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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Bundesnachrichtendienst: "Der Iran kann in einem halben Jahr die Atombombe zünden"

Vermutlich ist kein Geheimdienst so gut über das Atomprogramm des Iran informiert wie der Bundesnachrichtendienst. Die BND-Experten haben keinen Zweifel daran, dass die Führung in Teheran praktisch bereits im Besitz der Bombe ist. Die iranischen Ingenieure arbeiten nun fieberhaft an den Raketen dazu - mithilfe deutscher Firmen.

Von Johannes Gunst, Uli Rauss und Oliver Schröm

Dienstag, 17. Juni 2008, ein Café in der westtürkischen Stadt Bursa. Die meisten Gäste trinken süßen Tee und palavern über das famose 3 : 2 der türkischen Nationalelf gegen Tschechien und das Viertelfinale der Fußball- EM in drei Tagen. An einem der Tische hocken drei gesetzte Herren mit ernsten Minen. Sie stecken die Köpfe zusammen und reden Englisch. Sie wirken nervös.

Zweimal schon hat der türkische Zoll ihre Lieferungen nach Teheran gestoppt. Wie sollen sie nun den verdammten Grafit aus Deutschland in den Iran schaffen?

Zehn Tonnen, feinste Körnung, höchste Dichte. Die Auftraggeber in Teheran werden langsam ungeduldig.

Sie brauchen den hochwertigen Grafit für den Bau von Atomraketen.

Dabei wissen die drei Männer am Cafétisch, wie man Embargogüter in den Iran schleust. Der Mann in der Mitte, der Iraner Said Mohammad Hosseinian, ist seit Jahren der zentrale Beschaffer für das iranische Raketenprogramm.

Die zündende Idee fehlt

Er übersieht ein Netz aus mehr als 100 Tarnfirmen. Hans- Josef H., 63, gebürtiger Bayer und in Köln aufgewachsen, hat es als Grafithändler zum 15-fachen Millionär gebracht. Er weiß, wie man Exportpapiere fälscht und Endabnehmer verschleiert. Sein türkischer Freund und Partner Nusret Iyici ist Mittelsmann bei H.s Deals mit Hosseinian. Ihn bezahlt der Iraner gewöhnlich mit Dollarbündeln in bar.

Doch nun mussten sie dem Iraner sogar Geld zurückgeben, 60.000 Dollar Anzahlung fürs nächste Geschäft. Das stockt, seit Monaten schon. H.s Grafitblöcke liegen am Rande des Westerwaldes, auf seinem Firmengelände in Buchholz-Mendt. Die Männer im verrauchten Café wägen Lieferrouten ab. Rumänien? Aserbaidschan?

Die zündende Idee fehlt. Sie merken nicht, dass Agenten des türkischen Militärgeheimdienstes sie fotografieren.

Mittwoch, 8. April 2009. Am Tag, als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Ruf von US-Präsident Obama nach einer atomwaffenfreien Welt lächelnd begrüßt, betritt Hans-Josef H. den Sitzungssaal 10 im Oberlandesgericht Koblenz. Er trägt ein dunkles Jackett und Handschellen.

Ein Meister der Verschleierung

Laut Bundesanwaltschaft hat er 16 Tonnen Grafit an den Iran geliefert und zwei weitere Lieferungen versucht. Neuneinhalb Monate Untersuchungshaft nagen an den Nerven, doch zugeben will H. nichts: "Ich bestreite die Tatvorwürfe in allen Punkten." Am nächsten Prozesstag tritt ein Fachmann des Bundesnachrichtendienstes (BND) in den Zeugenstand.

Der leitende Regierungsdirektor Klaus-Martin T. erklärt, wie gefährlich H.s Deals mit Hosseinian sind.

Hosseinian sei "einer der meistgesuchten Männer weltweit", sagt T. mit leiser Stimme. Ein Phantom, ein Meister der Verschleierung, "der seit Jahren versucht, für den Iran alles zu beschaffen, was das Land auf legalem Wege nicht bekommt".

Hochwertiges Grafit gehöre "zu den ganz wenigen Stoffen", die Teheran für sein Raketenprogramm noch im Ausland beschaffen müsse - "alles andere können sie selbst".

Grafit dieser Güteklasse ist so hitzebeständig, dass es für Düsen, Strahlruder und Bugspitzen von Raketen taugt. Klaus-Martin T. sagt, der Iran arbeite "zurzeit massiv" an Raketen, mit denen man auch in Europa jedes Ziel erreichen könne. Raketen, deren Konstruktionsweise für konventionelle Sprengköpfe keinerlei Sinn ergebe. Raketen, "die mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden könnten".

Der Iran pocht auf sein Recht auf zivile Nutzung der Kernenergie

Kurz darauf gesteht Hans-Josef H.: "Ich bereue mein Verhalten zutiefst. Die gegen mich erhobenen Anklagepunkte sind alle wahr. Ich möchte dieses dunkle Kapitel in meinem Leben endlich abschließen." Die Angst vor einer Atombombe in den Händen der Mullahs beunruhigt die Welt seit Jahren.

Die Regierungen in Jerusalem und Washington warnen, Irans Nuklearprogramm diene dem Bau der ultimativen Massenvernichtungswaffe.

Der Iran bestreitet dies und pocht auf sein Recht auf zivile Nutzung der Kernenergie.

Der UN-Sicherheitsrat hat wiederholt verlangt, die Urananreicherung zu stoppen. Trotz Sanktionen baut Teheran sie aus.

Das Regime liefert sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit Kontrolleuren der Wiener Atomenergiebehörde IAEA. Es verweigert den Inspektoren Angaben über militärische Aspekte seines Programms und den Zugang zu Schlüsselfiguren.

Israel will einen nuklearen Iran mit allen Mitteln verhindern und plant Militärschläge, notfalls im Alleingang.

Wie aus einer Bombe eine echte Bedrohung wird

Monatelang sind stern-Rechercheure den Versuchen des Iran nachgegangen, seine Techniker mit Teilen und Werkstoffen zu versorgen. Dabei stießen sie auf ein Netzwerk auch deutscher Firmen, die Material für den Bau zielsicherer Raketen zu beschaffen scheinen. Zwar sind manche der gelieferten Produkte auch für friedliche Zwecke zu nutzen. Der Aufwand und das Maß der Geheimhaltung legen aber nahe, dass es sich um Stoffe und Teile handelt, die für militärische Zwecke eingesetzt werden sollen.

Tatsächlich sprechen Art und Intensität der iranischen Bemühungen sogar für ein fortgeschrittenes Stadium der Atomwaffenproduktion:

Den Ingenieuren geht es allem Anschein nicht mehr um die Produktion waffenfähigen, also hoch angereicherten Urans. Sie arbeiten fieberhaft an einem Vehikel, diese Bomben auch transportieren zu können - und zwar weit genug und zielgenau.

Erst dann wird aus einer Bombe eine echte Bedrohung.

Diese Einschätzung bestätigt jetzt auch der Bundesnachrichtendienst (BND) dem stern: Die iranische Atombombe ist praktisch nicht mehr zu verhindern. Der Iran, so der BND, könne binnen kürzester Zeit eine fertige Bombe produzieren und etwa, ähnlich wie Nordkorea, einen unterirdischen Atombombentest durchführen.

"Wenn sie wollen, können sie in einem halben Jahr die Uranbombe zünden", sagen die BND-Fachleute.

"Das hat denen vor ein paar Jahren niemand zugetraut"

Nach Erkenntnissen des deutschen Auslandsgeheimdienstes beherrschen die Iraner mittlerweile die komplette Anreicherungstechnologie, und sie haben auch genügend Zentrifugen, um waffenfähiges Uran herzustellen.

"Das hat denen vor ein paar Jahren niemand zugetraut." Die Experten des BND wissen genug über die Zentrifugen-Kaskaden in der Atomanlage Natans und die geheimen Beschaffungsaktivitäten des Iran, um ziemlich genau errechnen zu können, wann Teheran wie viel waffenfähiges Uran produziert. Auf die Brisanz der Lage hat auch die IAEA hingewiesen.

Deren Inspektoren berichteten Anfang Juni, dass iranische Techniker allein in Natans mehr als 7000 Zentrifugen installiert haben.

4920 davon sind in Betrieb und haben mittlerweile gut 1,3 Tonnen Uran angereichert. Für Experten ist das genug, um binnen drei bis sechs Monaten ein bis zwei Atombomben herstellen zu können. Und die deutschen Geheimdienstler schließen aus den ihnen bekannten Deals, dass neben den deklarierten Produktionsstätten noch weitere existieren.

Keinerlei Zweifel beim BND

Wie kaum ein anderer Dienst ist der BND über das geheime Atomprogramm der Mullahs im Bilde. Informanten spielten den Deutschen einen Laptop der iranischen Atomforscher mit Plänen für den Bau eines Nukleargefechtskopfes für die Schahab-3-Rakete zu. Auf der Gehaltsliste des BND stand mehr als zehn Jahre ein iranischer Geschäftsmann mit kanadischem Pass. Unter dem Decknamen "Sindbad" versorgte er die Agenten in Berlin bis vor zehn Monaten mit Unterlagen. Er hatte Zugang zu diesen Informationen, weil er dem Iran gleichzeitig Materialien für den Bau von Raketen im Wert von mehreren Millionen Euro besorgte.

Der Bau atomwaffentauglicher Raketen ist bis heute das größte Problem der iranischen Ingenieure.

Beim BND gibt es "keinerlei Zweifel", dass Irans Raketenprogramm "ausschließlich" auf den Transport atomarer Sprengköpfe abzielt. Dafür geeignete ballistische Raketen werde Teheran wohl erst in etwa drei Jahren herstellen können.

Die Intifada-Straße

Der Mann, der heute alles dafür tut, dass die Mullahs noch schneller ans Ziel kommen, gibt als Adresse das Vozara Building in Teheran an. Von dort, im sechsten Stock, Appartement Nr. 70, lenkt Said Mohammad Hosseinian ein Heer von Tarnfirmen. Sie heißen Hobab International Co.

Ltd, Joza Industrial oder Ward International und haben dieselbe Adresse: Khaled Islamboli Avenue in Teheran, mittlerweile umbenannt in Intifada-Straße.

Viele der Firmen nennt der BND in seinen "Frühwarn-Schreiben", vertraulichen Listen mit Namen der Unternehmen und Organisationen, die für das Regime im Iran sogenannte Dual-Use-Güter besorgen. Dual Use, doppelter Verwendungszweck, ist der Fachausdruck für Waren, die neben zivilen auch militärischen Zwecken dienen können. Ohne Erlaubnis dürfen solche Güter nicht in den Iran exportiert werden. Dazu zählen selbst Lippenstift-Hülsen, weil sie sich als Patronen einsetzen ließen, Kunstdünger als mögliche Komponente für Sprengstoff.

Sapico fungiert wie eine Holding

Alljährlich schickt der BND rund 70 Seiten an Wirtschaftsverbände und Handelskammern, um deren Mitgliedsfirmen vor Geschäften mit den Tarnfirmen iranischer Militärs zu warnen. Der "Iran betreibt nach wie vor ein sehr ehrgeiziges Trägerraketenprogramm", warnt der BND darin. "Weltweit sind Importanfragen/Beschaffungen für die verschiedenen Projekte nahezu täglich zu registrieren." Oft verbirgt sich dahinter eine der Firmen von Hosseinian. Er teilt Beschaffungspakete in unverdächtige Teillieferungen auf und steuert sie über Drittstaaten.

Er sucht Partnerunternehmen, die für Geld bereit sind, gegen die Exportbestimmungen zu verstoßen.

Der Iraner kümmert sich um Teile für Lenk- und Steuereinrichtungen, Spezialmaschinen, Messgeräte, Materialien.

Nach Informationen des BND begann Hosseinians Aufstieg zum Chefeinkäufer der Mullahs im Jahr 1997. Damals wurde er zum Geschäftsführer von Sapico berufen.

Sapico fungiert wie eine Holding für diverse Tarnfirmen und ist eine Unterorganisation von Einrichtungen, die dem iranischen Verteidigungsministerium unterstellt sind.

Der Fall Hans-Josef H.

Hosseinian ist nach stern-Recherchen etwa Ende 50, verheiratet, hat zwei Töchter, trägt Rolex, Dreitagebart und sein graues Haar gescheitelt. Der BND besitzt ein Foto, aber es ist alt und unscharf.

Die deutschen Ermittler kennen vier seiner Alias-Namen. Mal gibt er sich als Ingenieur aus, mal als Hydrogeologe. Und Geschäftsleute, die sich mit dem Iraner eingelassen haben, kennen ihn als Autohändler, der Mercedes-Limousinen nach Teheran importiert. Vor allem wissen sie jedoch, wie wenig sie über ihn wissen. Hosseinian bleibt ein Phantom.

Wie er vorgeht, zeigt der Fall Hans-Josef H. In den 80er Jahren war H. Nahost-Exportsachbearbeiter der Firma Ringsdorff, wo er alles über den Handel mit Grafit lernte. Die Halbleiterindustrie und Solarfabriken sind auf das Material angewiesen, das in bestimmten Güteklassen 20-mal so teuer ist wie Stahl. H. organisierte auch Grafitexporte nach Iran.

1985 machte sich der gelernte Mineralöl-Kaufmann selbstständig und gründete einen eigenen Grafithandel. Die Geschäfte liefen so gut, dass er Millionen auf diversen Konten bunkern konnte, zwei schmucke Einfamilienhäuser besaß, ein Hotelprojekt in der Türkei, ein Grundstück auf der Seychellen-Insel Praslin, wo H. ein Luxusresort plant.

Hosseinian will seine neue Quelle nicht überfordern

Von dem Hotelprojekt in der Türkei hört Hosseinian im Jahr 2001. Man telefoniert, der Iraner lässt durchblicken, dass er investieren und stiller Teilhaber werden könnte. In Wahrheit geht es Hosseinian um die wertvollen Grafite des Deutschen. Er weiß, dass H. erstklassige Ware von einer Handvoll Spezialfirmen bezieht. H.s Firma veredelt das Material und vertreibt es mit Gewinnmargen von bis zu 200 Prozent weiter.

Bis 2003 schickt H. sieben Lieferungen vom Westerwald nach Teheran. Kleine Mengen nur, Hosseinian will seine neue Quelle nicht überfordern. H. soll an wechselnde Firmen liefern, die alle dieselbe Adresse haben: das Vozara Building in Teheran. Bald fällt er deutschen Zollermittlern auf. Laut UN-Verordnung hätte H. sich die Lieferungen genehmigen lassen müssen. Er kommt mit 1000 Euro Strafe davon.

Etwa zur selben Zeit erfährt die Welt, dass der Iran den Kontro leuren der IAEA 18 Jahre lang sein geheimes Programm zur Urananreicherung verschwiegen hat.

Auch die Existenz einer Testanlage für Zentrifugen in der Teheraner Firma Kalaye Electric verheimlichte das Regime. In den Werkshallen stellen IAEA-Inspektoren in Frühjahr 2003 Spuren waffenfähigen Urans sicher. Zuvor hatte eine iranische Exilgruppe in Washington enthüllt, dass in Natans an einer Zentrifugenanlage gebaut werde.

Die Iraner bauen einen Fußballplatz

Ende 2003 wird dem BND ein Laptop iranischer Atomwissenschaftler zugespielt. Neben Konstruktionsplänen für einen Atomgefechtskopf enthält die Festplatte in der Landessprache Farsi Anleitungen zum Bau einer unterirdischen Anlage für Nukleartests sowie bislang unbekannte Namen von Schlüsselfiguren im Atomprogramm.

Dann fliegt auch noch auf, dass Irans Generäle im Militärcamp Lawisan im Norden von Teheran Trägerraketen entwickeln und testen lassen. Das geschieht unter Federführung der Luftfahrtbehörde AIO. Unter ihrem Dach operiert auch Hosseinian.

Bevor IAEA-Inspektoren im Frühjahr 2004 auf das Gelände dürfen, reißen die Iraner Gebäude nieder, tragen Schutt ab, transportieren Erde und Pflanzen fort.

Und bauen einen Fußballplatz.

Weitere Stahllieferung an das Mullah-Regime abgefangen

Komponenten für Trägerraketen besorgt Hosseinian auch bei der Ferrotube & Steel Vertriebs-GmbH im Rheinland. Seit zwei Jahren, seit 2002, gehen bei dem Unternehmen in Langenfeld regelmäßig Kauforders aus Teheran ein.

Insgesamt vier Ladungen Aluminiumrohre aus Speziallegierungen verschifft Geschäftsführer Norbert S. über den Hamburger Hafen in den Iran. Die Rohre, sechs Meter lang, 80 Millimeter Durchmesser, eignen sich für den Bau von Raketenhüllen.

Im Mai 2004 wird im Hafen von Antwerpen eine weitere Stahllieferung an das Mullah-Regime abgefangen. Laut Frachtbriefen hat S. mit sieben iranischen Tarnfirmen zu tun. Der entscheidende Tipp kommt vom BND, der die Ermittler auf eine Firma ganz besonders hinweist: Sapico, die Holding von Said Mohammad Hosseinian.

Der geht inzwischen noch konspirativer vor. Mit Hans-Josef H. trifft er sich in Istanbul. Weil Direktlieferungen zu riskant geworden sind, entscheiden sie sich für den Umweg Türkei. Empfänger soll ein türkischer Freund H.s sein, der die Ware zu Hosseinians Raketenbauern weiterleiten soll.

Hosseinian fehlt auf der schwarzen Liste der UN

Der Plan funktioniert. So erreichen bis Januar 2007 16 Tonnen Edelgrafit in neun Tranchen unentdeckt ihren Empfänger.

H. versteckt das teure Material unter minderwertigem Grafit, das in den Frachtpapieren deklariert ist.

Während der Schmuggel über die Türkei reibungslos funktioniert, fliegen in Deutschland, Schweden und Österreich weitere Firmen auf, die mit Hosseinian dealen. Auf einer schwarzen Liste der UN stehen inzwischen diverse Organisationen, Unternehmen und Personen. Zwei Namen fehlen: Hosseinian und seine Sapico. Unklar ist, weshalb.

Noch im selben Monat, in dem das Iran-Embargo weiter verschärft wird, im März 2007, verabredet er mit H. und dessen türkischem Partner die Lieferung weiterer zehn Tonnen Grafit.

Doch dieses Mal beschlagnahmt der türkische Zoll die Ware - und schickt sie vier Monate später zurück an ihren Absender. H. und Hosseinian starten im November 2007 einen zweiten Lieferversuch - und scheitern wieder am Zoll.

Zugriff in Düsseldorf

Durch einen Hinweis aus der Türkei werden deutsche Ermittler nun auch auf H. aufmerksam. Im April 2008 bestellt das Verteidigungsministerium in Ankara einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft ein, informiert ihn über die Schmuggel-Connection und bittet die Deutschen, einen dritten Lieferversuch zu verhindern.

Hosseinian ist wie immer vorsichtig, als er am 17. Juni 2008 zum Treffen mit H. nach Bursa kommt. Per Schnellboot reist er aus Istanbul an, er leitet im Café die Verhandlungen mit dem Deutschen und seinen türkischen Partner, blickt nach knapp drei Stunden auf seine goldene Rolex und verschwindet wieder.

H. dagegen gönnt sich noch eine Nacht in Bursa, in einem Wellnesshotel, dessen Name übersetzt "Reines Gemüt" bedeutet.

Als er tags drauf mit Flug TK 1579 nach Düsseldorf zurückkehrt, schlagen die Beamten des Zollkriminalamts zu: Sie durchsuchen Privathaus und Firmengelände und beschlagnahmen Berge an Material. Per Telefon befiehlt H. seinem Partner in der Türkei noch, alle belastenden Akten "innerhalb von zehn Minuten" zu vernichten. Das Gespräch wird abgehört, H. verhaftet.

Kompasse im Wert von 32.000 Euro

In Deutschland glauben die Ermittler bereits den nächsten Fisch an der Angel zu haben: Ali Alaei, iranisch-kanadischer Staatsbürger, Chef einer Import-Export-Firma namens Gharn S. A. Canada Inc. Das Unternehmen unterhält Büros in Teheran, Montreal und im dritten Stock einer umgebauten Mühle in Gießen.

Bei einer Routineprüfung ist den Zöllnern aufgefallen, dass Alaei Dual-Use-Güter an seine Niederlassung in Teheran exportiert hat - im November 2007 Kompasse im Wert von 32.000 Euro, im Februar 2008 Sensoren des US-Herstellers Honeywell.

Zwei Monate später beschlagnahmen die Zöllner zwei Spezialkompasse der Kieler Firma MBT GmbH. Sie sind Teil von Lieferungen deutscher Firmen im Wert von 2,5 Millionen Euro. Als Empfänger hatte Alaei eine Tarnfirma aus dem Netzwerk von Said Mohammad Hosseinian vorgesehen, dem Chefbeschaffer der Mullahs.

Die deutschen Fahnder hören Alaei ab und überwachen seine E-Mails. Der 61-Jährige telefoniert fünfmal mit Hosseinian. Die beiden wollen sich am 5. Oktober 2008 auf dem Flughafen Frankfurt treffen. Die Fahnder kennen die Flugnummer und wissen, unter welchem Falschnamen Hosseinian einreisen will. Doch der taucht nicht auf. Die wartenden Zöllner sind ratlos. Über Funk kommt der Befehl: "Zugriff!" In der Tiefgarage nehmen sie Alaei fest.

705.000 Euro Geldstrafe

Der Fang schmerzt den BND sehr. Denn Ali Alaei, Halbglatze, 1,72 Meter groß, leicht untersetzt, ist seine Spitzenquelle im Iran, Deckname "Sindbad". Mehr als eine Million Euro haben sie für seine Dienste bisher bezahlt.

"Sie haben unsere beste Quelle hochgehen lassen", beschwert sich August Hanning, Innenstaatssekretär und Ex-BND-Präsident, am Rande einer Ausschusssitzung in Berlin. Doch die Bundesanwaltschaft kennt kein Pardon für Embargo- Brecher.

Im Februar 2009 verurteilt das Berliner Kammergericht "Sindbad" in einem Geheimprozess wegen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz zu drei Jahren Haft. Auf Initiative des BND wird er sofort nach Kanada abgeschoben.

In Montreal betreibt Alaei angeblich weiter ein Import-Export- Geschäft. Hans-Josef H. wird im Mai 2009 zu sechs Jahren Gefängnis und 705.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Die deutschen Ermittler sind alarmiert, weil Said Mohammad Hosseinian sich inzwischen darum bemüht, Bauteile der "Ariane"-Rakete zu beschaffen.

"Der Iran arbeitet zurzeit an Flüssigtreibstoff-Raketen. Mit denen könnte man auch in Europa jedes Ziel erreichen", sagte BND-Experte Klaus-Martin T. im Prozess gegen H.

Das dürfte den Druck auf Amerika und Europa erhöhen, bei den Verhandlungen mit Teheran voranzukommen.

Sonst sitzen die Diplomaten womöglich noch an einem Konferenztisch, während Israels Regierung längst Fakten schafft und die Atomanlagen des Irans angreift - mit vermutlich verheerenden Folgen.

Mitarbeit: Gerald Drißner und Özlem Gezer / print

Von:

und Johannes Gunst