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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Bin Ladens Vermächtnis: Deutschland im Visier

Daten, die US-Soldaten bei Osama bin Laden einsackten, enthalten brisante Hinweise auf Anschläge gegen Europas Wirtschaft.

Von Johannes Gunst

US-Elitesoldaten hoben am 2. Mai bei Osama bin Laden einen ganz besonderen Schatz, der nun auch in Deutschland für Aufregung sorgt. Nachdem sie das Leben des Terrorpaten mit zwei 5.56-Millimeter- Projektilen beendet hatten, durchkämmten sie Zimmer für Zimmer sein Zuhause im pakistanischen Abbottabad. In aller Eile warfen sie USB-Speicher-Sticks, Festplatten und DVDs in Plastiktüten - bin Ladens Vermächtnis.

Es umfasst eine gigantische Datenmenge, insgesamt 2,7 Terabyte. Darunter Pornos, Propa gandavideos und Millionen von Textseiten. Viel Arbeit für die CIA.

Eines dieser Dokumente alarmiert nun die deutschen Sicherheitsbehörden.

Es geht um ein Konzept zum Aufbau spezialisierter Al-Qaida-Zellen. Ziel: ein Big Bang gegen die europäische Wirtschaft.

Ausdrücklich wird in diesem Papier auch Deutschland als mögliches Anschlagsziel genannt, wie verschiedene Sicherheitsbehörden unabhängig voneinander dem stern bestätigen.

Der neue "Außenminister" von al-Qaida

Osama bin Ladens Vertrauensmann für diese Mission: Scheich Younis aus Mauretanien. Er ist der Autor des Konzepts. Schon vor Jahren war Younis aus seiner nordafrikanischen Heimat in die afghanisch-pakistanischen Stammesgebiete gekommen. Die Geheimdienste aber hatten den gertenschlanken Scheich mit den gekräuselten Haaren lange Zeit nicht auf der Rechnung. Man hielt ihn nur für eine religiöse Inspirationsfigur. Einen Scharia-Gelehrten, der aber bei al-Qaida kaum etwas zu melden hat.

Es waren die Aussagen zweier deutscher Islamisten bei Verhören im vergangenen Herbst, die dieses Bild ins Wanken brachten.

Scheich Younis sei der neue "Außenminister" von al-Qaida, er zählte der Frankfurter Rami Makanesi, nachdem er auf dem Rückweg vom Terrorcamp in Pakistan verhaftet worden war. Der Scheich habe sich damit gebrüstet, er plane etwas so Perfides, da komme "nicht mal der Teufel drauf". Bin Laden persönlich habe das Vorhaben abgesegnet.

Der in Kabul festgenommene Ahmad Sidiqi, wie Makanesi von Younis al-Mauretani rekrutiert, bestätigte dessen zentrale Rolle bei al-Qaida. Über die Frage, wie bedeutsam und bedrohlich der Scheich wirklich ist, entbrannte in deutschen Sicherheitsbehörden eine heftige Diskussion. Insbesondere das Bundeskriminalamt drängte darauf, die Sache ernst zu nehmen. Als sich dann auch noch ein Bekannter von Makanesi und Sidiqi aus Waziristan telefonisch bei den BKA-Beamten meldete und auf unmittelbar bevorstehende Anschläge hinwies, ging der damalige Innenminister Thomas de Maizière am 17. November an die Öffentlichkeit: Er warnte vor einer akuten Bedrohung und ließ unter anderem den Reichstag für Besucher sperren.

Mit dem Segen von ganz oben

Bald war von Panikmache die Rede, denn ein Anschlag blieb aus. Im Verborgenen aber feilte bereits die "Düsseldorfer Zelle" um den Marokkaner Abdeladim el-Kebir an Terrorangriffen gegen Deutschland. Wie Makanesi und Sidiqi hatte auch el-Kebir in Waziristan trainiert und stand dort in Kontakt mit Younis. Er wurde am 29. April frühmorgens festgenommen.

Die Datenfunde aus Abbottabad belegen nun: Der Scheich plante den Terror gegen Deutschland mit dem Segen von ganz oben. Via Kurier korrespondierte er mit Osama bin Laden über Anschlagstrategien.

Dieses Privileg genossen nur dessen engste Vertraute.

Seit dem Tod des Terrorchefs steckt der Scheich aber in Schwierigkeiten, erfuhr der stern. Wegen der allgegenwärtigen Drohnen der Amerikaner vermochte er sich kaum mehr zu be wegen, jetzt haben auch noch die Taliban ihre Unterstützung von Al-Qaida-Kämpfern in den afghanisch-pakistanischen Stammesgebieten eingeschränkt - als Folge der intensivierten Geheimverhandlungen mit dem Westen.

Younis will Waziristan deshalb den Rücken kehren. Die neuen Schwerpunkte von al-Qaida: Somalia und Jemen. Ein hochrangiger Sicherheitsbeamter sagt: "Ein Mann wie der Scheich gibt nicht so schnell auf."

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