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Stern Investigativ - Manipulation im Sport

Olympia 2012: Vorgaben der Bundesregierung: Absurde Erwartungen an die deutschen Athleten

Medaillen sind nicht planbar. Schon deshalb gehen die Zielvorgaben der Verbände an der Realität vorbei. Unklar bleibt zudem, wie die Sportförderung genau funktioniert.

Von Christina Elmer

Nun ist also öffentlich, was vom deutschen Team in London erwartet wurde: 86 Medaillen, davon 28 goldene, außerdem Spitzenplätze in der Nationenwertung. Diese Vorgaben wurden nach den Olympischen Spielen in Peking festgeschrieben, ausgehandelt von den jeweiligen Sportverbänden und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Ob die Ziele erfüllt werden, daran knüpft sich auch die Förderung der Verbände. Allerdings bleibt nach wie vor unklar, wie diese Förderung genau funktioniert. Und ob die Medaillenausbeute der Athleten ein sinnvolles Kriterium für die Vergabe der Fördermillionen ist, das ist höchst umstritten.

Denn der Sieg hängt von so vielem ab – von der Tagesform, der Konkurrenz, dem Wetter. Bei vielen Wettbewerben starten nicht alle Athleten unter den gleichen Bedingungen, gerade an der Weltspitze sind die Leistungsunterschiede aber oft nur gering. Erfolge sind nicht planbar. Ob man Erster, Zweiter, Dritter oder sogar Vierter wird - in einigen Sportarten entscheiden darüber Kleinigkeiten. Und so kann es passieren, dass ein haushoher Favorit auf die Goldmedaille in einem Wettkampf "nur" die Bronzemedaille holt.

Planen kann man dagegen aber die allgemeine Leistung: Ob ein Athlet grundsätzlich zu Top-Leistungen im Stande ist. Man kann den Sportlern also den Weg in die Weltspitze ermöglichen. Durch Förderung von Trainern, Trainingszentren und – auch ohne Doping – von medizinischer und psychologischer Unterstützung. Die Medaille müssen die Sportler dann aber alleine gewinnen. Eine detaillierte Medaillenvorgabe ist daher unrealistisch und vermessen. Darauf hat schon der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Frank Hensel, in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hingewiesen.

Zudem bleibt trotz der veröffentlichten Ziele unklar, wie die Fördersummen verteilt werden. Was passiert etwa, wenn ein Verband weit hinter den gesteckten Vorgaben bleibt? Womit müssen die deutschen Schwimmer und Wasserspringer rechnen, die zwölf Medaillen in London holen sollten, aber nur eine einzige in der Tasche haben? Das ist schwer vorherzusagen.

Dabei gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Schwimmverband wird abgestraft und bekommt für die nächsten Jahre weniger Geld aus dem Fördertopf. Oder er wird stärker gefördert, damit er bei den nächsten Olympischen Spielen besser abschneidet. Die Leichtathleten haben laut Frank Hensel beides bereits erlebt, nach Athen und Peking. Die Verbände sind dem DOSB offenbar ausgeliefert. Und der gibt mal Zuckerbrot und mal Peitsche.

Der deutsche Leistungssport scheint Strukturprobleme zu haben, darauf haben auch viele Athleten von Duplitzer bis Levy hingewiesen. Die Verteilung der rund 130 Millionen Euro an Steuergeldern ist intransparent. Man wüsste gerne, wie genau das Geld jährlich in der Sportförderung verteilt wird. Und man würde sich wünschen, dass dabei sinnvolle Kriterien die Hauptrolle spielen. Aktuell ist das zumindest fraglich.