HOME

Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Neue stern-Enthüllungen: Uefa-Skandal hat Folgen für Chefermittler

Die stern-Enthüllungen haben Folgen: Peter Limacher, Chefermittler des europäischen Fußballverbandes, hat laut Uefa-Mediendienst "seine Pflichten im Zusammenhang mit sämtlichen Disziplinarfällen delegiert". Nach neuen Recherchen blamierte sein Mitarbeiter Robin Boksic auch die Münchner Justiz.

Es ist eine heikle Frage: Sollte an diesem Spieltag in der Champions League ein Profi vom Platz gestellt werden - wer befindet bei der Uefa anschließend über das Strafmaß? Einer wird es jedenfalls nicht sein - der bislang zuständige Disziplinarchef Peter Limacher. Der Uefa-Mediendienst teilte auf eine stern-Anfrage mit: "Peter Limacher hat seine Pflichten im Zusammenhang mit sämtlichen Disziplinarfällen delegiert, um die interne Untersuchung vollumfänglich unterstützen zu können."

Peter Limacher und Uefa-Ermittler Robin Boksic hatten gegenüber dem stern und der spanischen Staatsanwaltschaft den FC Bayern der Spielmanipulation bezichtigt. Limacher verließ sich dabei auf Behauptungen seines engen Mitarbeiters Boksic, der sich als BND-Agent ausgab und so das Vertrauen des Chefermittlers erschlichen hatte. Gegenüber dem Weltverband Fifa hatte Boksic zudem mehreren Nationalmannschaften und zwei Spielern des 1. FC Köln Käuflichkeit unterstellt. Die versprochenen Dokumente, die dies belegen sollten, wurden nie geliefert.

Platini feuerte Uefa-Ermittler Boksic

Als die Enthüllungen des stern bekannt wurden, feuerte Europas Fußball-Boss Michel Platini den Uefa-Ermittler Boksic, einen 32-jährigen Kroaten. Das Treiben dessen Chefs Peter Limacher, der Boksic Zugang zum Frühwarnsystem verdächtiger Wettbewegungen gewährt hatte und seinen Mitarbeiter bis zuletzt als "absolut sichere Quelle" bezeichnete, durchleuchtet inzwischen eine Uefa-interne Aufklärungstruppe.

Wann mit einem Abschluss zu rechnen sei, darauf gab die Uefa keine klare Antwort: "Das Ergebnis einer solchen Untersuchung und die daraus resultierenden Entscheidungen müssen zuerst mit dem Uefa-Exekutivkomitee besprochen werden."

Die nächste Sitzung des Uefa-Exekutivkomitees findet kommenden Montag, den 4. Oktober, in Minsk, Weißrussland, statt.

"Wir warten weiterhin auf Resultate"

Der spanische Staatsanwalt José Grinda bestätigte derweil dem stern schriftlich, dass am Gespräch mit den Uefa-Gesandten Peter Limacher und Robin Boksic am 30. April auch die Staatsanwältin Belén Suárez teilgenommen habe. Grinda betont: "Meine Kollegin Suárez und ich erinnern uns sehr wohl an den Inhalt unserer Unterredung mit den Herren Limacher und Boksic. Die wesentlichen Elemente der besagten Konversation haben wir nicht vergessen."

Die Uefa-Leute hätten ihnen gesagt, es existierten Belege für die Käuflichkeit des FC Bayern. "Selbstverständlich warten wir weiterhin auf das Resultat der Uefa-Recherchen", schreibt Staatsanwalt Grinda.

In Grindas Zuständigkeit fallen die Ermittlungen gegen russische Mafiosi, samt der Telefonüberwachungen, im Zuge derer der Name des FC Bayern aufgetaucht war. Nach Informationen des stern findet sich der Name des Münchner Klubs in den umfangreichen Abhörprotokollen allerdings nur ein einziges Mal.

Zehntausende Seiten Abhörprotokolle

Hier der Dialog zwischen den russischen Mafiosi Petrow und Myrich vom 13. Mai 2008, 13.41 Uhr, im Wortlaut - zwölf Tage nach dem 0:4 des FC Bayern in St. Petersburg:
Myrich: "Weißt du, was man sagt, wieviel sie den Bayern gegeben haben? 50 haben sie den Bayern gegeben."
Petrow: "Den Bayern? 50?"
Myrich: "Ja, 50."
Petrow: "Ja, kann sein, kann sein ... Hätte man nicht anders gewinnen können? Nein, anders hätte man nicht gewinnen können."
Myrich: "Sie waren wie gelähmt. Sie konnten nicht mal laufen."

Nicht nur, dass die Währung nicht genannt ist - auch das Wort "Millionen" fällt nicht. Anderthalb Jahre lang wurden die Russen von den spanischen Behörden abgehört, Zehntausende Seiten von Abhörprotokolle kamen zusammen. Dem stern liegen mehrere tausend dieser Seiten vor. In der Mehrzahl drehen sich die Gespräche um dubiose Geschäfte, etwa Deals mit persischen Teppichhändlern aus Hamburg, dazu werden Krankheiten von Kontaktleuten diskutiert. Der FC Bayern war nie wieder Thema in den Gesprächen - dies bestätigt José Grinda.

Einen neuen Stand gibt es auch in Sachen Robin Boksic, der bis vorige Woche als "Investigator" der Uefa tätig war. Nach stern-Recherchen hat der Kroate in den vergangenen Monaten nicht nur der Uefa als Informant Dienste geleistet, sondern auch der Münchner Polizei und Justiz fragwürdige Tipps gegeben.

Ab Anfang Oktober 2009 lieferte er dem Kriminaloberkommissar Michael S. per SMS und in persönlichen Treffen immer wieder Hinweise. Zweimal rückten auf Boksics Tipps hin Sondereinsatzkommandos aus, ein Kroate wurde verhaftet, das Haus eines anderen Kroaten war Ziel einer Razzia. Beide Male wurden die Verfahren eingestellt - aus Mangel an Beweisen. Einen der Beschuldigten hatte Boksic als Auftragskiller bezeichnet, der auf ihn angesetzt sei (Aktenzeichen der Münchner Staatsanwaltschaft: 111 Js 12272/09), den anderen als Waffenschieber (Az 111 Js 10169/10). In Wirklichkeit handelte es sich in beiden Fällen um Bekannte, die ihm viel Geld anvertraut hatten. Von seinen Gläubigern fühlte sich Boksic bedroht; den Münchner Beamten schlug er daher am 12. Oktober 2009 vor, so der Aktenvermerk, "ihn und seine Familie in ein Zeugenschutzprogramm zu stecken".

Daraufhin traf die Polizei laut Akten "entsprechende Maßnahmen". Kriminaloberkommissar S. notierte: "Die Polizeiinspektion 43 - zuständig für den Wohnort des Hr. Boksic - wird über die Gefährdungslage informiert. Das PP München (Abt. E 21 c) wird von der Gefährdungslage in Kenntnis gesetzt. Entsprechende Schutzmaßnahmen werden veranlasst. Die weitere Vorgehensweise bzgl. der Gefährdungslage/-situation bedarf der Abstimmung zwischen den beteiligten Dienststellen. Der Vorgang wird der Staatsanwaltschaft München 1, Abteilung 1, vorab per e-mail mit der Bitte um Kenntnisnahme und ggf. Veranlassung weiterer Maßnahmen übersandt. Das Original wird auf dem Dienstweg nachgereicht."

Verfahren wegen Betrugs eingestellt

Vier Tage später, am 16. Oktober, einem Freitag, boten die Polizisten Boksic folgende Zeugenschutzmaßnahme an: "Hr. Boksic, aufgrund Ihrer Gefährdungslage würde Ihnen und Ihrer Familie das Polizeipräsidium München eine verdeckte Wohnung zur Verfügung stellen, die Sie ab heute nutzen könnten. Was sagen Sie dazu?" Boksic antwortete: "Ab Montag würde ich sehr gerne das Angebot in Anspruch nehmen."

Am 9. November 2009 wurde Boksic wegen Betrugs in einem Immobilien-Deal angezeigt: von drei ehemaligen Geschäftspartnern, zwei davon laut Münchner Polizeibericht "unbescholtene Bürger". Kriminalhauptkommissar E. notierte nach der Vernehmung am 22. Februar 2010, der Beschuldigte Boksic habe nicht ausgesagt und nur angedeutet, "dass er eine Art 'James Bond des Balkans' sei", jedoch, so ergänzte der Polizist, "jeglichen Sachverstand und Insiderwissen vermissen" lassen. In seinem Vermerk urteilt der Kommissar über Boksic: "Nach Sachlage ist er ein kleiner Betrüger und Möchtegern-Drahtzieher."

Das Verfahren (Az 111 Js 12474/09) wegen Betrugs wurde indes am 22. März 2010 eingestellt. Die Begründung der Staatsanwältin Dr. Schwarz: "Es kann aufgrund der Gesamtschau des Verfahrens nicht ausgeschlossen werden, dass es sich hier lediglich um ein verlustbringendes Spekulieren im Immobilienhandel seitens aller Beteiligten handelt." Die Gläubiger haben gegen die Einstellung des Verfahrens Einspruch eingelegt.

Die Strafverfolgerin, die den Schlussstrich zog, kannte Boksic gut: Sie war es auch gewesen, die die beiden versandenden Verfahren geleitet hatte, in denen Sondereinsatzkommandos ausgerückt waren. Verfahren, die auf Boksics fantasievollen Erzählungen gefußt hatten.

Strafbefehl sogar gegen Kroatiens Oberbefehlshaber

Um ein Haar entging die Münchner Justiz dabei einer Blamage internationalen Formats: Im Zuge der Ermittlungen gegen den vermeintlichen Auftragskiller hatte Boksic auch den Oberbefehlshaber des kroatischen Heeres Mladen Kruljac belastet, seinerzeit zuständig für Kroatiens Afghanistan-Engagement im Rahmen des Nato-Einsatzes ISAF. Die Staatsanwältin stellte auf Boksics Anschuldigungen hin sogar einen Haftbefehl (Az 111 Js 12272/09) gegen General Kruljac aus - "mangels Tatsachenbeweisen", laut Akte, musste sie diesen Haftbefehl zurücknehmen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft wollte die detaillierten Fragen des stern zu diesem Themenkomplex inhaltlich nicht kommentieren. Hinsichtlich "möglicher Schutzmaßnahmen" verweise man auf die "entsprechenden Sicherheitsbehörden". Das Münchner Polizeipräsidium bestätigte Boksics "kurzzeitige Unterbringung in einer Wohnung, die den möglichen Gefährdern unbekannt war. Es waren notwendige Beratungs- und Betreuungsmaßnahmen zum Schutz des Hr. Boksic". Allerdings habe es sich dabei nicht um ein offizielles "polizeiliches Zeugenschutzprogramm" gehandelt. "Die Maßnahmen dauerten so lange an, wie der Gefährdungsverdacht bestand".

Die neuerlichen Strafanzeigen gegen Robin Boksic hat die Münchner Staatsanwaltschaft gerade überraschenderweise nach Hamburg weitergereicht - der FC Bayern und zwei Kölner Fußballprofis hatten diese Anzeigen nach den Berichten des stern gestellt. In Hamburg waren die Münchner Affären des Robin Boksic und die umfangreichen Akten bislang nicht bekannt.

Von Rüdiger Barth, Christian Bergmann, Johannes Gunst, Wigbert Löer, Andreas Mönnich, Nina Plonka und Oliver Schröm

print