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Stern Investigativ - Geheimdienste

stern-Enthüllung: Das unterwanderte Land

Längst spionieren nicht mehr nur Agenten im Namen Amerikas. stern-Recherchen zeigen, dass die USA in Deutschland ein Netz von Firmen unterhält, die den Geheimdiensten als Handlanger dienen.

Die Liebe zu Deutschland ist allgegenwärtig in dem kleinen Apartment, irgendwo in der Wüste im Westen Amerikas. Ein Oma-Radio im Regal, ein Album von Wolfgang Ambros, die ZDF-Serie "Rosenheim Cops" auf DVD. Der Mann, der seit einem Jahr hier wohnt, fühlt sich noch nicht wie zu Hause. Er vermisst die schwäbischen Schupfnudeln, das Bamberger Rauchbier, den wöchentlichen Ausflug zum Bahnhofskiosk in Stuttgart, wo er sich mit deutschen Sonntagszeitungen eindeckte. Ja, manchmal vermisst er sogar den Nieselregen, den es hier, im Land der ewigen Sonne, nicht gibt.

Man kann über diesen Mann, der die Deutschen so gern mag, nicht viel sagen. Man darf seinen Namen nicht nennen, nicht sein Alter, nicht den Ort, an dem er nun lebt. Auch über seine Arbeit verliert er nur wenige Worte, er würde sich sonst strafbar machen, was an der Art dieser Arbeit liegt. George Smith, wie wir den Mann hier nennen, war ein Spion. Er verbrachte seinen Alltag in Deutschland mit streng geheimen Informationen.

Drei Jahrzehnte lang war er für die amerikanische Regierung in Deutschland beschäftigt, zunächst im Kalten Krieg als einer, der für die National Security Agency (NSA) Gespräche belauscht und übersetzt hat, zuletzt im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus als Computerfachmann, der geheime Datenbanken gewartet hat, für Booz Allen Hamilton, jene Vertragsfirma von Militär und NSA, für die auch der Whistleblower Edward Snowden zuletzt gearbeitet hat. Im vergangenen Jahr wurde Smiths Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert, wehmütig kehrte er in die USA zurück.

Es gibt recht viele George Smiths in Deutschland, es dürften über tausend sein. Sie gehören zu einem geheimen Imperium, das die USA seit der Nachkriegszeit still und leise in Deutschland aufgebaut haben. Nicht einmal die spektakulären Enthüllungen Edward Snowdens zeigen vollständig, wie unverfroren die Amerikaner in fremden Ländern spionieren.

Ein gigantisches Schattenreich ist da entstanden, das nicht nur von den üblichen Verdächtigen regiert wird, den Geheimdiensten CIA oder NSA. Da gibt es das amerikanische Militär, das nach der Wiedervereinigung 130.000 Feldsoldaten aus Deutschland abgezogen, aber durch eine neue Armee ersetzt hat: Spezialisten für die Beschaffung von geheimen Informationen. Da gibt es vor allem eine wachsende Zahl an privaten Unternehmen, die mehr und mehr die schmutzigen Geschäfte des Spionierens übernehmen. Ein neues Söldnerheer ist so entstanden, mit Agenten auf Zeit. Manche von ihnen entscheiden vermutlich sogar mit über Tod und Leben: Sie helfen mutmaßlich bei tödlichen Drohneneinsätzen, die aus Sicht deutscher Rechtsexperten gegen das Völkerrecht verstoßen.

Stellenanzeigen im Internet

Der stern hat viele dieser Unternehmen aufgespürt. Mindestens 90 US-Firmen waren demnach in den letzten Jahren in Deutschland mit "intelligence", also Geheimdienstarbeit, beschäftigt. Für die fünf Standorte in Stuttgart, Ramstein, Darmstadt, Mannheim und Wiesbaden sammeln ihre Mitarbeiter Informationen und werten sie aus. Sie hacken sich in Computersysteme ein und helfen beim Abhören von Telefonaten. Sie schreiben Berichte und Analysen. Sie entwickeln Strategien für die Geheimdienstarbeit der Zukunft, stellen Software und Computer bereit und warten die Leitungen. Sie kümmern sich darum, dass Gebäude des amerikanischen Militärs und der Nachrichtendienste abhörsicher und bewacht sind, und räumen im Zweifel auch die Hundehaufen am Eingang weg, damit die Agenten nicht in die Scheiße treten mögen - so jedenfalls steht es in einem Vertrag einer dieser Firmen.

Derartige Verträge und Stellenanzeigen, zum Teil im offenen Internet zu finden, waren die Grundlage der stern-Recherchen, genauso wie die Websites von Firmen, des Militärs und amerikanischer Regierungsbehörden. Militärexperten und ehemalige Geheimdienstmitarbeiter bestätigten die Existenz und Bedeutung dieser Firmen, von denen viele nur unterstützende Arbeit leisten. Rund 30 Unternehmen aber haben Aufgaben übernommen, mit denen man früher nur Soldaten oder Geheimagenten betraut hätte.

Die meisten Mitarbeiter in diesen Unternehmen haben eine sogenannte Secret clearance oder Top secret clearance. Ihr Leben wird genau durchleuchtet, bevor sie nach Deutschland entsandt werden. Sie müssen einen einwandfreien Leumund vorweisen und dürfen nicht erpressbar sein. Lernen sie in ihrem neuen Leben Nichtamerikaner kennen, muss jeder dieser Kontakte der Firma gemeldet werden, egal ob es Freundschaften sind, kleine Affären oder Liebesbeziehungen. Die Formulare für diese Berichte sind per Mail zu bestellen.

Manche dieser Firmen arbeiten mehreren Dutzend Einheiten und Außenstellen des US-Militärs zu, aber auch den Filialen von CIA und NSA, der Bundespolizei FBI, dem Heimatschutzministerium, der Justizbehörde oder der Drogenbehörde DEA. Sie alle koordinieren ihre Arbeit in übergreifenden Kommandos und Gruppen.

Manche Mitarbeiter und Soldaten sind auf ihre Arbeit so stolz, dass sie trotz Geheimhaltungspflicht im Internet prahlen. Brett F. zum Beispiel, der heute als Technikchef für die Abteilung "Gegenspionage" des Europäischen Kommandos (EUCOM) der US-Streitkräfte in Deutschland arbeitet: Auf seiner Internetseite beim Karrierenetzwerk Linked-In erzählt er, dass sein Schnüffeltalent bereits "zur Ergreifung von sieben Individuen" geführt habe. Oder Jeff R., der für dasselbe Kommando von Stuttgart aus die Einsätze von Geheimdienstagenten koordiniert. Er ist Angestellter von L3 Communications, einer Firma, die im Auftrag der US-Regierung Geheimdienstoperationen übernommen hat und noch im September dafür dringend neue Mitarbeiter in Deutschland suchte: einen Analysten für Soziale Netzwerke, einen anderen, der mit biometrischen Daten eine Terrordatenbank befüllen soll, alles streng geheim. Auf Linked-In protzt er mit seinen bisherigen Tätigkeiten, unter anderem für die NSA.

Mächtige Konzerne gehören zu diesen Firmen, wie Booz Allen Hamilton, der "Schattengeheimdienst", wie einer der knapp 200 Vizepräsidenten seine Firma einmal genannt hat, ein "Schlüsselpartner" für das Verteidigungsministerium, wie es auf der firmeneigenen Homepage steht. Seit Jahren berät der Konzern die US-Regierung in Technologiefragen. Mit 24.500 Mitarbeitern weltweit macht Booz Allen Hamilton fast sechs Milliarden Dollar Umsatz. Ein Viertel davon stammt aus der Arbeit mit Geheimdiensten. Für die US-Regierung ist Booz Allen Hamilton eine Art Mädchen für alles: Die Mitarbeiter lehren Soldaten, wie man geheime Analysen schreibt und Strategien entwirft, andere durchforsten die Daten nach möglichen Bedrohungen im Cyberspace, auch von Deutschland aus.

Noch mächtiger ist die Science Applications International Corporation (SAIC) mit einem weltweiten Umsatz von jährlich elf Milliarden Dollar. Rund drei Viertel aller Aufträge stammen vom US-Verteidigungsministerium, kooperiert wird mit allen großen US-Geheimdiensten. Seinen Sicherheitsbereich hat SAIC kürzlich ausgegliedert und in eine andere Firma überführt. Leidos, wie das neue Unternehmen heißt, unterstützt die Arbeit auf mehreren US-Militärbasen in Deutschland, unter anderem auch im sogenannten Dagger-Komplex in Darmstadt, dort, wo die 240 Mitarbeiter des European Cryptologic Center (ECC) ihre Büros haben. Das ECC gilt neben Wiesbaden, Stuttgart, Berlin und einer kleinen Einheit in Bad Aibling als einer von fünf Standorten der NSA in Deutschland. Demnächst soll das ECC nach Wiesbaden umziehen, in moderne Gebäude mit modernerer Technik - und viel größeren Speicherkapazitäten.

Folgt man den Stellenprofilen, koordinieren Leidos-Mitarbeiter in Deutschland Agenteneinsätze für das Europäische Kommando der Amerikaner und helfen mit, Menschen und Gruppen ausfindig zu machen, die für die USA "sicherheits-relevant" sein könnten. Viele frühere Elitesoldaten arbeiten für die Firma. Die Unternehmen zahlen meist besser als die staatlichen Arbeitgeber.

Die Bundesregierung kennt die Firmen

Es gibt aber auch kleine Firmen aus dem Agentenmilieu, Start-ups, die sich in Deutschland etabliert haben, wie InCadence Strategic Solutions, das von ehemaligen Navy Seals, den Elitesoldaten der Amerikaner, gegründet wurde. Derzeit sucht das Unternehmen "hoch motivierte" Mitarbeiter, die "abgefangene Nachrichten sammeln, sortieren, scannen und analysieren" sollen.

Die Bundesregierung weiß von den meisten dieser Firmen, sie hat ihre Anwesenheit für die Unterstützung der US-Streitkräfte formal genehmigt. Ihre Mitarbeiter müssen sich in einem Verfahren anmelden, das den Namen Tesa trägt. Doch was diese Firmen tatsächlich machen, wissen die Deutschen offenbar nicht. Als der stern von der amerikanischen Armee Genaueres über ihre nachrichtendienstlichen Tätigkeiten in Deutschland erfahren will, antwortet eine Sprecherin der US-Basis in Ramstein offenherzig: "Wir haben von offizieller Regierungsseite soeben ganz ähnliche Fragen erhalten und arbeiten derzeit daran, Antworten zu liefern." Die Geschichte mit Angela Merkels abgehörtem Handy hat die deutschen Behörden eiskalt erwischt.

Was das Spionieren anbelangt, haben die USA ihre Rolle als Besatzungsmacht knapp 70 Jahre nach dem Krieg noch immer nicht aufgegeben. Der große Bruder waltet und schaltet, der kleine schaut verschämt zu Boden. Daran haben auch vereinzelte CIA-Skandale nichts geändert. 1999 wollten die Bundesbehörden wissen, wie viele Agenten die Vereinigten Staaten in Deutschland führen, neben den Geheimdienstmitarbeitern, die offiziell an den Botschaften und Konsulaten gemeldet sind. Natürlich gab es keine Antwort. Nach den Anschlägen vom 11. September hörten die Deutschen auf nachzufragen.

Stattdessen bemühten sie sich um noch engere Kooperationen, entwickelten gemeinsam mit der CIA eine Datenbank gegen Terrorismus, Projekt 6 genannt. Man hatte im Gegenzug ja auch wertvolle Hinweise von den Amerikanern bekommen, etwa auf radikale Islamisten im Raum Stuttgart und Ulm, die später zu den Ermittlungen gegen die sogenannte Sauerland-Gruppe führten. Auch die Deutschen teilten großzügig ihre Erkenntnisse, mal die (falschen) Hinweise zu Massenvernichtungswaffen im Irak, mal die (richtigen) Informationen über das iranische Atomprogramm. Man ließ sich von der NSA die gemeinsam genutzte Spionagesoftware XKeyscore erklären und sprach immer wieder in Washington vor, um seinen Kooperationswillen zu erklären. So, wie es gute Freunde eben tun.

Vergangene Woche dann erlebte diese Freundschaft einen jähen Bruch, nachdem bekannt wurde, dass selbst die Kanzlerin nicht geschützt ist vor den großen Ohren aus dem Westen. Trau niemandem und nimm, was du bekommst, das ist das Credo eines jeden gut funktionierenden Geheimdienstes. Das wissen die Deutschen, das weiß auch die Kanzlerin. "Nicht alle hier tätigen Kollegen der CIA treten als Gast auf", sagt der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes Manfred Murck, "manche lassen einen deutlich spüren: Das Wichtigste auf der Welt ist die Sicherheit der USA."

George Smith, der heimgekehrte Spion aus Stuttgart, sagt: "Amerikanische Geheimdienste sind wie ein voll automatisierter Hammer. Sie sehen so gut wie alles als Nagel an und hauen erst mal drauf. Wir haben in Deutschland wilde Dinge getrieben." Für sich selbst kann er immerhin in Anspruch nehmen, niemals einen deutschen Staatsbürger ausspioniert zu haben. "Für mich galt immer: den Gastgeber bespitzelt man nicht." Dass die Regel für all seine Kollegen gültig ist, mag er aber nicht unterschreiben.

Ein wenig darf George Smith über seine Arbeit erzählen, von früher vor allem, da saßen sie auf einem Hügel in Furth im Wald an der tschechischen Grenze, mit dicken Kopfhörern an den Ohren, und lauschten bei den Russen, bei den Deutschen in der DDR oder den Tschechoslowaken. Neben ihnen saßen deutsche Frauen, die auch für die Amerikaner arbeiteten. Über Wasserdampf öffneten sie sorgsam Briefumschläge, um unbemerkt die Post zu kontrollieren. Draußen bewachte ein bellender Schäferhund das Gelände, auf dem sich auch der BND niedergelassen hatte. Es war wie im Film.

Deutschland als perfekter Einsatzort

Damals herrschte der Kalte Krieg, Deutschland war nicht nur aus historischen Gründen der wichtigste Ort für amerikanische Spione, auch geografisch lag es ideal, mittendrin und direkt an der Front. In den 80er Jahren arbeiteten allein in Berlin rund 600 Mitarbeiter der NSA. Es folgten die Krisen auf dem Balkan. Die USA flogen Kriegseinsätze, auch dafür brauchten sie verlässliche Informationen. Dann geschah der 11. September, die Kriege in Afghanistan und Irak begannen und wurden maßgeblich von deutschen US-Basen aus gesteuert. Der globale Kampf gegen den Terror wurde ausgerufen, Deutschland blieb ein zentraler und treuer Partner - auch, was die Arbeit der Geheimdienste anbelangt.

Heute gibt es einen Krieg, der keine Grenzen mehr kennt. Es geht nun um die Informationen selbst, ein Cyberkrieg ist es, das Schlachtfeld heißt Daten-Cloud. Heute gewinnt, wer die bessere Technik hat, um an die Informationen zu gelangen. Deshalb bekommen private Unternehmen immer mehr Bedeutung in diesem Krieg: Sie sind oft schneller und moderner als der Staat, belasten nicht den Stellenplan für Beamte und können flexibel ein- und abgesetzt werden. Die Zahl an Stellenausschreibungen im privaten Spionagebereich wächst daher von Jahr zu Jahr, weil auch der Bedarf an Experten größer wird. Die riesigen abgeschöpften Datenmengen müssen klug verwaltet werden, viele Privatunternehmen sind deshalb auf Programmieren spezialisiert. Aber auch die Analyse biometrischer Daten wird immer wichtiger: Gesichtserkennung und Fingerabdrücke, damit Freund und Feind eindeutig identifiziert werden können.

Dieser Krieg kann von überall geführt werden, dennoch nutzen die Amerikaner Deutschland noch immer gern als Einsatzort. "Es ist mehr als nur die Nostalgie", sagt George Smith. "Afghanistan und Afrika sind schnell zur erreichen, Deutschland liegt für diese Einsätze auch in der besseren Zeitzone." Vor allem aber sei Deutschland ein höflicher Gastgeber, der keine Fragen stellt.

US-Behörden sind für die deutsche Spionageabwehr bislang tabu. "Mit dem Amtsantritt weiß man, dass man bei den Amerikanern nicht aktiv hinschauen soll, das ist politisch nicht opportun", sagt ein früherer Inlandsgeheimdienstchef. "Das ist eine Art Geschäftsgrundlage für jeden deutschen Verfassungsschutzpräsidenten." Erst jetzt, nach dem Skandal um Merkels Handy, kündigen die deutschen Nachrichtendienste an, ihr Personal für die Spionageabwehr rasch zu verstärken.

Die rechtliche Grundlage für die Spitzelarbeit im militärischen Bereich auf deutschem Boden ist ein Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut, das es der US-Armee in Deutschland erlaubt, die zur "befriedigenden Erfüllung" ihrer Verteidigungspflichten "erforderlichen Maßnahmen zu treffen". Ein schwammiges Pamphlet, das schon vor über 50 Jahren beschlossen wurde. Es wird von den Amerikanern als Generalklausel verstanden. Alles ist erlaubt, da es sich ja um die Verteidigung der USA handelt. Selbst das gezielte Töten von Menschen, wie es vermutlich von Stuttgart aus geplant wird.

Die Bauten der "Kelley Barracks" stammen noch aus der Zeit des Nationalsozialismus, sie liegen gleich neben dem Gelände der Daimler AG. Heute beheimaten sie das Afrikanische Kommando (Africom) der US-Armee. Es ist neben dem Europäischen Kommando (Eucom) eines der Hauptkommandos, das die Amerikaner in Deutschland betreiben. Von hier aus werden alle Einsätze auf dem afrikanischen Kontinent vorbereitet, gesteuert und kontrolliert.

Zielsuche für Drohnenangriffe

Die Arbeitswoche beginnt für die Mitarbeiter des "Joint Special Operations Task Force - Trans Sahara“ mit einem festen Termin. Jeden Montag nach dem Mittagessen um 13 Uhr bekommt der Kommandeur eine geheime Präsentation vorgeführt. Der Inhalt: "Targeting". Es geht dabei, so interpretieren übereinstimmend Militärexperten die dem stern vorliegenden Dokumente, um mutmaßliche Terroristen von al-Qaida im Maghreb. Wie soll man mit ihnen umgehen? Sie verfolgen, sie gefangen nehmen, sie töten?

Die drei "F" in einer internen Stellenbeschreibung für das Africom stehen für "Find, fix, finish" (finden, festhalten und abschließen), wobei das "Abschließen" "kill" oder "capture" bedeuten kann, töten oder gefangen nehmen.

Die Stellenausschreibung für einen privaten Dienstleister, der sich um das "Targeting" kümmern soll, beschreibt die Prozedur detailliert: Von dem Bewerber erwartet man, dass er "neue Personen oder Gegenden" mithilfe von Powerpoint der Aufklärungsabteilung und dem Kommandeur vorstellt. Am Ende trägt er in eine Datenbank mögliche Ziele für Drohnenangriffe oder Kommandoaktionen ein. Dann steht fest, wer demnächst in Afrika sterben soll.

Vollstreckt werden die Urteile von speziellen Einsatzkommandos oder von Kampfdrohnen, die zum Beispiel von einer US-Basis in Dschibuti starten. Der gesamte Flugverkehr über Afrika und Europa wird dabei ebenfalls von Deutschland aus überwacht: im "Combined Air and Space Operation Center" in Ramstein.

Vieles bleibt im Dunkeln, was die Amerikaner mit ihrem Geheimdienstkomplex auf deutschem Boden machen. Fangen sie nur Kommunikation aus dem Ausland ab, wie es die offizielle Sprachregelung ist? Oder spionieren sie auch munter die Deutschen selbst aus? Zapfen sie im Lande die Leitungen an, oder gelingt ihnen das von außen?

Selbst die bisherigen Enthüllungen von Edward Snowden geben darauf keine eindeutige Antwort. Die 500 Millionen Datensätze aus Deutschland, auf die der Geheimdienst NSA laut Snowden jeden Monat Zugriff hat, stammen wohl ausschließlich aus dem ausländischen Telefonverkehr, vor allem aus Krisengebieten wie Afghanistan. Meldungen, wonach die NSA am weltgrößten Internet-Knotenpunkt "De-Cix" in Frankfurt am Main massenhaft Daten abzapft, wurden vom Betreiber dementiert. Dennoch halten es Experten wie der ehemalige NSA-Mitarbeiter Bill Binney für möglich, dass die NSA die Daten auch in Deutschland von Telefonnetzbetreibern einkauft. So hätte sie es zumindest in den USA getan.

Das Handy der Kanzlerin allerdings wurde direkt aus der US-Botschaft in Berlin angezapft, daran gibt es kaum Zweifel. Eine gemeinsame Einheit von CIA und NSA namens "Special Collection Services" (SCS) soll dafür verantwortlich sein. Die Daten wanderten, so vermutet es der ehemalige NSA-Mann Binney, in ein Analyseprogramm namens Ragtime; Ragtime-A ist für den Bereich Anti-Terrorismus, Ragtime-B für Daten aus ausländischen Regierungen.

Einheiten wie die SCS werden bei den deutschen Behörden natürlich nicht zur Genehmigung angemeldet. Genauso wenig wie die zahlreichen Agenten der CIA, die unter Legende nach Deutschland kommen. "Sie können davon ausgehen", sagt ein ehemaliger CIA-Offizier, der lange in europäischen Hauptstädten tätig war, "dass die CIA in jeder westeuropäischen Regierung mindestens einen Informanten sitzen hat. Oft wird dafür auch Geld bezahlt."

George Smith, der langjährige Spion aus Deutschland, hat sich an seinem neuen Wohnort einen deutschen Kleinwagen gekauft, mit dem er jetzt zur Arbeit bei einem neuen privaten Dienstleister für "intelligence" fährt. Es war ein Nostalgiekauf, der Wagen soll ihn an Deutschland erinnern. Smith hat die Hoffnung mittlerweile aufgegeben, dass er bald wieder nach Schwaben versetzt werden könnte. Vielleicht, sagt er, sei das auch sinnvoll. So freundlich, wie ihn seine deutschen Freunde verabschiedet haben, würden sie ihn wohl nicht mehr empfangen, nach all diesen Enthüllungen. George Smith bleibt deshalb lieber in der Wüste. Und schnüffelt von dort.

William Arkin, Karen Grass, Martin Knobbe, Dirk Liedtke, Nina Plonka, Andrea Rungg, Oliver Schröm and Anuschka Tomat