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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Hamburger al-Kaida-Mitglied Meziche: Der Steckbrief eines Besessenen

Der Islamist Naamen Meziche, Hamburger mit französischem Pass, wartet in Pakistan auf seine Auslieferung. Wer dieser Mann ist, zeigen deutsche Ermittlungsakten. Eine Lebenschronik des Hasses.

Von Uli Rauss

Er kannte die Todespiloten um Mohamed Atta, galt nach dem 11.September als Star der radikalen Hamburger Islamistenszene, reiste mit jungen deutschen Fanatikern nach Pakistan, wurde zum Top-Kader von al Kaida. Jetzt ist Naamen Meziche, 42, gefasst, wie pakistanische Sicherheitsbehörden Mitte der Woche bekannt gaben.

18.6.1970:

Naamen Meziche wird in Paris geboren. Er ist Franzose, die Eltern stammen aus Algerien. Ihr Sohn wird streng islamistisch erzogen.

1990:

Meziche reist mit seinem Bruder Tareq aus Algerien nach Afghanistan, um am Dschihad gegen die Russen teilzunehmen. Von dort kehrt er in die Heimat seiner Eltern zurück.

1992:

Nach einem Militärputsch in Algerien verlässt Meziche das Land.

Februar 1993:

Meziche reist erstmals nach Deutschland. Im Juli findet er Arbeit bei McDonalds in Hamburg-Altona, ab September bei Burger King an der Kieler Straße.

Ab Dezember 1995:

Meziche beginnt einen Job bei der Flughafen Hamburg GmbH als Flugzeugbelader. Zeitweise arbeitet er am Airport zusammen mit zwei Männern aus dem direkten Umfeld der späteren 9/11-Zelle, Mounir el-Motassadeq und Abdelghani Mzoudi. Den Job macht Meziche bis Juni 1999.

November 1998:

Dem Franzosen Naamen Meziche wird in Hamburg eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für Angehörige eines EU-Mitgliedsstaates erteilt.

Ab 2000:

Bei Auftritten in der Hamburger Al Kuds-Moschee ruft ein Hassprediger aus Marokko in den Jahren 2000 und 2001 zur Tötung von Ungläubigen auf: Mohamed Al Fazazi (50). Der ultraradikale Scheich akzeptiert Naamen Meziche als Schwiegersohn und gibt ihm seine Tochter zur Frau; Hochzeit ist am 9.5.2001.

Frühjahr 2000:

Zeitgleich mit fünf hochkarätigen Mitverschwörern der 9/11-Zelle beschafft sich Meziche in Berlin ein Visum für Pakistan. Ermittler gehen davon aus, dass er und die anderen in afghanischen Terrorcamps trainierten.

August 2001:

Meziche setzt sich vorübergehend aus Deutschland ab. Kurz zuvor telefoniert er mit seinem Freund Ramzi Binalshib, einem der Chefplaner der Massenmorde vom 11.September 2001.

Mitte 2002:

In Marokko trifft Meziche den Vater des wegen Beteilung an den Anschlägen vom 11.September verurteilten Motassadeq sowie ein urlaubendes Hamburger Islamisten-Ehepaar.

2003:

Meziches Frau bringt in Hamburg eine Tochter zur Welt, 14 Monate später folgt ein Sohn. Meziche reist von Hamburg nach Istanbul, nachdem er in Wien an einem Weiterflug nach Syrien gehindert wurde - er steht im Verdacht, Terrornachwuchs für Al Qaida im Irak zu rekrutieren. In Marokko wird sein Schwiegervater nach einem Terroranschlag in Casablanca mit 45 Toten als Chefideologe der verantwortlichen Gruppe zu 30 Jahren Haft verurteilt.

Januar 2006:

Meziche wird mit seiner Frau bei der Einreise in Algerien verhaftet. Er wird beschuldigt, einer "im Ausland operierenden terroristischen Gruppierung" anzugehören. Im Rahmen einer Generalamnestie kommt er frei und kehrt im Mai zurück nach Hamburg. Bei der Zollkontrolle am Flughafen weist sich der Franzose Meziche mit einem im November 2000 durch die algerische Botschaft in Berlin ausgestellten algerischen Reisepass aus.

April 2007:

Der arbeitslos gemeldete Meziche macht in Hamburg den Taxiführerschein und fährt fortan mit einem VW Touran Kunden durch die Hansestadt. Das Gehalt als Taxifahrer wird mit seinem Arbeitslosengeld verrechnet. Er lebt mit Frau und Kindern in St. Georg und geht in der Al-Kuds-Moschee ein und aus.

Ab 2008:

In Hamburg trifft Meziche regelmäßig junge, radikalen Jihadisten. Die Gruppe gerät als kriminelle Vereinigung ins Visier der Sicherheitsbehörden. Ermittlern zufolge fungiert Meziche als "Vorbild und/oder Ausbilder" und als "Führungspersönlichkeit für die erheblich jüngeren anderen Gruppenmitglieder". Die Männer werden observiert, wenn sie in der Al-Kuds-Moschee beten und in Privatwohnungen Dschihad-Pläne schmieden. Ende Februar 2009 kündigt Meziche seinen Job als Taxifahrer.

März 2009:

Meziche hilft fünf Gruppenmitgliedern in Hamburg-Wandsbek beim nächtlichen Aufbruch mit schwerem Gepäck – die Reise geht über Frankfurt nach Peshawar, Pakistan. Tags drauf verlässt er selbst Deutschland und reist, gemeinsam mit dem Islamisten Rami Makanesi und mit Hilfe eines Schleusers der Terrorgruppe "Islamische Bewegung Usbekistans" (IBU), via Iran nach Pakistan. Seiner Frau in Hamburg hat Meziche gesagt, er reise nach Mekka. Drei Wochen nach seiner Abreise ruft er sie an, sagt, er sei in einer Koranschule in Pakistan, sie solle mit den beiden Kindern nachkommen. Die Frau lehnt kategorisch ab.

Ab Frühjahr 2009:

Die "Hamburger Reisegruppe" schließt sich in Waziristan der mit Al Qaida verbündeten Terrorgruppe IBU an. In einem Ausbildungsklager trifft Rami Makanesi die Brüder Jassin und Mounir Chouka, zwei Hardcore-Islamisten aus Bonn, die mit professionellen Hass-Videos im Internet Nachwuchs rekrutieren. "Das Ziel dort ist der Märtyertod", wird Makanesi nach seiner späteren Festnahme aussagen. "Oberste Respektsperson" der Gruppe sei Meziche - "wir haben zu ihm aufgeschaut, wir haben auf ihn gehört."

Oktober 2009:

Ein Informant meldet deutschen Ermittlern, Meziche habe in Pakistan Waziristan Kontakt zu einem seit 2001 weltweit gesuchten Terroristen aufgenommen: Said Bahaji, Logistiker und Mitbewohner von Todespilot Mohammed Atta. Die Generalbundesanwaltschaft übernimmt das Ermittlungsverfahren gegen die Hamburger Reisegruppe um Meziche.

Januar 2010:

Die Telefonate der Dschihadisten aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet bei Angehörigen in Hamburg werden seit Monaten abgehört. Sie alle rufen regelmäßig an – bis auf Meziche. Dessen Frau beklagt im Januar, er habe sich nicht mal zum Opferfest bei ihr gemeldet habe, während die anderen aus der Gruppe aus ihrem gemeinsamen Einsatzort berichtet hätten.

Mai 2010:

Späteren Zeugenaussagen zufolge kommt es in einem Terrorlager bei Mir Ali zu einem Treffen von Meziche und dem deutsch-marokkanischen 9/11-Veteranen Said Bahaji. Womöglich, meinen Ermittler, "um gegen deutsche Interessen gerichtete gewaltsame Aktionen zu planen bzw. auszuführen".

Juni 2010:

Meziche verbündet sich laut Zeugen in Pakistan mit Al Qaidas Planer für Anschläge im Ausland: Scheich Younis al-Mauretani, der eine Gruppe westlicher Dschihadisten leitet und mit Aufträgen versorgt. (15 Monate später wird Scheich Younis in Pakistan festgenommen.) Meziches einstiger Reisekumpan Rami Makanesi wird in Pakistan von der Polizei geschnappt.

Oktober 2010:

Bei einem Drohnenangriff der Amerikaner auf ein Haus in Mir Ali sterben acht Terrorverdächtige, darunter der deutsche Staatsbürger Bünyamin Erdogan sowie ein Iraner aus Hamburg. Als falsch erweisen sich Gerüchte, auch Naamen Meziche sei getötet worden. Ahmed Sidiqqi, ein anderes Mitglied der "Hamburger Reisegruppe", ist am Tag vor dem Drohnenangriff in US-Gewahrsam auf dem Militärstützpunkt Bagram von deutschen Geheimdiensten befragt worden.

Januar 2012:

Nach Angaben iranischer Behörden befindet Meziche mit einem weiteren deutschen Islamisten im Iran unter Kontrolle der Behörden. Offenbar gelangt er später wieder nach Pakistan.

Mai 2012:

In der pakistanischen Provinz Balutschistan, zwischen der Stadt Quetta und der Grenze zum Iran, wird Naamen Meziche von pakistanischen Sicherheitsbehörden festgenommen. Der Geheimdienst ISI verhört ihn wochenlang, bevor pakistanische Ermittler die Festnahme Mitte Juni 2012 bekannt geben. Meziche habe sich "wahrscheinlich nach Somalia" absetzen wollen, sagt ein hochrangiger Sicherheitsbeamter.

Da der Terrorverdächtige französischer Staatsbürger ist, ist mit seiner Auslieferung nach Frankreich zu rechnen. Seine Frau lebt mit der neunjährigen Tochter und dem achtjährigen Sohn in Hamburg.