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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Kampf gegen die Wettmafia: Der Uefa-Skandal

Der FC Bayern verkauft ein Spiel an die Russenmafia, und bei der Fußball-WM sind komplette Nationalmannschaften bestochen – diese unglaublichen Vorwürfe erheben Korruptionsbekämpfer der Uefa. Doch nach stern-Recherchen vertraut der Chefermittler einem Hochstapler. Nun hat Europas Fußball-Boss Michel Platini ein echtes Problem.

Er redet bedächtig, wählt seine Worte wie ein Diplomat - Peter Limacher, Europas Sherlock Holmes im Kampf gegen die Wettmafia im Fußball, ist ein kultivierter Mann. Es ist Ende Juni, im fernen Südafrika messen sich die besten Nationalteams der Welt, aber den Chef der Disziplinarkommission der Uefa beschäftigt ein ganz anderes Match. Zum Gespräch mit dem stern im Schweizer Städtchen Nyon hat er einen jungen Mitarbeiter namens Robin Boksic mitgebracht, seinen "besten Mann", wie er ihn nennt - und eine Nachricht von höchster Brisanz.

Es ist Boksic, der erzählt, Limacher nickt dazu. Es geht um das Uefa-Cup-Halbfinal-Rückspiel im Mai 2008, die 0:4-Niederlage des FC Bayern bei Zenit St. Petersburg. Bayern München habe dieses Spiel seinerzeit tatsächlich verkauft, teilt der junge Uefa-Gesandte im Café Rapp in Nyon mit, Limacher widerspricht nicht. Russische Mafiosi hätten Millionen bezahlt, Belege über den Eingang achtstelliger Beträge auf ein Bayern-Konto bei der Privatbank Reuschel lägen vor.

Eine kleine Staatsanwaltschaft außerhalb Münchens ermittle bereits. Es habe Hausdurchsuchungen bei Bayern-Präsident Uli Hoeneß gegeben, bei Finanzvorstand Karl Hopfner, ebenso bei einem Spieler, in dessen Wohnung man neben einer Million US-Dollar auch Kokain gefunden habe. Limacher stellt dem stern die Belege in Aussicht, ein paar Wochen brauche er noch. Schon in diesem September werde die Disziplinarkommission der Uefa Anklage vor der Sportgerichtsbarkeit erheben - gegen Bayern München.

"Völlig aus der Luft gegriffen"

Die Anschuldigungen sind ungeheuerlich, aber sie kommen aus berufenem Munde. Wenn sie zuträfen, wäre die Reputation des FC Bayern zerstört. Deutschlands Rekordmeister, käuflich? Jener Verein, der stets so stolz auf sein gut gefülltes Festgeldkonto ist?

Der zwar unter der Finanzierung der Allianz-Arena ächzt und 2007 für 70 Millionen Euro Spieler einkaufte, aber kreditwürdig ist wie kein anderer Profiklub der Welt?

Die Anschuldigungen seien "völlig aus der Luft gegriffen", wird der FC Bayern Wochen später sagen und rechtliche Schritte ankündigen.

Der Verein will sich wehren.

Peter Limacher, 47, hatte im November 2009 weltweit Aufsehen erregt. Mit Bochumer Staatsanwälten war er vor die Presse getreten und hatte die Öffentlichkeit vom "größten Wettskandal in Europa" unterrichtet, den man gemeinsam aufgedeckt habe. Man gehe von 200 verschobenen Spielen aus, allein 32 in Deutschland, 17 Haftbefehle seien vollstreckt.

"Wir sind zutiefst betroffen vom Ausmaß der Spielmanipulationen durch internationale Banden", sagte Limacher an jenem 20. November.

Kampf gegen Korruption und Schieberei

Der Schweizer aus dem Kanton Bern wurde über Nacht zum Gesicht des Kampfes gegen Korruption und Schieberei. Die Uefa sei bereit für die Herausforderung, "das Krebsgeschwür aus dem Fußball zu eliminieren", ergänzte der Generalsekretär Gianni Infantino. Die Uefa, Ausrichter der Champions League und der Europameisterschaft, schien gewappnet - durch Peter Limacher, Top-Fahnder des Uefa-Präsidenten Michel Platini.

Und nun, im Sommer 2010, tritt Limacher mit Robin Boksic auf, der gleich beim ersten Treffen mit dem stern behauptet, eigentlich beim Bundesnachrichtendienst (BND) zu arbeiten und nur für die Aufklärung von Wettbetrug an die Uefa abgestellt zu sein. Boksic nennt weitere Namen prominenter Bayern-Angestellter: Auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Oliver Kahn, Lucio, Martin Demichelis seien in den Fall verwickelt.

Doch dann passiert nichts mehr. Limacher präsentiert keine Dokumente. Auf persönlich adressierte Mails antwortet meist nicht er, sondern Mitarbeiter Boksic.

Ein Betrüger und Hochstapler

"Ich habe die Unterlagen immer bei mir", sagt der, "nächste Woche können Sie sie haben." Woche um Woche verstreicht, die Geschichte der Mafia-Affäre des FC Bayern wird nicht erhärtet.

Nach und nach wird klar, warum.

Nach stern-Recherchen steht im Zentrum des Skandals die Uefa selbst. Chefermittler Peter Limacher hat sich eng an einen Betrüger und Hochstapler gebunden. Es ist jener Mann, der im Café an seiner Seite saß, auf dessen Visitenkarte das Uefa-Logo prangt und das Wort "Investigator" steht. Den Limacher für die WM in Südafrika der Fifa aufdrängte, damit der Uefa-Gesandte mit seinem Insiderwissen das Weltfest des Fußballs rette. Ein Kroate aus München: Robin Boksic, 32 Jahre alt.

Boksic zählte zur Wettbande der später verurteilten Sapina- Brüder in Berlin. Er ist aktenkundig bei der deutschen Polizei. Mehrere frühere Geschäftspartner und auch Freunde haben ihn wegen Betrugs angezeigt.

Boksic hat niemals für den BND gearbeitet

Limachers "bester Mann" aber geht in der Uefa-Zentrale in Nyon fröhlich ein und aus. Über einen Österreicher hatte Limacher 2009 Boksic kennengelernt.

Der war einer aus dem Wettmilieu, der sich auf dem Balkan auskennt, einer Hochburg des Wettbetrugs. Und der gern seine Geschichte erzählt.

Als Sohn einer kroatischen Gastwirtsfamilie in München habe er Kriegsverbrecher im Restaurant seiner Eltern ein- und ausgehen sehen. Irgendwann habe er nach einer Straftat Besuch von Agenten des BND bekommen, und die hätten ihn vor die Wahl gestellt: Entweder wirst du unser Informant, oder du gehst in den Knast. Seit neun Jahren, behauptet Boksic, arbeite er für den BND.

Die Wahrheit ist nach stern-Informationen:

Robin Boksic hat niemals für den BND gearbeitet.

"Mir kann keiner was"

Nach dem Besuch der Hauptschule jobbte er in Restaurants sowie Münchner und Berliner Wettbüros. Hielt sich im Berliner Café King bei den Wettbrüdern Ante und Milan Sapina auf, übernahm für sie Botengänge. Man zockte, man feierte, man verstand sich prächtig. Noch heute zeigt die berüchtigte Sportbar nahe dem Ku`damm auf ihrer Homepage Fotos von Boksic.

Es folgten dubiose Geschäfte mit kroatischen Strandhotels, massive Vorwürfe, er habe Anleger aus Bayern und Kroatien um mindestens eine Viertelmillion Euro betrogen. Als die Geprellten ihr Geld zurückforderten, bekam Boksic Angst. Und drehte den Spieß einfach um. Bei der Staatsanwaltschaft München stellte er sich als Opfer kroatischer Krimineller dar, Killer vom Balkan seien auf ihn angesetzt.

Der Trick funktionierte – Boksic wurde ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Aufgrund seiner "Gefährdungslage", so steht es in der Akte der Staatsanwaltschaft München, stellte die Münchner Polizei Boksic, seiner Frau und der Tochter eine "verdeckte Wohnung" zur Verfügung. Fortan brauste der Zeuge schon mal mit 100 Stundenkilometern durch Münchner Nebenstraßen. Mit der Polizei, prahlt er bis heute vor Bekannten, bekomme er keine Probleme:

"Mir kann keiner was." Offenbar nicht. Während in Deutschland im November 2009 der Berliner Ante Sapina in Untersuchungshaft wanderte, bestellte Peter Limacher dessen früheren Kumpel Robin Boksic zum Mitglied der Uefa-Disziplinarabteilung.

Die Krönung einer Karriere

Ein Insider, der vermeintlich die Fronten gewechselt hatte und mit dessen Kontakten selbst einem großen Gegner beizukommen sein könnte.

Etwa dem FC Bayern.

Einen solchen Platzhirsch zu erlegen, das wäre die Krönung einer Karriere.

Peter Limacher studierte Jura in St. Gallen und arbeitete zunächst für ein Pharmaunternehmen, Mitte der 90er Jahre stieß er zur Uefa. Der Schweizer ist ein Mann von vornehmer Zurückhaltung, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in einem Dorf am Genfer See lebt.

Bei Europas Fußballverband heuerte er in der Disziplinarabteilung an und kümmerte sich jahrelang vor allem um die Bestrafung von Spielern, die in Uefa-Wettbewerben vom Platz geflogen waren. Vor fünf Jahren rückte er an die Spitze seiner Einheit - und widmete sich verstärkt der Manipulationsbekämpfung.

Informanten aus dem Wettmilieu

Schon 1997 sorgte er dafür, dass ein unsauberer Schiedsrichter "lebenslang" gesperrt wurde. Der Bestechungsskandal um den deutschen Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 machte das Thema auf einmal hochbrisant.

In seiner neuen Funktion orientierte sich Limacher an der Arbeitsweise von Polizisten und Geheimdiensten: Als idealtypischer Funktionär zwar bar jeder Erfahrung im Umgang mit Kriminellen, bemühte er sich nun, Informanten aus dem Wettmilieu anzuwerben. Limacher will selbst ermitteln, eindringen in die unübersichtlichen, oft international organisierten Betrügerringe.

2008 heuerte er den früheren österreichischen LKA-Beamten Rudolf Stinner an, der im Sommer 2010 im Streit die Uefa wieder verließ. An dessen Stelle trat Robin Boksic, als Stinners Nachfolger empfinden ihn auch die mit dem Wettskandal betrauten Bochumer Staatsanwälte.

Man findet Kollegen und Studienfreunde, die Peter Limacher als etwas naiv beschreiben, aber gemeinhin gilt er in der Welt des Fußballs als qualifiziert, kundig, beflissen. Selten nur als verbissen.

Russische Mafiagruppe Tambowskaja

Doch im Mai ließ er den Bayern- Star Franck Ribéry für ein Foul in der Champions League gegen Lyon für drei Spiele sperren, der Franzose sollte auch noch das Finale verpassen. In der Berufungsverhandlung vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne am 17. Mai erzürnte der Uefa-Mann die Bayern-Vertreter. Der gefoulte Spieler Lisandro López hatte zuvor ausgesagt, er unterstelle Ribéry keine Absicht, man solle ihn freisprechen. Der FC Bayern unterlag trotzdem, es kam zum Eklat. Ribéry fehlte im Endspiel, das Inter Mailand 2 : 0 gewann.

Womöglich war Peter Limacher bei jener Verhandlung noch in Wallung. Am 30. April, zweieinhalb Wochen vor dem Gerichtsstreit mit den Münchnern, hatte er - an seiner Seite Robin Boksic - die spanische Justiz aufgesucht und mit José Grinda Gonzáles getagt, einem der renommiertesten Staatsanwälte Spaniens. Grinda leitet die Ermittlungen gegen die russische Mafiagruppe Tambowskaja, deren Anführer sich auf Mallorca niedergelassen haben. Aus den Abhörprotokollen seines Teams stammen Zitate der Mafiosi, die sich brüsten, der FC Bayern habe sich seine Niederlage 2008 gegen St. Petersburg „mit 50 Millionen“ bezahlen lassen.

Der Staatsanwalt staunte an diesem 30. April über den Auftritt der Uefa-Abgesandten - Limacher und Boksic versprachen weitere Belege, schilderten im Großen und Ganzen jene Geschichte, die sie Wochen später auch dem stern unterbreiteten.

Boksics Auftritt irritiert

"Da kommen die beiden hergeflogen, sitzen hier im Justizgebäude vor mir und erzählen mir von Belegen für die Käuflich- keit des FC Bayern", erzählt José Grinda in seinem Büro, das gegenüber dem Bernabéu-Stadion mitten in Madrid liegt.

Der Staatsanwalt, im Umgang mit Kriminellen vertraut, war über Boksics Auftritt äußerst irritiert.

"Aber wissen Sie, neben ihm sitzt ein Mann, der höchst seriös wirkt und ein hoch geschätzter Disziplinarchef der Uefa ist. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass das alles frei erfunden war." Die Uefa-Leute erhielten jene drei Blatt aus den Untersuchungsakten, auf denen der FC Bayern erwähnt ist. Zitate von Mafiabossen über eine Spielverschiebung, durchaus eindeutig. Grinda glaubte zunächst, so erzählt er, dass die Uefa-Männer Wort halten würden und ihre Behauptung vom angeblichen Deal zwischen der russischen Mafia und dem FC Bayern ihrerseits mit umfangreichem Beweismaterial untermauerten.

Doch seitdem sind mehr als vier Monate vergangen.

Sein Renommee schützt Limacher

Bis heute hat Grinda keine Beweise zu sehen bekommen. Auch keinen Anruf erhalten, keine Mail. Die Uefa ist verstummt.

Aber sein Renommee schützt Limacher. Und Limacher wiederum schützt Boksic.

Würde man Boksic anzweifeln, würde man unweigerlich Limacher anzweifeln - und damit den gesamten Kampf der Uefa gegen den Wettbetrug.

Im Herzen des Verbands sitzt Boksic an einem Strom hochsensibler Daten: Die teuer eingekauften Warnhinweise der Dienstleister "Betradar" oder "Asian Monitor", die weltweit Wettbewegungen nach verdächtigen Konstellationen scannen, laufen hier ein. Alle Auffälligkeiten landen sofort auf dem Schreibtisch von Peter Limacher, der informiert Staatsanwälte und Verbände.

Und immer wieder Boksic.

Dem stehen damit viel gepriesene Frühwarnsysteme zur Verfügung.

Für einen Zocker wie ihn, der freimütig erzählt, weiterhin zu wetten, sind das traumhafte Bedingungen:

Er kann Tipps an Wetter weitergeben. Und er setzt selbst auf verdächtige Spiele, die höchstwahrscheinlich manipuliert sind.

Sogenannte todsichere Tipps.

"A very special guy"

Im Sommer sandte Peter Limacher seinen Mitarbeiter zum größten aller Fußballereignisse. In der Business-Klasse der Fluggesellschaft Emirates reiste Boksic zur Weltmeisterschaft nach Südafrika - als Abgesandter der Uefa und auf Kosten des Weltverbands Fifa.

Robin Boksic schilderte den Kollegen der Fifa kurz vor dem Eröffnungsspiel alarmierende Neuigkeiten: Vom chinesischen Geheimdienst wisse er, dass bei der WM manipuliert werde. Das Team Algeriens: gekauft. Nigeria: gekauft. Slowenien: gekauft. Serbien: gekauft. Slowakei: gekauft. Ghana: gekauft. Elfenbeinküste: wahrscheinlich gekauft.

Die Vorwürfe versetzten die Fifa in Aufregung. Deren Sicherheitsexperten hatten zuvor gezweifelt: Kann man diesem Boksic trauen? Peter Limacher bejahte dies in einem Telefonat vom 25. Mai ausdrücklich.

Boksic sei "a very special guy", ein besonderer Typ, dem die Uefa viele Hinweise auf manipulierte Spiele verdanke. Der arbeite bei einer geheimdienstlichen Operation mit, für welche Organisation, das wisse Limacher nicht genau.

Es sei wohl der deutsche Geheimdienst.

Dessen Agenten, da wiederum war sich der Disziplinarchef sicher, "fliegen mit ihm. Sie sind bei ihm im Hotel, sie sind überall dabei".

Der WM-Veranstalter blieb misstrauisch

Limacher mahnte die Fifa:

"Geht sorgsam mit Boksic um, weil er sonst aufhören könnte zu kooperieren und einfach verschwinden könnte. Wir bei der Uefa wären sehr unglücklich, wenn das geschähe." Am Ende klang ein wenig Stolz durch, Stolz auf seine unorthodoxen Ermittlungsmethoden, die er den Kollegen offenbar nicht zutraut. "Ihr bei der Fifa", sagte er fast bemitleidend, "habt ein sehr kompliziertes System."

Der WM-Veranstalter blieb dennoch misstrauisch. Ein geheimes Dossier entstand, in dem Boksics Aussagen dokumentiert wurden. Vor der Partie Nigerio gegen Argentinien etwa behauptete er, der nigerianische Schlussmann sei durch einen Wettanbieter aus Singapur bestochen. Torwart Vincent Enyeama allerdings wurde später zum "Man of the Match" gewählt. Boksic nannte zudem mehr als 20 Namen, vor allem von serbischen und slowenischen Nationalspielern, die "sehr gefährlich" seien. Schließlich ließ er wissen, der BND habe „Beweise“ dafür, dass Fifa-Boss Joseph Blatter „eine Million Euro Bestechungsgeld“ erhalten habe.

Belegen konnte Boksic das nicht.

Die Fifa lässt die Geschichte auf sich beruhen

So abenteuerlich klang all das und so oft widersprach sich Boksic selbst, dass die Sicherheitsbeauftragten der Fifa reagierten - und den angeblichen Agenten an die kurze Leine nahmen. Sie verweigerten ihm den gewünschten freien Zugang zu WM-Spielen und ließen ihn auch nicht, wie verlangt, in die Mannschaftshotels, wo er Spieler und Trainer auf eigene Faust vernehmen wollte.

Die Fifa-Leute verhinderten außerdem, dass sich Boksic Zugang zum verbandseigenen Frühwarnsystem EWS verschaffte.

Als sie ihn schließlich zum Rapport erwarteten, tauchte er ab.

Seitdem hat der Weltverband von Robin Boksic nichts mehr gehört.

Auch Peter Limacher, der ihn empfohlen hatte, hat sich bei den Kollegen nicht gerührt.

Die Fifa wiederum lässt die Geschichte auf sich beruhen - obwohl ihr eigenes Dossier genügend Munition liefert, die mächtigen Europäer um den ehrgeizigen Präsidenten Platini zu erschüttern und Limacher, deren Disziplinarchef, als Dilettanten zu entlarven.

Limacher setzt weiter auf Boksic

In dem unter Verschluss gehaltenen Fifa-Report ist die Bilanz desaströs: "Es könnte sein, dass die Uefa ihre eigene Unterwanderung finanzierte und darüber hinaus durch Missmanagement von Boksic sogar internationale Spielmanipulation unterstützte." Boksic, heißt es weiter, habe "die Uefa wahrscheinlich sehr schwer beschädigt".

Es ist die ureigene Fähigkeit von Hochstaplern, auch dann weiterzumachen, wenn man aufgeflogen zu sein scheint. Die Schlappe mit der Fifa hielt allerdings auch Peter Limacher nicht davon ab, weiter auf Boksic zu setzen. Noch während der WM schickte er seinen Ermittler auf den Balkan.

Beim slowenischen Klub NK Olimpija Ljubljana bat Limacher am 30. Juni für Boksic anlässlich des Europacup-Matchs gegen Siroki Brijeg (Bosnien-Herzegowina) schriftlich um eine "all-access accreditation", um komplette Zugänge im Stadion also; Boksic sei "Mitglied der Uefa-Integritätsgruppe".

Was weiß Uefa-Boss Michel Platini?

Ende August reiste Boksic nach Kroatien - ein vermeintliches Heimspiel. Als "Investigator" knöpfte er sich den Schiedsrichter vor, vernahm ihn wegen des angeblich verschobenen Pokal-Finales 2009, damals spielte Dinamo Zagreb gegen Hajduk Split. Doch bei seinem Besuch wurde Boksic von mutmaßlichen Betrugsopfern wiedererkannt, ebenso von Zockern, die Boksic mit dem Spitznamen "Bester Tipp" anredeten und angaben, er habe ihnen vor Kurzem noch Hinweise über manipulierte Spiele geliefert. Ein Wettgauner, den die Uefa schickt, um einen Wettskandal aufzuklären?

Vlatko Markovic, der Präsident des kroatischen Fußballverbands, flog umgehend nach Nyon und beschwerte sich beim Uefa-Präsidenten höchstpersönlich. Michel Platini, so berichtete Markovic einer kroatischen Zeitung, sei "verblüfft" gewesen und habe gesagt, von einem Mann namens Robin Boksic habe er nie gehört.

Weiß Uefa-Boss Michel Platini tatsächlich nicht, wer im Namen seines Verbands in Kroatien und jetzt gegen den FC Bayern ermittelt?

Oder hat er einfach seinen Laden nicht im Griff?

Boksic ist bester Dinge

Wie Robin Boksic überhaupt ins Herz der Uefa vordringen und seine Position so festigen konnte - diese Frage könnte nur Peter Limacher beantworten. Der Disziplinarchef ging vergangenen Sonntag im Gespräch mit dem stern weiter davon aus, dass es sich bei Boksic um einen BND-Mitarbeiter handele.

Boksic arbeite weiter für die Uefa. Gegen den FC Bayern werde noch ermittelt.

Boksic hat über die Uefa auch Zugang zu Ermittlungsakten der Bochumer Staatsanwaltschaft, er kennt Abhör- und Aussageprotokolle im Wettskandal und hat die Ermittlungsergebnisse der Strafverfolger in den vergangenen Monaten nicht eben vertraulich behandelt. Für die Ankläger womöglich mit fatalen Folgen - am 6. Oktober soll der erste Prozess vor dem Landgericht Bochum beginnen.

Robin Boksic ist noch immer bester Dinge. Beim FC Bayern werde derzeit überlegt, wen man als Sündenböcke präsentiere, sagt der Uefa-Ermittler und nennt die Namen von Oliver Kahn und Karl Hopfner. Dass gegen ihn selbst Anzeigen wegen Betrugs laufen, lässt Boksic kalt.

In seiner Welt gelten offenbar andere Gesetze. Im Februar 2010 brach er eine polizeiliche Vernehmung in München mit der Begründung ab, er sei "eine Art James Bond vom Balkan".

Von Rüdiger Barth, Wigbert Löer, Oliver Schröm, Johannes Gunst, Nina Plonka, Christian Bergmann und Andreas Mönnich

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