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Stern Investigativ - Wirtschaftskriminalität

Steuersünder-Affäre: Wie Geld stiften geht

Neue Akten aus Liechtenstein zeigen: Auch Schmiergelder von Konzernen flossen über die Steueroase.

Von J. Gunst, N. Plonka, O. Schröm und D. Liedtke

An diesen Tag erinnert sich Datendieb Heinrich Kieber besonders gern: Bei einem langen Spaziergang am Ufer eines Berliner Sees doziert er über das kriminelle System der fürstlichen LGT Treuhand.

Seine Stimme überschlägt sich, endlich kann er mit seinem Wissen auftrumpfen. Kieber hat einen aufmerksamen Zuhörer:

Peter B., Vorsteher der Wuppertaler Steuerfahndung. Der knorrige Westfale ist ein erfahrener Jäger der Millionäre, die ihr Geld vor dem Fiskus verstecken.

Was Kieber ihm 2006 in Aussicht stellt, sind Daten von 2800 Deutschen, die mithilfe der LGT in Liechtenstein rund drei Milliarden Schweizer Franken bunkern.

Versteckt in 1400 Anstalten, Stiftungen und Briefkastenfirmen (stern Nr. 32/2010). Und Kieber liefert nicht nur die Daten, sondern gewährt Peter B. auch Einblicke ins Innerste der Liechtensteiner Treuhand. Er hat sein Insiderwissen über Regelverstöße, Verschleierungstaktiken und perfide Tricks in einem Handbuch zusammengefasst.

13 Staaten bekamen das explosive Paket

Es soll den Steuerfahndern helfen, sich durch Hunderttausende Dokumente zu kämpfen. Die Daten hatte Kieber geklaut, während er das Kundenarchiv der LGT digitalisierte, und später dem Bundesnachrichtendienst angeboten. Der BND vermittelte ihn an Peter B. und sein Expertenteam. Begeistert stimmt Peter B. dem Deal zu. Kieber erhält fünf Millionen Euro.

An insgesamt 13 Staaten liefert er sein explosives Paket aus Daten und Handbuch. Seine Informationen dokumentieren nicht nur Steuerbetrug, sondern geben auch Hinweise auf Schmiergeldzahlungen multinationaler Konzerne bei Firmenübernahmen und Auftragsvergaben.

Unterlagen, die dem stern vorliegen, gewähren Einblick in die zwielichtigen Methoden des Schweizer Elektroriesen Asea Brown Boveri (ABB) und seiner Geschäftspartner.

"Steuerneutral"

Im Jahr 2001 schluckte ABB den französischen Automatisierungsspezialisten Entrelec. Nach erfolgreicher Übernahme brüstete sich Entrelec-Chef Pierre Bauer gegenüber den Aktionären: "Diese Entscheidung wird unsere Weiterentwicklung garantieren und Entrelec stärker machen." Was die Anteilseigner nicht wissen:

"Aus dem Verkauf wie aus den Gewinnen flossen PB Vermögenswerte in Form von Bonifikationen im Umfange von ca. EUR 20 Mio. steuerneutral zu", notierte dessen Kundenberater in einem Aktenvermerk. "Steuerneutral" ist bei der LGT eine Standardumschreibung für Schwarzgeld. Ein Drittel von Pierre Bauers Bonus, so heißt es in der LGT-Akte, "soll für seine Familie steuerlich offen gelegt werden", ein Drittel "möchte er als Risikokapital investieren", und ein Drittel "soll in eine neu zu errichtende Stiftung fliessen".

Er taufte sie Avenger.

Unbemerkt ins Steuerparadies Liechtenstein

Es war nicht das erste Mal, dass ABB-Gelder in einer obskuren Stiftung bei der fürstlichen LGT landeten. 1994 erhielt der Schweizer Konzern einen 150- Millionen-Dollar-Auftrag in Indien.

ABB wurde am Bau eines Petrochemiekomplexes beteiligt.

Die indische Unternehmerfamilie Jain hatte das vermittelt. Dafür kassierte sie zehn Millionen Dollar.

Das Geld sollte unbemerkt ins Steuerparadies Liechtenstein transferiert werden. Virendra Jain, heute Vizepräsident beim indischen Großkonzern Jai, gab die Gründung mehrerer Tarnfirmen in Auftrag, sogenannter Single-Purpose-Gesellschaften, Sitz: British Virgin Islands.

Die Aktivitäten solcher Briefkastenfirmen beschränken sich meist auf einen einzigen Vorgang.

Sie stellen offizielle Rechnungen aus für inoffizielle Zahlungen. Die Gründung von Single-Purpose-Gesellschaften sei für die Kunden natürlich teuer, heißt es in Kiebers Handbuch, "aber trotzdem sehr billig im Vergleich zu den enorm ersparten Steuern und anderen Abgaben, Zahlungen oder Verpflichtungen, die der Kunde sonst leisten müsste". Die LGT liefere dafür ein Rundum-sorglos- Paket: Sie gründet und löscht Briefkastenfirmen im Auftrag ihrer betuchten Klienten. Weniger ängstlichen Anlegern stelle sie ein eigenes Netzwerk aus Tarnfirmen zur Verfügung.

"Keine exponierten Personen"

Aber auch die LGT Treuhand hat ihre Prinzipien, zumindest auf dem Papier. "Keine Geschäfte mit ethisch problematischem Hintergrund:

Porno, Waffen, Drogen, Pyramidenspiele, nicht-anerkannten Religionsgemeinschaften etc.", heißt es in internen Schulungsunterlagen.

Die "Geschäftspolitischen Grundsätze" fordern außerdem:

"keine exponierten Personen" im Kundenkreis. Dagegen verstieß die LGT nicht nur im Fall von Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel.

Aktenvermerke der Treuhänder belegen, dass der frühere Präsident von Indonesien, Diktator Hadschi Muhammad Suharto, eine geheime Stiftung in Liechtenstein besaß. Ebenso Mitglieder der Porsche-Dynastie, wie Ernst Piëch, Bruder des derzeitigen VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch.

Nutznießer ist meist der Gründer selbst

Auch der deutsche Traditionskonzern Philipp Holzmann AG, für den einst Kanzler Gerhard Schröder medienwirksam Staatshilfen organisierte, unterhielt eine bisher unbekannte Gesellschaft im Fürstentum, die Sabbia AG. Zuletzt wurde sie in den 90er Jahren von einem deutschamerikanischen Joint Venture benutzt, um 10,8 Millionen Dollar Extragewinn zu kaschieren, der aus dem Neubau der Kanalisation von Kairo stammte. 10,4 Millionen davon flossen an eine Schweizer Briefkastenfirma ab. 1999, als sich Holzmann-Arbeiter zu einem umfangreichen Gehaltsverzicht bereit erklärten, lagen rund 400 000 US-Dollar auf einem Treuhandkonto der LGT. Der Insolvenzverwalter mag die Summe nicht bestätigen. "Mittlerweile", sagt er, "wurden alle bekannten Auslandskonten von Philipp Holzmann erfasst und werden selbstverständlich auch versteuert." Wie LGT-Aktenvermerke zu solchen Transaktionen, Abkürzungen und Dossiers zu interpretieren sind, beschreibt Datendieb Kieber in seinem Handbuch. Der sozial und edel klingende Begriff "Stiftung" steht im LGT-System für höchst eigennützige Geldanlagen.

Nutznießer sind meist der Gründer selbst, seine Frau oder Kinder. Wer der Begünstigte ist, muss bei Einrichtung einer Stiftung auf einem gesetzlichen Bankmeldeformular angegeben werden.

Laut Kieber setzte die LGT manchmal wider besseres Wissen das Rote Kreuz Paris oder andere "neutrale Erstbegünstigte" ein - "man will ja den Kunden nicht verlieren". Natürlich sei nie auch nur ein Euro an solche Scheinbegünstigten geflossen.

Nach Kiebers Enthüllungen

Die Fiduco Treuhand AG, wie sich die LGT Treuhand inzwischen nennt, weist zurück, jemals solche Praktiken angewandt zu haben. Seit 2002 seien auch keine "Vermögensüberträge über eigene Single purpose vehicles mehr durchgeführt" worden. Im Klartext:

Treuhand-eigene Briefkastenfirmen waren nicht mehr eingeschaltet.

Nach Kiebers Enthüllungen hat Liechtenstein zahlreiche bilaterale Abkommen unterzeichnet, um bei der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) von der Schwarzen Liste der Steueroasen gestrichen zu werden. Auch mit Deutschland wurde solch ein Vertrag geschlossen. "Die Abkommen haben vor allem einen Placeboeffekt", sagt Ingo Heuel, Vizepräsident des Bundesverbandes der Steuerberater. "Die neuen Gesetze lassen zahlreiche Schlupflöcher." Die Staatsanwaltschaft Bochum ermittelt gegen viele ehemalige LGT-Mitarbeiter.

Ihre Namen, von der Sekretärin bis zum Manager, fanden sich in dem Material, das Kieber lieferte.

Die Fiduco ließ sich dadurch nicht abhalten, die Mitarbeiter weiterzubeschäftigen.

Treuhänder haben Angst, Liechtenstein zu verlassen

"In jedem qualifizierten Dienstleistungs- und Beratungsgeschäft wünschen und verlangen Kunden bekanntlich Kontinuität." Mit "wenigen Ausnahmen" seien deshalb "alle, die damals bei der LGT Treuhand AG tätig waren", übernommen worden.

Manche duzen sich noch mit den Kunden. Gemeinsame Urlaube seien aber "absolute Ausnahmefälle" gewesen, "die von der Geschäftsleitung bewilligt werden mussten".

Heute stößt solche Kundenpflege auf ein kleines Problem. Viele Treuhänder haben Angst, Liechtenstein zu verlassen, fürchten, im Ausland festgenommen zu werden.

Die LGT Group verhandelt deshalb mit der Bochumer Justiz.

Mit einer zweistelligen Millionensumme will sie die ehemaligen Mitarbeiter freikaufen.

J. Gunst, N. Plonka, O. Schröm und D. Liedtke / print