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Stern Investigativ - Geheimdienste

Pakistan und der BND: Ziemlich beste Freunde

Pakistans Geheimdienst ISI und der Bundesnachrichtendienst haben sich prächtig verstanden. Bis die Pakistani drei deutsche Agenten auffliegen ließen. Jetzt droht die Eiszeit.

Von Johannes Gunst

Wenn Ahmad Shuja Pasha sich über etwas freut, dann kichert er wie ein kleiner Junge. Er nimmt die Schachtel mit dem Lübecker Marzipan, wiegt sie behutsam in der Hand, betrachtet sie von allen Seiten. Ein Mann mit kantigem Kopf und Knopf im Ohr nimmt sie ihm weg und eilt davon. Sicherheitsbedenken. Pasha guckt enttäuscht hinterher.

Der Mann mit der Vorliebe für deutsches Marzipan ist Director General des pakistanischen Militärgeheimdienstes Inter-Services Intelligence (ISI). Eine krakenhafte Behörde, der man so einiges nachsagt: Sie habe Osama Bin Laden beherbergt, Frieden in Afghanistan verhindert, einen kritischen Journalisten zu Tode gefoltert.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) hat mit dem ISI engste Beziehungen gepflegt. Das könnte jetzt ein Ende haben. In einem diplomatischen Affront ließ Pakistan Ende Januar drei deutsche Agenten auffliegen.

"Kein Schoßhund der Amerikaner"

Pasha steht seit 2008 an der Spitze des ISI. Der Drei-Sterne-General ist einer der mächtigsten Männer im Atomstaat, das "Time"-Magazin zählt ihn gar zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt. Shaukat Qadir, der ehemalige Lehrer des ISI-Chefs an der National Defence University, sagt dem stern: "Im Gegensatz zu unserer zivilen Regierung ist er kein Schoßhund der Amerikaner." Pashas Ansehen im eigenen Land profitiert von diesem Image. Zweimal wurde die Amtszeit des ISI-Chefs bereits verlängert, am 18. März endet die dritte.

Die Amerikaner verhalfen dem 59-Jährigen einst zu Amt und Würden. Mittlerweile liegt die Beziehung in Trümmern. Aus Washington ertönt regelmäßig der Vorwurf, pakistanisches Militär und Geheimdienst spielten ein dreistes Doppelspiel: Mit der einen Hand würden sie US-Hilfszahlungen in Milliardenhöhe einsacken, während sie die andere schützend über Terroristen in Afghanistan hielten und ihnen Rückzugsraum auf dem eigenen Staatsgebiet zur Verfügung stellten.

Ungeachtet der transatlantischen Spannungen - die Achse Islamabad-Berlin funktionierte reibungslos. Bis zum 21. Januar. Da stürmen pakistanische Sicherheitskräfte das Büro des BND in Peschawars "University Town". Am Zufahrtstor warten bereits lokale Journalisten und schießen Fotos von den BND-Mitarbeitern. Eine gezielte Provokation: Die Enttarnung ausländischer Agenten vor den Augen der Öffentlichkeit. Eine Sondermaschine macht sich auf den Weg nach Islamabad, bei Nacht und Nebel wird das Spionage-Trio ausgeflogen. Die diplomatische Katastrophe ist perfekt.

Informationen und kleine Gefälligkeiten

Wie konnte das passieren? Fast jeden Monat reiste zuvor eine Delegation des BNDs für Arbeitsgespräche nach Pakistan. Schon vor einigen Jahren vergnügten sich Mitarbeiter beider Dienste gemeinsam auf dem Münchner Oktoberfest. Der BND teilte großzügig Erkenntnisse, ungemütliche Vorwürfe aus Deutschland gegen den pakistanischen Partnerdienst blieben aus. Der ISI revanchierte sich nach Kräften. So war der BND bestens darüber informiert, was deutsche Gotteskrieger in den Stammesgebieten von Waziristan trieben.

Ein Islamist aus Bonn, 2009 auf der Reise Richtung Terrorcamp vom ISI festgenommen, durfte mit seiner Familie in einem noblen Gästehaus logieren, während er auf seine Auslieferung in die Bundesrepublik wartete. Terror-Jünger aus anderen Ländern mussten derweil im Knast schmoren. ISI-Chef Pasha persönlich setzte sich für die Sicherheit eines deutschen Stiftungsmitarbeiters in Islamabad ein, gegen den es Morddrohungen gegeben hatte.

Die wohl größte Ehrerbietung aber war ein Freifahrtschein der besonderen Art: Pasha erlaubte dem BND die Arbeit im Grenzgebiet zu Afghanistan. Der deutsche Auslandsgeheimdienst war stolz auf seine Männer in Peschawar. Die quirlige Stadt ist das Einfallstor nach Afghanistan, ins Kriegsland. Ein Eldorado für Schlapphüte.

Ständige Vertretung in Peschawar

Seit 1980 ist der BND dort aktiv. Die Sowjets waren im Nachbarland einmarschiert, der Hindukusch hatte plötzlich weltpolitische Bedeutung. Der BND beorderte mit Jan Kleffel erstmals einen Residenten nach Pakistan.

"Einmal die Woche bin ich von der Hauptstadt nach Peschawar gereist", erinnert sich der pensionierte Oberst. Stets im Gepäck: "mehrere Kästen Löwenbräu oder Becks". Das servierte Kleffel Jihad-Kämpfern, die er in seinem Hotelzimmer empfing. Kriegs-Informationen und beim sowjetischen Feind erbeutete Waffen tauschte er gegen dicke Dollar-Bündel. Ein guter Handel, für beide Seiten. Schon bald eröffnete der BND eine ständige Vertretung in Peschawar, ein Oberstleutnant mit dem Tarnnamen "Turett" wurde erster Büroleiter.

Die Deutschen seien neben den Amerikanern die einzigen ausländischen Agenten gewesen, die der ISI dort zuletzt noch geduldet habe, berichtete BND-Präsident Gerhard Schindler am 25. Januar 2012 vor dem parlamentarischen Kontrollgremium. Ein pakistanischer Geheimdienstler sagt dem stern: "Wir haben die Deutschen zwar auf Schritt und Tritt überwacht, aber sie durften dort sein - im Gegensatz zu vielen anderen."

Plötzlich zwischen den Fronten

Im vergangenen Oktober stattete Ernst Uhrlau, Schindlers Vorgänger als BND-Präsident, seinem Amtskollegen Pasha einen Abschiedsbesuch ab. Die Harmonie war da bereits getrübt. Ein Jahr zuvor hatte der BND erstmals Geheimverhandlungen zwischen den Taliban und der amerikanischen Regierung vermittelt. Die Pakistaner fühlten sich brüskiert, halten sie doch in der Krisenregion gerne alle Fäden selbst in der Hand. "Euer BND darf mit Schurken sprechen, wenn wir das tun, ist gleich die ganze Welt sauer auf uns", ereiferte sich ein ranghoher ISI-Mann gegenüber dem stern in Islamabad.

In Deutschland hatte man die dunklen Wolken am Horizont genau registriert. "Noch sind wir gegenüber Pakistan in einer bequemen Situation. Die USA spielen die Bad Guys, wir sind die Good Guys", sagte ein für die Geheimdienste zuständiger Regierungsbeamter Ende letzten Jahres in kleinem Kreis in Berlin. "Wir müssen aber höllisch aufpassen, dass wir nicht zwischen die Fronten geraten." Eine böse Vorahnung. Dann kam Peschawar.

Offiziell schweigen beide Seiten über den brisanten Vorfall. Gegenüber dem stern aber erheben pakistanische Geheimdienstler in Hintergrundgesprächen schwere Vorwürfe. Die deutschen Agenten hätten ihr Mandat vor Ort "deutlich überreizt". Erlaubt sei demnach lediglich die "Überwachung des Nato-Nachschubs für Afghanistan" gewesen.

Pakistanische Propaganda oder fundierte Vorwürfe?

"Warum haben die BND-Männer dann auf einem Markt in Peschawar Uniformen paramilitärischer pakistanischer Truppen und Burkas geordert?" fragt ein ISI-Mann. Angeblich seien die Agenten bei einer solchen "Shopping-Tour" beobachtet worden. In den Wochen vor ihrer Festnahme hätten sie den verhassten Amerikanern außerdem dabei geholfen "Operationen" gegen "High Value Targets" vorzubereiten. So heißen im örtlichen Militärjargon Führungsleute von al Kaida und Taliban. "Operationen" bedeutet Festnehmen oder Töten. Ob es sich hierbei bloß um pakistanische Propaganda gegen den ungeliebt gewordenen Freund handelt oder um fundierte Vorwürfe, ist nur schwer nachprüfbar. Der BND lehnte eine Stellungnahme gegenüber dem stern ab.

Jan Kleffel, einst erster BND-Resident in Pakistan und später Referatsleiter "Internationaler Terrorismus" hält derartige Anschuldigungen jedoch für "Unsinn und Augenwischerei": "Mit der Enttarnung des Trios wollte der ISI vermutlich dem eigenen Volk und den Radikalen im Land beweisen, dass er sich von ausländischen Agenten nicht auf der Nase rumtanzen lässt. Da sind wir ein willkommenes Opfer, denn im Gegensatz zur amerikanischen CIA wehren wir uns nicht."

Aus pakistanischen Sicherheitskreisen verlautete noch ein anderer Vorwurf, der insbesondere bei deutschen Entwicklungshelfern für helle Aufregung gesorgt hat: Angeblich haben sich die BND-Agenten in Peschawar als Mitarbeiter der staatlichen "Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit" (GIZ) getarnt.

Pashas ganz besonderes Verhältnis

Wolfgang Krieger, Mitglied der Historikerkommission, die seit letztem Jahr BND-Archivakten auswertet, sagt dem stern: "Auch wenn Spione bei einer auswärtigen Regierung offiziell bekannt sind, benötigen sie für ihren Agentenalltag eine glaubwürdige Legende. Um zum Beispiel so banale Dinge zu tun, wie in einem Hotel einzuchecken. Eine besonders beliebte Legende ist die Tarnung als Entwicklungshelfer. Ob der BND auch so vorgeht, weiß ich nicht, es würde mich aber sehr wundern wenn nicht." BND-Präsident Schindler hat gegenüber Parlamentariern des Kon-trollgremiums scharf dementiert, dass sich seine Mitarbeiter in Peschawar als Entwicklungshelfer ausgegeben haben.

Michael Steiner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan, versuchte die Wogen bei vertraulichen Gesprächen mit der pakistanischen Armeespitze Anfang Februar zu glätten. Nach Peschawar darf der BND stern-Informationen zufolge trotzdem nicht zurück - zumindest vorerst. Und wenn nächsten Monat beim ISI ein neuer Dienstherr Pashas Nachfolge antritt, dürfte es für den BND nicht leichter werden. Schließlich galt gerade Pashas persönliches Verhältnis zu Deutschland als "very special".

Ende der 1980er Jahre, als in Afghanistan von ISI und CIA gemeinsam unterstützte Jihad-Kämpfer gegen die Sowjets kämpften, drückte Pasha die Schulbank in Hamburg-Blankenese. Während seiner Ausbildung an der Führungsakademie der Bundeswehr lernte er nicht nur Lübecker Marzipan, sondern auch Deutschland und dessen Kultur schätzen. Er knüpfte Freundschaften, die bis heute halten.

Als Pasha den "Internationalen Generalstabslehrgang" im Jahr 1989 mit Bestnoten abschloss, hatte der Rest der Welt sein Heimatland vergessen. Das wiederum wird Pasha nicht vergessen. 22 Jahre später, Herbst 2011. Der ISI-Chef nimmt einen großen Schluck vom frisch gepressten Fruchtcocktail und sagt mit leiser Stimme: "Nach dem Abzug der Sowjets haben die Amis sich aus dem Staub gemacht, uns im Stich gelassen."

In Pakistan haben die Menschen Angst vor einem Deja-vu. 2014 ziehen die Nato-Truppen aus Afghanistan ab. "Wenn die westlichen Soldaten aus unserem Nachbarland verschwunden sind, geht dort der Bürgerkrieg los", sagt ein ISI-Offizier und zuckt mit den Schultern. "Die islamistischen Kämpfer werden noch dort sein." Armee und Geheimdienst scheinen alles daran zu setzen, sich für diese Stunde null eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Ausländische Agenten stören da nur - selbst dann, wenn sie aus Deutschland kommen.