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Stern Investigativ - Rüstung und Militär

Prozess gegen mutmaßlichen Al-Kaida-Helfer: Der Schläfer, der in Deutschland bomben sollte

Als Mitglied einer Hamburger Islamistenzelle soll er nach Pakistan gereist und sich dem Terrornetz al Kaida angeschlossen haben. Jetzt steht er in Koblenz vor Gericht. Laut Anklage war der Deutsch-Afghane Ahmad Wali Sidiqi für Anschläge in Deutschland vorgesehen.

Von Johannes Gunst

Höflich beantwortet der kleine Mann die Fragen der Richterin. Wenn ihm ein böses Wort herausrutscht, entschuldigt er sich. Er trägt einen feinen Anzug, seine Haut ist glatt rasiert, die Haare glänzen dicht und schwarz. Ahmad Wali Sidiqi erinnert an einen Bollywood-Schauspieler, doch er ist Deutschlands wichtigster Zeuge über das Innenleben al Kaidas.

Seit Montag muss sich der 37-Jährige vor dem Oberlandesgericht Koblenz verantworten. Sidiqi war, so lautet der Vorwurf, zunächst Mitglied der Terrororganisation "Islamische Bewegung Usbekistan" (IBU), wechselte später zur al Kaida und sollte eine Schläferzelle in Deutschland aufbauen. Im Juli 2010 nahmen ihn US-Spezialkräften in Kabul fest.

Honigfrabrik oder Terrorcamp?

1990 kam der gebürtige Afghane als Kriegsflüchtling nach Hamburg. Sidiqi fixiert die Vorsitzende Richterin, sagt: "Ich wollte keine Schande für meine Familie sein. Ich wollte was werden, unbedingt." Daraus wurde nichts. Nachdem er jahrelang für eine Putzfirma am Hamburger Flughafen malocht hatte, scheiterte Sidiqi mit dem Versuch, ein eigenes Reisebüro zu betreiben. Als er seine Miete nicht mehr zahlen konnte, die Schulden ihn zu erdrücken drohten, da suchte er Trost in der Religion: "Irgendwie hatte mich das Glück verlassen. Ich wollte Hilfe von Gott."

In der berüchtigten Al-Quds-Moschee am Hamburger Steindamm lernte Sidiqi damals diejenigen Hardcore-Islamisten kennen, mit denen er im Frühjahr 2009 in Richtung Pakistan aufbricht. Ursprünglich habe er vorgehabt, dort in einer Honigfabrik zu arbeiten, erzählt Sidiqi vor Gericht in Koblenz. Als die beiden Bundesanwälte das hören, werfen sie sich einen spöttischen Blick zu. Sidiqi landete im Terror-Camp, davon sind sie überzeugt.

Während der Deutsch-Afghane am Hindukusch offenbar den Umgang mit Mörsern und Panzerabwehrwaffen lernte, reifte in den Köpfen der Al-Kaida-Paten ein bedrohlicher Plan: "Spätestens Anfang 2010", so heißt es in einem aktuellen Urteil des Bundesgerichtshofes, "entschloss sich die Führungsebene von al Kaida, auch die Bundesrepublik Deutschland mit terroristischen Anschlägen zu überziehen."

Anwerbung vom Al-Kaida-Außenminister

Hinter diesem Ziel steckte maßgeblich ein Mann: Scheich Younis al-Mauretani. Der mittlerweile festgenommene Scharia-Gelehrte fungierte als eine Art "Außenminister" der Terrororganisation. In einem weißen Toyota mit getönten Scheiben tourte er durch Waziristan. An einem Sommertag im Jahr 2010 hielt er vor dem Haus von Ahmad Sidiqi.

Mauretani wollte ihn für sein neues europäisches Netzwerk gewinnen. Nur wenige Wochen zuvor hatte Sidiqi in einem vom BKA abgehörten Gespräch mit seiner Mutter beklagt, wie schlecht er in Deutschland früher behandelt worden sei: "Die Scheiß-Gottlosen, ich spucke ihnen ins Gesicht; wenn ich sie in die Finger bekomme, reiße ich ihnen den Kopf ab!" Nun wollte Mauretani ihn zurückschicken in das Land der Ungläubigen. Sidiqi war bereit.

Eine Woche lang lernte er vom Scheich aus Mauretanien, wie sich mithilfe eines konspirativen Kommunikationssystems verschlüsselte Nachrichten austauschen lassen.

Schweigegelübde über Terrorpläne

Sidiqi sollte anschließend gemeinsam mit seinem Kumpel Rami Makanesi in Deutschland Geld sammeln für al Kaida und sich bereithalten, um "Aufträge" entgegenzunehmen. "Es liegt nahe, dass es sich hierbei um terroristische Anschläge handelt", sagt Bundesanwalt Ulrich Schultheis. Ziel des Plans sei die Schädigung der europäischen Wirtschaft, deutete Mauretani gegenüber Sidiqi an.

Zu jenem Zeitpunkt lag ein entsprechendes Strategie-Papier des Al-Kaida-Außenministers längst auf dem Schreibtisch von Osama Bin Laden.

Seinen deutschen Rekruten hat Mauretani zum Abschluss des Unterrichts einen Schwur abgenommen. Sie legten, so erinnerte sich Sidiqi später gegenüber BKA-Beamten, jeweils eine Hand auf die Hand des Scheichs und versprachen, niemandem etwas von dem gemeinsamen Vorhaben zu erzählen.

Angeklagter will umfasend aussagen

Die Verhöraussagen der im Sommer 2010 festgenommenen Sidiqi und Makanesi versetzten damals ganz Europa in Terrorangst. Sidiqi schmort seitdem in Einzelhaft. Seine Zelle auf dem US-Militärstützpunkt Bagram in Afghanistan sei so niedrig gewesen, dass Sidiqi darin nicht aufrecht stehen konnte, beschwert sich heute sein Rechtsanwalt. Außerdem sei sein Mandant beschallt worden, um die Aussagebereitschaft zu erhöhen.

Von all den Strapazen hat sich Sidiqi, der seit letztem April in Hamburg einsitzt, offenbar gut erholt. Er lächelt und scherzt vor Gericht, will umfangreich aussagen. Als ihn die Bundesanwälte daran erinnern, dass er von Waziristan aus in einem Telefongespräch prahlte, er würde mit seinen Brüdern auf die "Ärsche" der Amerikaner schießen, verwandelt sich sein Gesicht in ein breites Grinsen.

Johannes Gunst / print