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Stern Investigativ - Wirtschaftskriminalität

Holzmanns Liechtensteiner Konto: Die schwarzen Kassen des Pleitekonzerns

War das Schmiergeld? Nach stern-Recherchen unterhielt der nunmehr abgewickelte Baukonzern Holzmann in Liechtenstein schwarze Kassen - bis heute ist unklar, wo Teile des Geldes verblieben sind.

Von Johannes Gunst

Kurz vor Mitternacht knallen die Korken. Hunderte Holzmann-Mitarbeiter rufen wie im Rausch "Gerhard, Gerhard" und singen die deutsche Nationalhymne. In letzter Sekunde hat Kanzler Schröder ein Rettungspaket geschnürt und die drohende Pleite des Baukonzerns abgewendet - zumindest vorerst.

Was die Holzmann-Arbeiter zu diesem Zeitpunkt, im November 1999, nicht wissen: Während sie sich zu umfangreichen Gehaltseinbußen bereit erklären, befinden sich noch rund 400.000 US-Dollar auf einem geheimen Liechtensteiner Treuhandkonto, wie der stern in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Aus vertraulichen Dokumenten lässt sich rekonstruieren: Es war noch viel mehr, zwischenzeitlich lag ein zweistelliger Millionenbetrag auf dem ominösen Konto.

"Es war, als ob wir mit der Büchse rumliefen und überall Cash einsammelten, wo noch was zu holen ist", erinnert sich ein Mitglied der damaligen Holzmann-Führungsriege. "Wir durchforsteten das undurchsichtige Geflecht aus hunderten Projekt- und Beteiligungsgesellschaften. Dabei sind wir auch über die Liechtensteiner Sabbia AG gestolpert." Aus der offiziellen Buchhaltung wurde die Holzmann-Tochter stets herausgehalten. Die Suche der Spuren der zwielichtigen Gesellschaft ist mühsam. In einem Aktenvermerk der fürstlichen LGT Treuhand heißt es: "Die Informationsfindung im Philipp Holzmann Konzern betr. Sabbia gestaltet sich recht schwierig, da lauter in der Zwischenzeit wie auch immer ausgeschiedene Personen damit betraut waren, von Vorstandsmitgliedern bis 'Knappen'."

Offenbar wurden Millionengewinne kaschiert

Am 24. Januar 2001 machen sich deshalb zwei Abgesandte des klammen Baukonzerns auf den Weg nach Liechtenstein. Ihre Mission: Sie sollen in Erfahrung bringen, was es mit der Sabbia AG auf sich hat - und den Rücktransfer des geheimen Bankguthabens auf die offiziellen Holzmann-Konten in die Wege leiten.

Im nüchternen Besprechungsraum der LGT Treuhand-Zentrale in Vaduz gibt Werner O. Auskunft. Er zeigt seinen erstaunten Besuchern Schweizer Bankbelege und eine Vielzahl verdächtiger Verträge. Vertrauliche Protokolle dieses Gesprächs und stern-Recherchen zeigen: Offenbar wurde die mysteriöse Sabbia AG zuletzt benutzt, um Millionengewinne zu kaschieren. Ein Joint Venture aus Holzmann und dem amerikanischen Baukonzern Harbert International hatte in den 90er Jahre den Zuschlag erhalten, die Kanalisation der Stadt Kairo zu modernisieren. Vor der Auftragsvergabe kam es nicht nur zu illegalen Preisabsprachen - über ein sogenanntes "Sale and Lease Back Geschäft" mit Baumaschinen erwirtschaftete man anscheinend 10,8 Millionen US-Dollar verdeckten Extra-Gewinn. Dieses Geld gelangte auf das Treuhandkonto der Sabbia AG. Der Großteil, 10,4 Millionen Dollar, floss schon bald weiter an die Schweizer Briefkastenfirma Salega – einem LGT-Aktenvermerk zufolge stand auch sie unter der Kontrolle von Holzmann. Laut Schweizer Handelsregister wurde die Salega im Oktober 1998 gelöscht. Der Verbleib der über das Fürstentum transferierten Millionen ist ungewiss. Lediglich ein mittlerer sechsstelliger Restbetrag aus dem Deal wurde Jahre später auf dem Konto der Liechtensteiner Sabbia AG "wiederentdeckt".

Schmiergeldzahlungen im arabischen Raum

Die Wurzeln der Gesellschaft reichen weit zurück. "Das 'SA' im Namen steht für Saudi Arabien“, erzählt der langjährige Chef der Holzmann-Finanzabteilung. Mehr will er nicht verraten. Holzmann war früher im Nahen Osten eine große Nummer. Ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert sich: "Es wurde gemunkelt, man habe keinen größeren Auftrag bekommen, ohne nicht zuvor den verantwortlichen Scheichs einen persönlichen Check in die Hand gedrückt zu haben."

Rechtsanwalt Timm Diestel, bei der mittlerweile endgültig insolventen Philipp Holzmann AG zuständig für die Abwicklung der Auslandskonten, bestätigt gegenüber stern.de: "Nach unserer Erkenntnis war die liechtensteinische Holzmann-Tochter Sabbia AG seit den 1970er Jahren eine zentrale Drehscheibe für verdeckte Schmiergeldzahlungen im arabischen Raum. Als in den frühen 90ern von dort immer weniger Aufträge kamen, wurde die Treuhandfirma offensichtlich nicht mehr gebraucht." Bis 2002 seien Schmiergeldzahlungen im strengen juristischen Sinne kein Straftatbestand gewesen. "Trotzdem wollte man solche Vorgänge natürlich geheim oder zumindest vertraulich halten", sagt Diestel.

Im Februar 2009 hat bei dem insolventen Holzmann-Konzern die Auszahlung an die Gläubiger begonnen. 1,5 Milliarden Euro Forderungen wurden als berechtigt anerkannt. 84 Millionen Euro sind bislang ausgeschüttet worden. Zum 30.12.2002 wurde die Sabbia AG nachweislich liquidiert. Im Zuge dessen sind laut Bankbelegen, die stern und stern.de vorliegen, 119.371,12 Euro auf das reguläre Holzmann-Konto bei der Deutschen Bank transferiert worden. Wo sich der Rest der Millionengewinne aus dem Baumaschinen-Deal von Kairo heute befindet, bleibt unklar.

Johannes Gunst
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