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Stern Investigativ - Wirtschaftskriminalität

Neue Details im Fall Zumwinkel: Bargeld fürs Schloss am Gardasee

Bislang unveröffentlichte Dokumente zeigen, wie genau Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel seinen Steuerbetrug organisierte und wie ihn die Liechtensteiner LGT Treuhand dabei unterstützte.

Von Johannes Gunst

Es gibt Momente, da liegen Triumph und Niedergang eng beisammen. Der 10. März 2003 ist so ein Tag im Leben von Klaus Zumwinkel. Die Zeitungen sind an diesem Montag voll mit positiven Meldungen über den beliebten Post-Chef: Anscheinend hält auch die Deutsche Telekom große Stücke auf Zumwinkel, in Kürze will sie ihn zum obersten Aufsichtsrat wählen. Ein weiterer Höhepunkt in der Karriere des Mannes, der aus der verstaubten Bundespost die moderne Deutsche Post AG geformt hat.

Am selben Montag, weniger als 300 Kilometer Luftlinie entfernt vom gläsernen Bonner Post-Tower: In einem Amsterdamer Bed&Breakfast entdeckt Heinrich Kieber erstmals die Unterschrift des berühmten Deutschen. Sie prangt auf einem der vertraulichen Dokumente, die der Liechtensteiner zuvor gestohlen hat. Dies geht aus dem Buch Kiebers hervor, das dem stern vorliegt und das der Datendieb am Sonntag, den 8. August 2010 online stellen will. Kieber war bei der fürstlichen LGT Treuhand AG zuständig für das Digitalisieren der sensiblen Kundendaten. Hunderte von deutschen Millionären hatten bei der LGT ihr Vermögen vor der deutschen Steuer versteckt. "Wenn der wüsste, was hier vor sich geht", denkt sich Kieber, als er über die Unterschrift von Zumwinkel stolpert. Nach seiner Entdeckung schließt er die Tür seines Amsterdamer Pensionszimmers von innen ab und legt sich schlafen.

Das älteste Dokument zur Person Zumwinkel in Kiebers Datensammlung stammt vom 14. März 1986: Der Gründungsauftrag für die Stiftung "Devotion Family Foundation" mit Sitz in Vaduz, der 5000-Seelen-Hauptstadt des Fürstentums Liechtenstein. Einziger Begünstigter laut "Beistatut": Dr. Klaus Zumwinkel, zumindest solange er lebt. Eingetragener Stiftungszweck: "Vermögensverwaltung". Man könnte auch sagen: Vermögensvermehrung, unentdeckt vom deutschen Fiskus. Bis Ende 2006 häuft Zumwinkel auf diese Weise 11,8 Millionen Euro an. Hinterzogene Steuern allein im später als strafrechtlich relevant eingestuften Zeitraum 2002 bis 2006: knapp eine Million Euro.

"Ein sehr sensibler Kunde!!!"

Als Post-Chef hat Zumwinkel die Internationalisierung der einstigen Bundesbehörde vorangetrieben. Diese Haltung spiegelte sich auch in seinem versteckten Liechtensteiner Wertpapierdepot wieder: Staatsanleihen aus Argentinien, Mexiko und Brasilien lagen neben Papieren aus Kanada, Irland und der Türkei. Auch ein paar solide Bundesanleihen besaß Zumwinkel. Zum Stichtag 30.06.2002 im Wert von genau 271.905,02 Euro. Paradoxe Situation: Deutschland als Anleihenausgeber verpflichtete sich Zumwinkel gegenüber Geld zurückzuzahlen, obwohl dieses Geld als Steuerschuld rechtmäßig dem Bund zustand.

Die Causa Zumwinkel wurde von seinen Liechtensteiner Treuhändern schon frühzeitig mit ganz besonderer Vorsicht behandelt. Das zeigen interne Unterlagen der LGT, die dem stern und stern.de exklusiv vorliegen. So findet sich beispielsweise in einem Aktenvermerk vom 26.4.2000 der fettgedruckte Hinweis: "Z darf nie von uns kontaktiert werden!" Wollte Zumwinkel, laut LGT ein "sehr sensibler Kunde!!!", selbst Kontakt aufnehmen, musste zunächst das geheime Codewort abgeglichen werden: "Abels".

120.000 Euro Cash in der Tasche

Als der gefeierte Post-Sanierer im Frühjahr 2000 auch sein privates Domizil in Italien auf Vordermann bringen will, besorgt er sich das nötige Kleingeld hierfür in Liechtenstein: 225 Millionen Lire (knapp 120.000 Euro) für die Renovierung des Familienschlosses am Gardasee. Doch wie soll der heikle Geldtransfer abgewickelt werden? Diskutiert wird z.B. die "Vergütung auf ein persönliches Konto im Tessin". Am Ende entscheidet man sich gegen diese Variante: "Z darf seine Person nicht exponieren, zumal sein Konto in Italien offiziell gespeist wird!" Stattdessen nimmt Zumwinkel das ganze Geld in bar mit. Eine heikle Entscheidung: Mit soviel Cash in der Tasche riskiert er an der Grenze aufzufliegen. Zum Glück ist gerade viel los auf den Straßen, "die hohe Frequenz des Osterverkehrs" dürfte das Entdeckungsrisiko mindern, notiert später Zumwinkels Bankberater. Doch nicht nur über solche brisanten Details führen die LGT-Mitarbeiter akribisch Protokoll. Auch ganz profane Dinge werden festgehalten: Bei Zumwinkels Besuchen in Liechtenstein sei "jeweils ein kleiner Lunch zu organisieren". Bevorzugt gibt es Sandwiches.

Als die Steueroase Anfang des Jahrtausends schon einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerät, ist Zumwinkel besorgt. Am 10. Januar 2001 muss ihn seine LGT-Vertrauensperson damit beruhigen "dass aufgrund der Handhabung in unserem Hause das Risiko einer Anonymitätseinbuße (...) quasi null ist". Anschließend bedankt sich Zumwinkel "für die eingehende Beratung". Laut der nach Zumwinkels Besuch aktualisierten Dienstanweisung darf in Telefonaten zwischen LGT-Angestellten und dem Post-Chef von Letzterem nur "als Drittperson" gesprochen werden. Tabu ist etwa die Frage, wann Zumwinkel in Liechtenstein eintrifft. Stattdessen sollen die Treuhand-Mitarbeiter konspirativ vorfühlen: "Wann kommt denn Ihr Bekannter?" Für den Fall, dass der "Bekannte" Zumwinkel Bargeld für sein Stiftungskonto im Gepäck hat, gilt die Anweisung: "Bareinzahlungen des Kunden immer maschinell vor seinen Augen vornehmen."

20 Millionen Euro Pensionsansprüche

Dem Schloss am Gardasee, für das Zumwinkel damals Cash in Liechtenstein besorgte, hat der Post-Chef a.D. einstweilen den Rücken gekehrt. Im April 2009 war zu hören, Zumwinkel wolle sich als "Unternehmer und Investor" in London niederlassen. Zu den Details Zumwinkels aktueller Tätigkeit wollte sich sein Anwalt gegenüber stern.de nicht äußern. An Startkapital dürfte es ihm jedenfalls nicht mangeln: Kurz vor dem Abflug nach London hatte sich Zumwinkel seine 20 Millionen Euro schweren Pensionsansprüche von der Deutschen Post auszahlen lassen.

Johannes Gunst