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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Anklageerhebung gegen Düsseldorfer Terrorzelle: Details, die tief blicken lassen

Seit einem Jahr sitzen sie in Untersuchungshaft, die mutmaßlichen Mitglieder der Düsseldorfer Zelle. Jetzt wurde gegen sie Anklage erhoben. Beschlagnahmte Fundstücke geben Einblicke in die Terror-Pläne der Islamisten.

Von Johannes Gunst

Die Deutschen sind Eindringlinge", spricht Abdeladim El-Kebir verschwörerisch. Es ist der 7. April 2011, kurz vor Mitternacht. "Wir sind Helden. Wir werden Vorbilder für Andere." Terrorfahnder notieren jedes Wort. Drei Wochen später stürmen GSG-9-Beamte die verwanzte Wohnung in Düsseldorf.

Keine islamistische Terror-Zelle, davon sind Strafverfolger überzeugt, ist einem Sprengstoffanschlag in Deutschland in den letzten Jahren so nahe gekommen, wie die Gruppe um El-Kebir. Nun hat die Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf Anklage gegen den 30-jährigen Marokkaner und drei seiner mutmaßlichen Mitstreiter erhoben.

Ausbildungslager für Terroristen

Seinen Auftrag zum Anschlag in Deutschland hatte Abdeladim El-Kebir demnach von ganz oben. Von Januar bis Mai 2010 war er im Ausbildungslager von al Kaida in Waziristan, leistete dort einen Treueeid gegenüber dem mittlerweile verstorbenen Atijatallah al-Libi. Der stets ernst dreinblickende Scheich war damals Operationschef der Terror-Organisation, hatte als einziger direkten Zugang zu Osama bin Laden.

Gemeinsam mit seinem Vertrauten, Younis al-Mauretani, zu jener Zeit Al-Kaida-Außenminister, trieb er die Anschlagsplanung in Deutschland voran. Der Kontakt zu El-Kebir riss nicht ab, auch als ihr Schützling längst wieder in Deutschland war. Auf einem USB-Stick neben der Schlafcouch von El-Kebir entdeckten Ermittler später einen verschlüsselten Brief an Atijatallah, abgeschickt am 14. April 2011 aus einem Internet-Callshop.

"O unser Shaikh, ich trainiere einige Jugendliche aus Europa, die bislang in Sachen Sicherheit sauber sind", heißt es in dem Schreiben laut Auswertungsbericht des Bundeskriminalamts. "Nach dem Training werde ich mit Hilfe Allahs mit dem Schlachten der Söhne des Gelben anfangen."

Die Anleitung für den Anschlag kam aus dem Internet

Der Brief legt nahe, dass die "Düsseldorfer Zelle" auch mit einem unkonventionellen Terror-Anschlag in Deutschland liebäugelte. El-Kebir bat seinen Mentor in Pakistan: "Unser Shaikh, führe uns auf den rechten Weg durch eure Ratschläge und schicke mir, wenn es möglich ist, den Lehrgang über Gifte."

Das Handbuch der al Kaida zur Herstellung von Sprengstoff und Brandvorrichtungen, hatte El-Kebir bereits Ende Dezember 2010 aus dem Internet geladen. Mit dieser Anleitung ging er danach auf Shopping-Tour. Aus Grillanzündern wollte El-Kebir, gemeinsam mit seinem Komplizen Jamil S., den Bombengrundstoff Hexamethylenteramin (HMtD) extrahieren. "Entsprechende Selbstlaborate sind ähnlich leistungsfähig wie gewerblich hergestelltes TNT", heißt es dazu in einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes.

Abiturient ist Mitglied der Terrorzelle

Amid C., Computer-Experte der "Düsseldorfer Zelle" und offenbar zuständig für die Verschlüsselung der Kommunikation, steckte zu jener Zeit mitten in seinen Abitur-Vorbereitungen. Doch der damals 19-Jährige war keineswegs ein so unbeschriebenes Blatt "in Sachen Sicherheit", wie es Zellen-Anführer El-Kebir seinem Al-Kaida-Mentor glaubhaft machen wollte.

Bereits am 23. November 2009 sei Amid C., so heißt es in einem Vermerk des Bundeskriminalamtes, über Istanbul in die iranische Stadt Meshed gereist – laut BKA-Erkenntnissen ein Sammelpunkt "Jihadwilliger" auf dem Weg nach Afghanistan und Pakistan. In der Schule fehlte der Deutsch-Iraner während dieses Trips unentschuldigt, seine Familie unterrichtete er erst, nachdem die mutmaßliche Weiterreise gescheitert war.

In der Wohnung von C. entdeckten Fahnder später einen Zettel mit handschriftlich aufgelisteten Stichworten. Das Fundstück lässt tief blicken in die Alltagssorgen (und Rechtschreib-Kompetenzen) der Terror-Zelle: "Sicherheits-vorkehgn", "Lockpickg", "Pässe falsch", "Tarnungsmöglichktn", "Maskn", "Geld beschaffn", "Ausrüstung", "Technick", "Infiltrationsmöglicktn".

Als El-Kebir am 14. April 2011 seine "Nachricht an Shaikh Atijatallah" abschickte, beobachteten Observationskräfte, wie C. schräg hinter dem Zellen-Boss im Internet-Cafe saß. Beide blickten völlig vertieft auf den Bildschirm vor ihnen.