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stern trifft Skandal-Profi René Schnitzler: "Damokles oder wie heißt dieses Schwert?"

Der Vorwurf: Unterstützung einer kriminellen Bande. René Schnitzler, einst Stürmer des FC St. Pauli, steht am Dienstag beim Wettskandal-Prozess vor Gericht. Der stern traf ihn in seiner Heimat.

Von Wigbert Löer und Oliver Schröm

Ortstermin am Niederrhein: Dort trainiert Skandal-Profi René Schnitzler einen Bezirksligisten. Ab Dienstag steht er in Bochum als Angeklagter im Wettskandal-Prozess vor Gericht.

Ortstermin am Niederrhein: Dort trainiert Skandal-Profi René Schnitzler einen Bezirksligisten. Ab Dienstag steht er in Bochum als Angeklagter im Wettskandal-Prozess vor Gericht.

Sie haben ein Spielchen gemacht, acht gegen acht. Nun müssen sich die Verlierer nebeneinander auf die Torlinie stellen. Die Rücken zeigen zum Feld. Auf der Höhe des Elfmeterpunkts legen sich die Sieger ihre Bälle zurecht. "Keiner duckt sich weg" , ruft der Trainer. Arschschießen.

Im gelben Schein des Flutlichts fliegen die Bälle scharf geschossen auf die Verlierer. "Zwei Volltreffer", bilanziert der Trainer. Damit endet die Dienstagseinheit des Mönchengladbacher Fußball-Bezirksligisten Rheydter SV, der seit acht Monaten von René Schnitzler trainiert wird. Und der wiederum an diesem Dienstag in Bochum vor Gericht steht.

In Schnitzlers Umkleidekabine hängt der "Verhaltenskodex" des Klubs. Das Papier verlangt Ernsthaftigkeit beim Training, Disziplin und vorbildliches Verhalten. "Hing hier schon, als ich anfing", sagt Schnitzler, bevor er Duschen geht. "Das beschreibt natürlich nicht gerade, wie es in meiner Karriere gelaufen ist."

30 Jahre, spielsüchtig, vor Gericht

Der frühere Profi ist 30 Jahre alt und seit mehr als einem Jahrzehnt spielsüchtig. Er wettete mit Bundesligastars von Bayer Leverkusen. In seiner Zeit als Mittelstürmer des FC St. Pauli durchpokerte er die Nächte in illegalen Zockerrunden. Schnitzler verschuldete sich hochgradig und floh vor Geldeintreibern.

Dem niederländischen Wettpaten Paul Rooij versprach er, Spiele der Zweiten Bundesliga zu verschieben, und nahm dafür Geld. Deswegen steht er nun in Bochum vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, eine kriminelle Bande unterstützt zu haben. Ihm droht eine Haftstrafe von bis zu vier Jahren.

René Schnitzler gab schon 2011 im stern zu, dass er sei von Paul Rooij bezahlt worden sei. Er sagt aber, dass er dafür nicht manipuliert habe. "Das Geld von Paul habe ich Leuten gegeben, bei denen es gesünder war, keine Schulden zu haben", sagt Schnitzler. Er sitzt nach dem Training des Rheydter SV in einem Restaurant in Mönchengladbach, das Steak auf seinem Teller hat er nicht mal halb gegessen. Schnitzler hatte sich nach Ende seiner Profikarriere 2009 auf 125 Kilo gefuttert. Er besaß kaum noch Geld zum Zocken und wirkte, als habe er sich aufs Essen verlegt. Im Moment wiegt Schnitzler 104 Kilo. "Mein Magen ist jetzt kleiner", glaubt er. "Ich habe nicht mehr so viel Hunger." Dafür raucht er Kette.

"Aufbauen konnte ich mir nichts"

Pokerrunden meide er, setze nur ab und zu mal auf Fußballspiele, kleine Beträge. Die hohe Frequenz von Reizen, die das Leben von Spielsüchtigen ausmacht, ersetzt das nicht. Schnitzler hängt vielleicht auch deshalb an seinem Smartphone. Im Restaurant vibriert es unaufhörlich. Er muss mehrfach raus, zum Rauchen. Und zum Wischen, Tippen, Senden.

In dem Verhaltenskodex des Rheydter SV steht: "Wir jammern nicht, sondern nehmen jede Situation als Herausforderung und Ansporn an." Dieser Anweisung kommt Schnitzler noch am ehesten nach. Er hat rheinische Fröhlichkeit über sein Leben gebreitet.

Doch ganz kann auch er die Realität nicht ausblenden. "Damokles oder wie heißt dieses Schwert, das über einem baumelt?", fragt er. Zu Wettmafioso Rooij fuhr er 2008, zwei Jahre später nahm ihn die Polizei eines frühen Morgens in seiner Wohnung fest. 2012 ging ihm die Anklageschrift zu. Drei Jahre hat er seitdem gewartet. Die Hoffnung in ihm wuchs, dass es nicht mehr zum Prozess kommen würde. "Aufbauen konnte ich mir in dieser Zeit nichts. Ich wusste ja nie, ob es nicht bald losgeht vor Gericht." Was er sich gern aufgebaut hätte, sagt er nicht.

Die Frage ist: Kann man ihm Manipulation nachweisen?

Die Staatsanwaltschaft erkennt in Rooij und Mitstreitern wie dem Berliner Ante Sapina und dem Nürnberger Marijo Cvrtak eine kriminelle Bande. Für sie ist der Prozess von hoher Bedeutung: Bochumer Ermittler koordinierten seit 2009 gemeinsam mit Europol einen internationalen Einsatz gegen die Wettmafia. Es gab weltweit Verhaftungen, mehr als 700 Spiele wurden als verschoben eingestuft.

Mit dem Strafverfahren gegen Schnitzler will Oberstaatsanwalt Andreas Bachmann nun beweisen, dass kriminelle Kartelle Spieler und Schiedsrichter nicht nur in Asien, Afrika oder Osteuropa bestochen haben. Den Prozess gegen Paul Rooij, der eigentlich in Hamm geführt werden sollte, will Bachmann mit dem Schnitzler-Verfahren in Bochum zusammenlegen. Beide sollen gemeinsam auf die Anklagebank.

Die Frage ist, ob die Staatsanwaltschaft eine Spielmanipulation belegen kann. Als Zeugen hat sie mehrere ehemalige St.-Pauli-Profis geladen, allesamt Defensivspieler, die zu Niederlagen hätten beitragen können. Auch St. Paulis früherer Torwart Mathias Hain soll aussagen. Hain machte 335 Erst- und Zweitligaspiele. Im Oktober 2008 unterlief ihm in Augsburg in der Nachspielzeit ein auffälliger Fehler, der zur Niederlage seines Vereins führte. Eine Niederlage hatte zuvor Schnitzler Paul Rooij zugesagt. Mathias Hain hat stets zurückgewiesen, das Gegentor absichtlich verschuldet zu haben. Dass sich die Verteidiger belasten, ist ebenfalls nicht zu erwarten. Wie beim Arschschießen nach dem Training wird wohl keiner die Linie der Gruppe verlassen.