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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Bundeswehreinsatz in Afghanistan: Geheimkrieg

Die Nato-Truppen in Afghanistan benutzen geheime "Todeslisten" mit den Namen von Taliban-Führern. Diese gilt es aufzuspüren, gefangen zu nehmen oder auch zu liquidieren. Dabei werden amerikanische Spezialeinheiten von deutschen Elitesoldaten des KSK unterstützt. Was die Kommandotrupps in der Gegend um die Stadt Kundus tatsächlich treiben, bleibt den Politikern in Berlin verborgen.

Von Uli Rauss, Oliver Schröm und Michael Streck

Der Oberst suchte Ruhe, der Oberst brauchte Abstand.

Der Oberst ging in die Kur, Bad Malente, Holsteinische Schweiz, 11.500 Einwohner.

Malente, Luftkurort, ist ein verschlafenes Städtchen. Man kann dort wandern und joggen um den Dieksee und den Kellersee, Fahrrad fahren und Minigolf spielen, töpfern und malen, Anti-Stress-Programme absolvieren und sich das von Amateuren aufgeführte plattdeutsche Theaterstück "Thea Witt maakt nich mit" anschauen. Malente ist ein guter Ort, um zu sich zu kommen.

Oberst Georg Klein wählte Malente, mitten im November, um die Geister loszuwerden. Er suchte Beschaulichkeit nach seiner Rückkehr aus Kundus, Afghanistan.

Er musste nachdenken über sich und den Krieg und sein Leben und den Tod von Unschuldigen.

Er fühlte sich müde, ausgelaugt und auch enttäuscht.

Die Nacht zum 4. September 2009 verändert sein Leben

Georg Klein, 48, Sohn eines Wasserschutzpolizisten, aufgewachsen mit fünf Geschwistern in beengten Verhältnissen, verheiratet, keine Kinder, war bis zum Morgengrauen des 4. September 2009 so unauffällig wie das holsteinische Örtchen. Ein guter Soldat, besonnen, feinsinnig, kunstbeflissen, religiös, loyal, fürsorglich, pedantisch zuweilen, aber beliebt bei der Truppe und hoch angesehen im Verteidigungsministerium.

Es ging das Wort, Klein hätte kurz vor der Beförderung zum Brigadekommandeur gestanden, zum General. Hätte.

Die Nacht zum 4. September 2009 verändert sein Leben - und verändert die Bundesrepublik. In dieser Nacht befiehlt Oberst Klein, Kommandeur des deutschen Feldlagers Kundus, den verheerenden Bombenangriff auf zwei in einer Sandbank feststeckende Tanklaster.

Oberst Klein sucht den inneren Frieden

Feindliche Taliban-Kämpfer sterben, aber eben auch Dutzende von Zivilisten, Kinder und Jugendliche unter ihnen. Die Angaben über die Zahl der Toten schwanken bis heute zwischen 56 und 142. Nach stern-Recherchen ("Die Akte Kundus", Nr. 52/2009) waren es 92.

Seit dieser Nacht ist der zurückhaltende Oberst Klein das Symbol, das Gesicht eines Krieges, der daheim nicht Krieg heißen darf.

Die Empörung ist global, und Oberst Klein steht stellvertretend für das deutsche Fehlverhalten. Er ist über Nacht das geworden, was er nie sein wollte: weltberühmt.

In Malente, wenige Wochen nach der Rückkehr, joggt er um die Seen, er sucht inneren Frieden - und findet ihn nicht.

Ein potenzielles Kriegsverbrechen

Am 26. November, da kurt er noch, erscheint die "Bild"-Zeitung mit Bildern vom Bombardement, veröffentlicht auch ein Video und neue Informationen aus einem geheimen Bericht der deutschen Feldjäger. Klein und die Bundeswehr sehen nicht gut aus in diesem Bericht. Der Generalinspekteur der Bundeswehr Wolfgang Schneiderhan und der Staatssekretär im Verteidigungsministerium Peter Wichert sind gefeuert; auch Arbeitsminister Franz Josef Jung, zuvor Verteidigungsminister, verliert sein Ministeramt.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe prüft Ermittlungen wegen eines potenziellen Kriegsverbrechens. Der Bundestag richtet einen Untersuchungsausschuss ein. Vor dem muss Georg Klein jetzt aussagen.

Der Krieg in Afghanistan holt Klein auch in der Holsteinischen Schweiz ein. Denn der Krieg in Afghanistan verdichtet sich auf eine Nacht - und damit auf ihn. Er verdichtet sich auf zwei Bomben, die gewaltigen Explosionen und die Toten. Er verdichtet sich auf den, wie es im schaurig-kühlen Militärjargon heißt, "kinetischen Luftvorfall".

Schützenhilfe vom BND

Doch alles, was man bisher über Oberst Kleins Entscheidung in jener Nacht weiß, ist nur ein Teil der Wahrheit. Er war als Kommandeur der Mann, der den Befehl zum Töten gab. Darüber wurde er zur Hauptfigur in einem Schattenkrieg. Einem geheimen Krieg, in dem die Deutschen und ihre Spezialeinheiten an der Seite von amerikanischen Special Operation Forces verdeckt kämpfen - und gezielt töten.

Nach Recherchen des stern sind 300 US-Elitesoldaten - darunter Delta Force und Navy Seals als "Task Force 373"- auf Bundeswehrstützpunkten wie in Masar-e- Scharif stationiert, direkt neben dem Camp der deutschen Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK). Sie starten von dort ihre klandestinen Operationen in Nordafghanistan, dem Verantwortungsbereich der Deutschen. Streng geheime Zugriffs- und Tötungslisten werden dann auch von der KSK "abgearbeitet", wie mehrere hohe Offiziere und Sicherheitsbeamte dem stern bestätigten. Bei dieser Jagd auf führende Taliban leistet der Bundesnachrichtendienst (BND) Schützenhilfe - BND, KSK und eine Sondertruppe des afghanischen Geheimdienstes NDS kooperieren eng. Verteidigungsausschuss, Bundestag und die Öffentlichkeit in Deutschland wissen kaum etwas von diesem geheimen Krieg. Und die wenigen Eingeweihten, die etwas wissen, vertuschen ihn. Denn er ist durch kein Mandat gedeckt. Dem stern liegen Dokumente vor über KSK-Operationen, Auswahlverfahren für Ziele, die Rolle des BND und Bombardements für die Amerikaner.

Wie dieser Schattenkrieg funktioniert, bekamen deutsche Bundeswehrsoldaten Ende März vergangenen Jahres in Kundus von den Amerikanern vorgeführt. Binnen einer Stunde mussten die Deutschen den Flugplatz und Tower räumen. Der Bundeswehrkommandeur Oberst Uwe Benecke durfte das gerade mal zur Kenntnis nehmen. Zwei C-130- Herkules-Truppentransporter und vier Black-Hawk- und Chinook- Helikopter landeten; in der Luft dröhnten F-15-Bomber. Kurz darauf verschwanden 60 Special Operation Forces mit geschwärzten Gesichtern Richtung Norden.

Er ist ein Vorzeigemilitär

Im Morgengrauen kehrten sie mit ihrer Beute zurück - vier Gefangenen in Fußfesseln. Am Einsatzort zwischen ein paar Lehmhäusern in Imam Saheb blieben fünf Leichen zurück.

Eine Woche später trifft Georg Klein in Kundus ein und tritt am 5. April Beneckes Nachfolge an.

Er ist ein Vorzeigemilitär.

Direkt nach dem Abitur 1980 verpflichtet er sich für zwölf Jahre, Offizierslaufbahn. Er marschiert durch die für eine Topkarriere förderlichen Instanzen - an der Bundeswehrhochschule in Hamburg studiert er Wirtschaftswissenschaften, man wählt ihn für den Generalstabslehrgang an der Führungsakademie aus, und Klein darf als einer der Top-Vier- Absolventen zur Fortbildung in die USA. Er spricht perfektes, fast akzentfreies Englisch. Als Kommandeur eines Panzerbataillons im hessischen Westerburg weiß er, was die Truppe denkt. Als Planer in der ständigen Vertretung der Deutschen bei der Nato in Brüssel versteht er viel von Doktrin und Strategie. Als hochrangiger Offizier im Heeresführungskommando hat er Einblick in interne Analysen der deutschen Auslandseinsätze - er weiß genau, was schief läuft, und er unterstützt einen Kreis von Generälen, die dies auch kritisieren.

Klein verfügt über einen scharfen Verstand. Ruhig, besonnen, nachdenklich einerseits. Standhaft, robust und zielorientiert andererseits.

Er ist keiner, der nur auf Posten zielt. Klein dient.

Das KSK lebt abgeschirmt

Gleich am ersten Arbeitstag steht der Spatenstich für die "Mischa-Meier-Brücke" über den Kundus-Fluss auf seinem Programm, benannt nach dem im August 2008 durch einen Sprengsatz getöteten Hauptfeldwebel. Während der Fahrt zu der Gedenkfeier wird ein Dingo des Konvois von einer Straßenbombe beschädigt, Stunden später eine Forward Operation Base des deutschen Lagers beschossen. Das Gefecht zieht sich über Stunden hin. Dies sind die ersten Eindrücke von Georg Klein in Kundus.

In Kleins Feldlager, ziemlich am Rand, direkt neben der Klärgrube, hausen ein paar Dutzend bärtige Typen, einige mit zurückgegeltem Haar, die ihre Uniformen unter Fleeceklamotten verstecken.

Es sind die Männer vom KSK. Sie leben abgeschirmt. Sie sind die am besten ausgebildeten deutschen Soldaten, und das wissen sie. Sie geben sich elitebewusst.

Respekt vor Rangabzeichen zeigen sie nicht. Oberst Klein schaut manchmal bei ihnen vorbei. Die Kommando-Soldaten führen die "Task Force 47", einen Verband, der mit Leuten vom Bundesnachrichtendienst, vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) und Führungsoffizieren afghanischer Spitzel für "Sonderaufgaben" abgestellt ist. Sonderaufgaben ist ein Euphemismus für das Aufspüren und Ausschalten von Taliban, Führern der mittleren und höheren Ebene.

Diese Zielpersonen stehen auf streng geheimen Listen der Nato.

Gemeinsame Wirkungsvorrangliste

Jene Listen sind in sechs Spalten unterteilt: Vorgangsnummer, Foto der Person, Name, Funktion, Anmerkungen über Aktionsradius.

In der letzten Spalte steht entweder ein "c" oder ein "c/k" - c bedeutet "capture", ergreifen. k bedeutet "kill", töten.

Wer auf diesen Listen landet, ist in einem strengen Verfahren geregelt. Jede am Einsatz in Afghanistan beteiligte Nation hat ein Vorschlagsrecht für die Tötungslisten, die "JPEL", wie sie in der internationalen Militärsprache heißen:

"Joint Priority Effects List", Gemeinsame Wirkungsvorrangliste.

Wenn etwa die Deutschen einen bestimmten Aufständischen "neutralisieren" wollen, müssen sie Aufklärungsergebnisse vorlegen und das Bedrohungspotenzial der Zielperson aufzeigen. Über die Anträge wird zunächst national in sogenannten Targeting- Sitzungen im Einsatzführungskommando in Potsdam-Geltow entschieden. "Alles ist super- geheim, überall Türen mit Sicherheitscodes, lange Flure, rote Alarmleuchten", sagt ein Teilnehmer.

C und k - capture und kill

"Wir Deutschen stellen nur Personen in die Spalte mit c, für capture." Die Existenz dieser Listen haben dem stern vier voneinander unabhängige Informanten bestätigt. Und weil die Listen allen Isaf-Elitetruppen zugänglich sind, muss es nicht unbedingt bei einer Festnahme bleiben. Amerikaner, Australier, Engländer machen nicht nur Gefangene.

Das endgültige Okay für den Einsatz gibt schließlich eine "Zielbekämpfungsinstanz" im Isaf- Hauptquartier von Stanley McChrystal. Der Oberkommandierende aller amerikanischen und Nato-Soldaten in Afghanistan spricht im Gegensatz zu den zögerlichen Deutschen offen aus, worum es geht: "Du nimmst die Mitte des Netzwerks. Du attackierst sie, du ergreifst sie. Du tötest.

Das habe ich im Irak erlaubt.

Und daran arbeiten wir in Afghanistan." c und k - capture und kill, ergreifen und töten.

Zweieinhalb bis fünf Stunden lange Feuerkämpfe

Die KSK-Männer in Kundus, Masar-e-Scharif und Feysabad drängen seit Monaten, bestimmte Taliban-Führer auf die Liste zu setzen. Der Chef der "Task Force 47", ein KSK-Major, rechtfertigte das vor dem Nato-Untersuchungsausschuss zum Kundus-Bombardement am 25. September mit dem Potenzial des Feindes: "Die Aufständischen sind inzwischen so stark, dass es keine Auswirkungen hat, wenn verschiedene Netzwerke von uns aufgemischt werden.

Feuerkämpfe mit Handwaffen dauern zweieinhalb bis fünf Stunden. Die haben eines der besten professionellen Gefechtssysteme, das ich in den letzten Jahren gesehen habe." Seine Männer sind wütend, wenn in Potsdam mal wieder der Listeneintrag einer Zielperson oder eine Aktion abgesagt wird. Seit aber der Krieg eskaliert, seit deutsche Soldaten zunehmend unter Beschuss geraten, werden auch die Listen länger.

Als im Juni eine Bundestagsdelegation von Sicherheitsexperten Kundus besucht, gestattet Kommandeur Klein einem seiner Offiziere einen martialischen Auftritt vor den Politikern:

"Ihr in Berlin lasst uns im Stich"

"Meine Herren, vor Ihnen sitzt der erste Kampfverband, der nach dem Zweiten Weltkrieg ein Gefecht bestanden hat." Es war eine Inszenierung. "Uns Politikern sollte vermittelt werden:

Ihr in Berlin lasst uns im Stich", sagt Rainer Arnold, SPD-Obmann im Verteidigungsausschuss. Insbesondere im Gespräch mit KSKSoldaten spürte Arnold den Drang zum Handeln: "Früher betonten die, keine Rambos zu sein. Die neue Generation im KSK ist da anders. Die sehen sich in Augenhöhe mit den Navy-Seals." Eine Woche zuvor hat die damalige Abgeordnete Petra Heß mit Oberst Klein beim Mittagessen zusammengesessen. Von Gefechten und Kampfverband und Weltkrieg war keine Rede.

Der Oberst erzählte von der Bedrohung, von den Taliban, den Angriffen, den Gefallenen. Heß, selbst Offizierin der Reserve, sieht in ihm einen "umsichtigen, zuverlässigen Soldaten - und sehr entschlossen".

"Show of force"

Das beweist er auch. Sich und der Truppe. Am 27. August beschießen Taliban im Distrikt Ali Abad um 17.15 Uhr einen USKonvoi mit Panzerfäusten, vier Soldaten werden verletzt. Die Amerikaner müssen ein Fahrzeug zurücklassen. In Kundus klettert Markus W. mit seinen technischen Systemen in einen Holz- Tower am Rand des Camps. Der Fliegerleitfeldwebel mit dem Rufzeichen "Red Baron" hat schon diverse Einsätze für das KSK aus der Operationszentrale der "Task Force 47" geleitet. Dreimal fielen dabei Bomben. An diesem Tag führt W. einen B1-Bomber zum Ziel. Am Boden halten sich, zwischen dem brennenden Fahrzeugwrack und einer Baumreihe, mehrere Bewaffnete auf. Der amerikanische Pilot äußert Bedenken, weil das Fahrzeug nur 15 Meter neben einem Haus liegt. Dennoch wird die Bombe ausgeklinkt. Den Befehl dazu gibt, im Beisein eines US-Offiziers in Kundus: Oberst Georg Klein.

Als Stunden später erneut ein Bombenziel am Boden ausgemacht ist, begnügt sich der deutsche Kommandeur mit einer Abschreckung per Tiefflug durch US-Jagdbomber, einer "show of force". Seit Klein in Kundus ankam, arbeitet er mit Markus W. zusammen. Den früheren Fallschirmjäger mit Ausbildungsstationen in Idaho, Nancy und Dschibuti hält er für den besten im Lager, trotz des protzerischen Code- Namens "Red Baron" - in Anlehnung an den "Roten Baron", den Fliegerhelden des Ersten Weltkriegs Manfred Freiherr von Richthofen. Bereits im April hatten es beide mit feindlichen Kräften in einem Lehmhaus zu tun.

Seinerzeit genehmigte Klein das Bombardement aus einer F-15 nicht. Ein paar Wochen später geraten Kleins Soldaten unter Taliban- Beschuss. Oberst Klein fürchtet zivile Opfer und verbietet abermals Bomben.

Der wahre Krieg läuft im Verborgenen

In Berlin spricht immer noch niemand von Krieg. Verteidigungsminister Jung schwadroniert unverdrossen vom "Stabilisierungseinsatz" in Afghanistan.

Der wahre Krieg läuft eher im Verborgenen.

Wie sehr die Jagd auf Taliban für KSK, BND und reguläre Truppen zur Routine wird, illustrieren die Ereignisse, die zu der fatalen Bombennacht im September führen.

Ende August suchen die in Kundus stationierten BND-Agenten das Gespräch mit dem Lagerkommandierenden Klein. Sie berichten ihm von einem Ecolog- Lkw, einem Fäkalientransporter, den Taliban am 25. August gestohlen haben. Befohlen habe das der Rebellenführer Maulawi Schamsuddin, der verlängerte Arm der Taliban-Spitze, die in Pakistan sitzt, verantwortlich für Entführungen, Bomben, Angriffe auf die Nato. Die Geheimdienstleute warnen, der Lkw solle womöglich für einen Sprengstoffanschlag auf das Feldlager benutzt werden. Seit drei Wochen liegen nämlich Erkenntnisse vor, wonach Schamsuddin und seine Aufständischen planen, das deutsche Lager in einem Drei-Phasen-Plan anzugreifen. Phase 1: Mit zwei aufeinanderfolgenden Autobomben wollen sie das Haupttor durchbrechen. Phase 2: Selbstmordattentäter sollen in das deutsche Camp eindringen und weitere Bomben zünden, ehe, Phase 3, die Taliban ins Lagerinnere stürmen.

Operation "Joker"

Klein muss davon ausgehen, dass sein Camp jederzeit attackiert werden kann.

Die Operation "Joker" ist zu diesem Zeitpunkt längst in Vorbereitung, Zielperson: Schamsuddin.

Ein Job für die deutschen Elitekämpfer der KSK und der "Task Force 47". Klein kennt nicht die Details der von langer Hand geplanten Aktion: Schamsuddin wird abgehört, sein Bewegungsmuster ist bekannt, sein Netzwerk von V-Männern unterwandert.

Der Oberst weiß aber, dass und wo in seinem Hinterhof, jenseits des konventionellen Krieges, Aufständische gejagt, gefangenen genommen und getötet werden.

Am Morgen des 3. September um 9.30 Uhr erhalten die KSK-Leute von einer mit der Kategorie B als zuverlässig eingestuften afghanischen Quelle eine Meldung.

Abdul Rahman, einer der Handlanger Schamsuddins, habe in drei Dörfern der Region Hinterhalte vorbereitet - einen davon in Angor Boch. Was die KSK-Leute an diesem Morgen nicht wissen, ist, dass jener Abdul Rahman nur Stunden später genau dort in Angor Boch für die Entführung von zwei Tanklastwagen am Nachmittag verantwortlich ist, die am Abend auf einer Sandbank stecken bleiben. Das meldet die afghanische Quelle ihrem V-Mann in der "Task Force 47" um 19.30 Uhr - zwei getrennte Hinweise ein und desselben Spitzels verschmelzen daraufhin in der Kommandozentrale zu einer großen Bedrohung.

Keine Lizenz zum Töten

Und zugleich ist es eine Chance, Abdul Rahman, Schamsuddins Kontaktmann, zu erledigen. "Gelegenheitsziel", wird der KSKKommandeur später sagen.

Deutsche Truppen besitzen unter dem Isaf-Mandat keine Lizenz zum Töten. In der sogenannten Taschenkarte aber - einem Papier, das jeder Soldat am Mann trägt - sind die "Regeln zur Anwendung militärischer Gewalt" aufgeführt, in leicht verschärfter Form erst im Juli 2009 vom Bundestag abgesegnet. Danach dürfen Waffen auch gegen Personen eingesetzt werden, "die Angriffe planen, vorbereiten, unterstützen oder ein sonstiges feindseliges Verhalten zeigen".

Dazu sagt der CDU-Obmann im Verteidigungsausschuss, Ernst- Reinhard Beck: "Die überarbeitete Taschenkarte hat nichts mit gezieltem Töten zu tun. Der Umgang mit der Schusswaffe muss grundsätzlich restriktiv erfolgen." Die Situation am Fluss in der Nacht zum 4. September erfüllt nach KSK-Lesart aber alle Voraussetzungen für einen tödlichen Gegenschlag - obschon die Laster im Sand stecken und der afghanische Spitzel via Handy in die Zentrale meldet, dass die Taliban die festgefahrenen Lkws ausschlachten wollen. Eine akute Bedrohung sieht anders aus. Die KSK-Leute wollen dennoch die Gunst der Stunde nutzen. Es verbleibt ein Problem - die Taschenkarte.

Oberst Georg Klein lässt sich benutzen

Die schreibt nämlich vor:

"Militärische Gewalt zur Verhinderung von Angriffen darf nur auf Befehl des militärischen Führers vor Ort erfolgen." Das ist Klein.

Die KSK-Leute brauchen ihn. Sie verständigen ihn. Er gibt den Befehl, und damit wird die Wahrheit dehnbar.

Offiziell ist der Bombenabwurf eine Operation von Oberst Klein und keine des KSK. In der Stunde der unheilsamen Entscheidung befindet er sich im Gefechtsstand der "Task Force 47", sein Berater an diesem Abend, Hauptmann N., gehört zur "Task Force 47", die einzige menschliche Quelle, der afghanische Spitzel, wird von der "Task Force 47" geführt. Kleins eigene Operationszentrale im Feldlager ist ahnungslos - ebenso wie Kleins Vorgesetzter, Brigadegeneral Vollmer, im Regionalkommando Nord in Masar-e-Scharif.

Dort bekommt nur einer Informationen:

Oberstleutnant G. wird zugeschaltet und verfolgt die Livebilder vom Fluss. Oberstleutnant G. gehört zur "Task Force 47".

Oberst Georg Klein wird benutzt.

Und er lässt sich benutzen.

Der Rest ist mittlerweile Geschichte.

"Dude 15", "Dude 16" und "Red Baron"

Man kennt nun die Code-Namen der Beteiligten dieser Nacht - "Dude 15" und "Dude 16", die amerikanischen Piloten der F-15- Jäger, die Sprechkontakt hielten zum deutschen Fliegerleitoffizier "Red Baron" im Kommandostand der "Task Force 47" im Feldlager Kundus. Man kennt den Funkverkehr und den wiederholten Rat der Männer im Cockpit, die Sandbank in geringer Höhe überfliegen zu dürfen, um mit einer "show of force", einem Tiefflug, die Menschen zu vertreiben.

"Dude 15", Jeremy D., Mitglied der "335th Fighter Squadron" aus Goldsboro, North Carolina, fragt gleich fünfmal. Man kennt auch die Antwort von "Red Baron":

"negativ". Man kennt die Zweifel der Piloten, die sich gern an höherer Stelle rückversichern wollen und nicht sollen und ihr Nachbohren:

"Sind Zivilisten am Boden?" Man kennt schließlich auch die Lügen dieser Nacht, den vermeintlichen Feindkontakt deutscher Soldaten, "troops in contact", den es nicht gab, und die Verstöße des Oberst gegen die strengen Nato-Regularien. Und man kennt das Resultat und das politische Nachbeben, das bis heute andauert. All das ist dokumentiert in den Berichten, im Feldjäger-Report, im Report des Internationalen Roten Kreuzes und natürlich im Nato-Untersuchungsbericht.

Schamsuddin: ein "Hochwertziel"

Aber kaum jemand weiß: Mit den Bomben auf die Sandbank war die Operation "Joker" noch lange nicht beendet - die Jagd nach dem Taliban-Oberen Schamsuddin.

"Red Baron" wechselt seinen Code-Namen und fordert unter der KSK-Kennung "Shockwave" sechs Uhr morgens beim Isaf-Hauptquartier acht US-Bomber an. Nur vier Stunden nach dem desaströsen Bombardement und während am Kundus-Fluss die Familien der Opfer noch verkohlte Leichenteile einsammeln und bestatten und die Klagelieder der Frauen durch die umliegenden Dörfer wehen.

"Red Baron" schreibt in ein Formular, es handele sich um eine "vorbereitete Operation des afghanischen Geheimdienstes und der TF 47" gegen ein "Hochwertziel":

Maulawi Schamsuddin. Das KSK weiß, dass der Taliban-Fürst in der Nacht zum 7. September in einem Gehöft südlich des Kundus- Flusses sein wird, Zielkoordinate 42S VF 69569 69220.

Ein "kill" ist nicht auszuschließen

Das ist der Plan: Deutsche Kommandotrupps und afghanische Geheimdienstler, zusammen 48 bis 63 Mann, sollen sich im Morgengrauen aus zwei bis drei CH-53-Helikoptern im Zielgebiet absetzen. Afghanische Bodentruppen werden sie sichern.

Neben dem Gehöft mit Schamsuddin soll sodann eine Laserbombe abgeworfen und abgewartet werden, was er und seine rund 100 Kämpfer machen.

Wie die KSK-Männer in diesem Chaos Schamsuddin identifizieren und gefangen nehmen würden, bleibt unklar. Als Ziel der Operation "Joker" deklariert die "Task Force 47" eine "Ingewahrsamnahme/ Einzelperson". Capture also. Aber in solch einer Lage wäre eben auch ein "kill" nicht auszuschließen.

Das Ganze wird abgesagt, weil am Tag nach dem deutschen Bombenangriff auf die Sandbank ein bri- tischer Journalist von der "New York Times", Stephen Farrell, und sein afghanischer Dolmetscher, Sultan Munadi, von Schamsuddins Schergen entführt werden.

Deutschland diskutiert über die zivilen Toten

Eine massive KSK-Operation hätte das Leben der beiden Zivilisten gefährdet.

Britische Spezialkräfte schalten sich mit Genehmigung von Premier Gordon Brown ein.

Farrell wird einige Tage später befreit, der Dolmetscher kommt bei der Aktion ums Leben.

In Deutschland geht das unter.

Deutschland diskutiert über die zivilen Toten. Und über Oberst Klein.

Generalinspekteur Schneiderhan fliegt am 13. September nach Kundus, spricht lange mit Klein, "ein sachliches, vorwurfsfreies Gespräch".

Er bemerkt, wie der Oberst mit sich kämpft. Klein versucht gar nicht erst, sich zu rechtfertigen oder um Verständnis zu heischen.

Er wirkt angegriffen, sein Kinn beginnt während der Unterhaltung zu flattern. Monate später im Gespräch mit dem stern müht sich Schneiderhan immer noch mit einer schlüssigen Sinndeutung für Kleins Verhalten in der Nacht. "Wenn ich das wüsste.

"Die sind immer im Feuer gewesen"

Wenn ich das wüsste. Ich kann nur seine Lage nachvollziehen.

Außerordentlich schwierige Situation.

Der hatte in der Zeit vier Tote und über 20 Verletzte in der Phase. Der war ständig unter Druck, jeden Tag ist was passiert.

Die sind immer im Feuer gewesen.

Dann kommt der psychologische Druck dazu, auch aus der Nato: Die deutschen Weicheier sollen endlich mal. Wenn ich das alles berücksichtige, kann ich mir schon zusammenreimen, dass er dann eben gesagt hat: So, jetzt machen wir das." Klein habe in dieser Nacht eben anders getickt als sonst. Wochen später treffen sich die beiden nochmals in Zivil in einem Bonner Hotel. Schneiderhan hat um das Meeting gebeten. Als Generalinspekteur hat er dafür gesorgt, dass die KSK über einen gesonderten Befehlsstrang in Potsdam- Geltow nur ihm Rechenschaft schuldig ist. Schneiderhan muss daher wissen, dass die Bomben von Kundus das Ergebnis einer KSK-Operation waren. Klein weiß das auch. Über den Inhalt des Gesprächs vereinbaren sie Stillschweigen.

Jung weiß wieder mal von nichts

In Berlin tun sich unterdessen Abgründe an Ahnungslosigkeit auf. Angela Merkel erkundigt sich bei Verteidigungsminister Jung, ob es denn stimmen könne, dass die Amerikaner ihre Special Forces in deutschen Lagern parken.

Jung weiß wieder mal von nichts. Schneiderhan hatte es für nicht nötig empfunden, seinen politischen Vorgesetzten über die entsprechende Anfrage aus dem Pentagon zu informieren. Und im Parlament erfahren viele Abgeordnete mehr als drei Monate nach den Bomben erstmals aus der "Bild"-Zeitung von der Existenz einer "Task Force 47". Der Verteidigungsausschuss verlangt volle Aufklärung und bekommt volle Vertuschung. Die fünf Obleute werden für den 18. Dezember frühmorgens um 7.30 Uhr zur Unterrichtung einbestellt. Im Beisein des neuen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg versichert Vize-Generalinspekteur Johann-Georg Dora den fünf Abgeordneten: "Der Luftschlag von Kundus war keine Operation der ,Task Force 47`." Und ergo keine der KSK. "Es wird offensichtlich vertuscht, dass es etwas zu vertuschen gibt", sagt Paul Schäfer, Obmann der Linken.

Oberst Klein kehrte Ende September zurück nach Deutschland.

Klein dient wieder in Leipzig

Im Verteidigungsministerium überlegten sie zwischenzeitlich, Klein an die Bundesakademie für Sicherheit in Berlin zu versetzen. Sie ist ein Abstellgleis für Beamte und Offiziere. Die Idee wurde verworfen. Es hätte nach Vorverurteilung und Abstrafen ausgesehen, und das wäre nicht gut gewesen für das Image der Bundeswehr.

Klein dient wieder in Leipzig, 13. Panzergrenadierdivision.

Mitte Januar reiste er nach Wildflecken in die Rhön- Kaserne. Die Panzergrenadiere dort sind Leit-Division für das nächste Kontingent in Kundus. Er referierte über die Gefahrenlage wie ein Kriegsveteran. Klein wirkte gefestigt und klar. Dann fuhr er wieder heim.

Er, der Unauffällige, ist nun eine öffentliche Person. Die meisten Deutschen kennen den Namen Georg Klein. Auf Youtube flimmert höhnischer "Lobgesang auf Georg Klein" mit dem Refrain:

"Im ewigen Kampf mit der feindlichen Macht hast Du ein Licht angemacht.

Du brachtest Afghanistan Feuer ein neuer Wind weht jetzt, ein Feuerstrom zerfetzt die dunklen Schatten in der Nacht, Du hast sie alle umgebracht." Georg Klein muss mit dem Hohn leben. Er muss damit leben, das Gesicht des offiziellen Krieges zu sein. Der lautlose, geheime Krieg geht währenddessen weiter in Afghanistan. Mit Bomben und Männern, die ihr Gesicht schwärzen und Gefangene machen. Oder gleich töten.

Mitarbeit: Gerd Elendt, Frank Gerstenberg, Giuseppe Di Grazia, Dirk Liedtke, Christoph Reuter, Jan-Christoph Wiechmann, Holger Witzel

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