien im Gepäck, Kaffeepulver etwa, Duschgel, Salz, ein weißes Bettlaken oder ein Paar graue Socken. Noch am selben Tag waren in der Berliner Charité Blut-, Haar- und Urinproben der Kalaschnikows asserviert worden.

Alle beschäftigt - vom AA bis zum BND

Mit dem Polizeieinsatz vor ein paar Wochen wollte das Berliner LKA endlich Klarheit in einen mysteriösen Fall bringen, der nicht nur international Schlagzeilen machte, sondern auch das Auswärtige Amt, das Bundesinnenministerium, den Bundesnachrichtendienst (BND), das Bundeskriminalamt, den Verfassungsschutz und die Generalbundesanwaltschaft über ein Jahr lang beschäftigt hatte. Denn die Kalaschnikows behaupteten immer wieder, von russischen Verfolgern auf deutschem Boden schleichend vergiftet zu werden, vor allem mit Quecksilber, aber auch mit anderen Substanzen, Cadmium etwa oder Polonium. Mit dem radioaktiven Polonium war vor über fünf Jahren schon der frühere russische Spion Alexander Litwinenko in London getötet worden.

Entwarnung gab es schließlich Anfang Januar, ein zuvor eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wurde eingestellt - die kriminaltechnischen und rechtsmedizinischen Untersuchungen hätten ergeben, "dass eine fortdauernde Vergiftung hier in Deutschland ausgeschlossen werden kann", heißt es in einem internen Abschlussbericht. Als Ursache für die lediglich einmalig erhöhten Quecksilberwerte im Blut der Kalaschnikows, die im November vergangenen Jahres in der Charité festgestellt wurden, hält das LKA ausdrücklich eine "gezielte Selbstkontamination durch die Eheleute" für möglich.

Schon im März 2010 waren die Kalaschnikows in der Charité vorstellig geworden, hatten über Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit und Rückenschmerzen geklagt. Der behandelnde Arzt untersuchte die mit rötlichen Ekzemen bedeckten und stark vernarbten Hände von Marina Kalaschnikowa und bemerkte, dass diese Hautveränderungen an beiden Handgelenken in einer sauberen Linie endeten - "als seien die Hände in eine Flüssigkeit eingetaucht worden".

Internationale Tingeltour mit Giftgeschichten

Wer sind diese Kalaschnikows, denen es offenbar über Jahre mit bemerkenswerter Beharrlichkeit gelang, "diverse behördliche und humanitäre Institutionen und Personen, ausländische Vertretungen, deutsche Vertretungen im Ausland sowie Presse und verschiedene Behörden im hiesigen Gesundheitswesen für ihre eigenen Zwecke geschickt zu instrumentalisieren" (LKA-Schlussbericht)?

Die mit ihren behaupteten Krankheitssymptomen von einem Krankenhaus zum anderen tingelten, in Moskau, in Estland, in Polen und in Berlin, wo sie unter lokalen Haus- und Klinikärzten bekannt gewesen seien "wie die bunten Hunde" (Sven Hartwig, Toxikologe am Institut für Rechtsmedizin), aber dort nie für die anfallenden Kosten aufkommen mochten. Die ihre Unterkünfte wechselten wie andere Leute ihr Hemd, die schon bei defekten Lichtschaltern die Feuerwehr riefen und die Polizei mit Hinweisen auf angebliche Verfolger nervten. Die sich offenbar bei verschiedenen Geheimdiensten andienten, um hinterher aufschneiden zu können, wegen ihres enormen Wissens äußerst gefragte Quellen zu sein.

Der BND hatte abgewunken und "keinerlei Interesse" signalisiert, weil man die Kalaschnikows für unglaubwürdig hält. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beurteilt die beiden Russen in einer Expertise für das Bundesinnenministerium als "'Nachrichtenschwindler', d. h. Personen, die falsche, verfälschte oder veraltete Informationen von möglicher nachrichtendienstlicher Bedeutung ... aus eigennützigen Gründen anbieten".

Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Motive das LKA hinter dem "Verwirrspiel" vermutet - und was die Ärzte des Bundeswehrkrankenhauses sagen

Angst mit "pathologischen Zügen"

Victor Kalaschnikow war früher für den sowjetischen KGB und nach 1990 für dessen Nachfolgedienst SWR tätig - allerdings nicht als "Boss", wie es die britische Times weismachen wollte, sondern als normaler Auswerter, der sich nach eigener Auskunft auch um die Hinterlassenschaft des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit kümmerte. 1992 schied er aus, nachdem er kurzzeitig in Brüssel und in Wien stationiert war. Seine Entlassung begründete er laut LKA-Ermittlungsakte damit, "dass ich 1991 während meiner Zeit in Wien auf eine gigantische Korruption in der dortigen KGB-Residentur gestoßen bin".

Seit 1997 wollen er und seine Frau Marina, nach eigenen Angaben eine promovierte Historikerin, als regimekritische Journalisten insgesamt rund 2300 Artikel vor allem in osteuropäischen Medien publiziert haben, wovon sich allerdings nur eine Handvoll im Internet und in russischsprachigen Pressedatenbanken finden lassen. Dass Victor Kalaschnikow beim israelisch-amerikanischen Nachrichtenportal MGI News als "Moscow Producer" beschäftigt ist, wie er weiterhin behauptet, streitet "MGI"-Chefredakteur Jay Bushinsky stern.de gegenüber ab.

Im Dezember 2009 musste sich die Berliner Polizei erstmals mit den Kalaschnikows befassen, nachdem sie die Feuerwehr wegen einer angeblichen radioaktiven Verstrahlung in ein Charlottenburger Hotel gerufen hatten - der Verdacht war unbegründet. Trotzdem ließ sich das Ehepaar Anfang 2010 stationär ins Berliner Bundeswehrkrankenhaus einweisen; die Kostenübernahme soll das Auswärtige Amt telefonisch zugesichert haben, wovon es später jedoch nichts mehr wissen wollte. Auch dort entließ man die beiden Russen ohne nennenswerte Befunde. Bis auf einen: Die Angst des Paares, so ein Arzt gegenüber Polizeibeamten, habe "pathologische Züge". Womöglich deshalb versicherten sie noch bis vor Kurzem fest und steif, dass eine Verseuchung durch Polonium nachgewiesen worden sei.

Das Visum läuft ab

Oder haben die durchaus hochintelligenten Eheleute dieses Verwirrspiel nur inszeniert, "um eigene Interessen - hier insbesondere die Erlangung eines Aufenthaltsstatus' - und finanzielle Vorteile zu verfolgen", wie es das Berliner LKA vermutet?

Dessen Ermittlungen seien von anderer Seite beeinflusst, fürchten die Kalaschnikows: "Man will uns als Störenfriede loswerden." In einer neuen Bleibe in Berlin-Steglitz trieben sich angeblich vor dem Haus verdächtige Gestalten herum. "Meine Hände sind wieder blutig aufgeplatzt", klagt Marina Kalaschnikowa, "ein eindeutiges Zeichen, dass wir akut vergiftet werden." Erneut waren sie im Bundeswehrkrankenhaus, erneut weigerten sie sich, für die Kosten aufzukommen, weshalb das Hospital sie künftig nur noch gegen sofortige Barzahlung behandeln will.

Ende dieser Woche jedenfalls läuft ihr bereits mehrfach verlängertes Visum "zum Zwecke der medizinischen Behandlung in Deutschland" aus. Nach Russland wollen sie keinesfalls mehr zurück. Angeblich wollen ihnen jetzt Bundestagsabgeordnete der Grünen helfen - Namen wollen sie aber nicht nennen.

Johannes Gunst und Werner Mathes

Von:

und Johannes Gunst