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stern exklusiv: Sie wussten Bescheid - Edathy über seine Vertrauten

Wer hat Sebastian Edathy gewarnt? Vor dem Untersuchungsausschuss sagen am Donnerstag die Vertrauten des früheren SPD-Abgeordneten aus. Sie stecken in einem Dilemma.

Von Wigbert Löer und Oliver Schröm

Sagt er die Wahrheit? Sebastian Edathy hat dem Untersuchungsausschuss bereits Rede und Antwort gestanden. Jetzt müssen seine Vertrauten in den Zeugenstand.

Sagt er die Wahrheit? Sebastian Edathy hat dem Untersuchungsausschuss bereits Rede und Antwort gestanden. Jetzt müssen seine Vertrauten in den Zeugenstand.

Es wird wieder spannend – und wohl noch ungemütlicher für die SPD-Spitze: An diesem Donnerstag vernimmt der Untersuchungsausschuss zur Affäre um Sebastian Edathy weitere Zeugen. Es geht dabei immer noch um die Kernfrage: Wer hat den früheren SPD-Abgeordneten zwischen November 2013 und Februar 2014 vor den Ermittlungen gegen ihn gewarnt und sich damit möglicherweise eines Vergehens schuldig gemacht?

Entscheidend ist die Frage, wem man noch glauben kann: Sebastian Edathy oder dem SPD-Abgeordneten Michael Hartmann. Edathy hatte im vergangenen Dezember zuerst im stern und dann vor dem Untersuchungsausschuss erklärt, Hartmann habe ihn ab Mitte November 2013 über die Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten. Hartmann habe damals angegeben, seine Quelle sei der damalige Chef des Bundeskriminalamts Jörg Ziercke, berichtete Edathy. Das SPD-Mitglied Ziercke wiederum bestritt das vor dem Bundestagsausschuss. Edathy belastete auch den SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann: Dessen Büroleiter, so habe es ihm Hartmann erzählt, habe Anfang 2014 ebenfalls von den Ermittlungen gewusst. Auch Oppermann soll dazu demnächst vom Ausschuss befragt werden.

Hartmann bestritt Edathys Schilderung und gab an, er habe sich in dieser Zeit mit Edathy lediglich über dessen bedenklichen Gesundheitszustand ausgetauscht. Bei der Vernehmung wirkte Hartmann aber insgesamt wenig glaubwürdig. Er widersprach sich selbst. Er verblüffte mit immer neuen Erinnerungslücken. Und er sagte, so stellte sich später heraus, die Unwahrheit, als er auch noch auf Nachfrage versicherte, der BKA-Chef Ziercke sei bei seinem 50. Geburtstag zu Gast gewesen.

Edathy über die neuen Zeugen

Um seine Version der Ereignisse zu untermauern, benannte Edathy im geheimen Teil seiner Vernehmung am 15. Januar vier langjährige Vertraute. Sie alle habe er frühzeitig davon unterrichtet, dass Hartmann ihn über die Ermittlungen informiert habe. Dem stern gegenüber nannte Edathy jetzt Einzelheiten.

Mit seinen beiden früheren Büroleitern Maik S. und Dennis N. habe er, so Edathy, "kurz nach dem Parteitag Mitte November in Leipzig ein Sechs-Augen-Gespräch geführt". Auf dem Parteitag habe er erstmals von Hartmann erfahren, dass das BKA sowie die SPD-Spitzenpolitiker Thomas Oppermann und Frank-Walter Steinmeier darüber informiert waren, dass Edathy auf der Kundenliste einer kanadischen Firma stand, die Fotos nackter Jungen übers Internet verschickte. Edathy zum stern: "Wir besprachen das in Berlin und kamen überein, dass ich dringend einen Anwalt bräuchte."

Dennis N. habe ihm dann den Berliner Strafrechtler Christian Noll vorgeschlagen und diesen auch angerufen. "Dennis schilderte Noll grob den Sachverhalt", berichtet Edathy, "und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, für eine öffentlich bekannte Person tätig zu werden. Noll sagte zu, ohne meinen Namen zu kennen."

Rechtsanwalt Christian Noll erfuhr dann laut Edathy erst bei dem von Dennis N. im November 2013 arrangierten Treffen, wer sein Mandant sein würde. Noll wird in Kürze ebenfalls vor dem Untersuchungsausschuss aussagen müssen.

Was Johannes Kahrs vorhatte

Laut Edathy wurde sein früherer Büroleiter Dennis N. im November 2013 auch an seinem neuen Arbeitsplatz für Edathy aktiv. N. hatte inzwischen eine unbefristete Anstellung als Geschäftsführer des Seeheimer Kreises erhalten, einer konservativen Gruppierung innerhalb der SPD-Fraktion, der auch Sebastian Edathy angehörte. Die SPD verhandelte damals nach der Bundestagswahl mit der Union über die Bildung der Großen Koalition – wichtige Posten waren zu besetzen. Der einflussreiche Seeheimer-Chef Johannes Kahrs sprach davon, Edathy zum Vize-Chef der SPD-Fraktion zu machen.

"Als Dennis N. von Kahrs' Absichten erfuhr, bedeute er Kahrs, dass dies keine gute Idee sei ", so Edathy zum stern. Dies habe ihm N. selbst berichtet. "Dennis wusste ja, was ich von Hartmann erfahren hatte: dass Steinmeier und Oppermann bekannt war, dass das BKA mich auf der Kundenliste ausgemacht hatte. Ich hatte also keine Chance mehr auf einen Posten als Vizefraktionschef. Kahrs wollte aber unbedingt, dass ich als ‚Seeheimer' den Job bekam. Dennis informierte ihn deshalb, es stünde etwas mit Internet im Raum." Auch Johannes Kahrs, ein erfahrener Abgeordneter aus Hamburg, wird am Donnerstag als Zeuge vom Untersuchungsausschuss vernommen werden.

Ein Edathy-Vertrauter, der für Hartmann arbeitete

Neben Dennis N. und einem anderen früheren Büroleiter Edathys, Maik S., befragt der Ausschuss auch Bärbel Tewes-Heisicke. Die frühere Landtagsabgeordnete, die zeitweilig auch Vizechefin der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag war, hatte Edathy einst als ihren Mitarbeiter angestellt. Edathy sagte dem stern: "Im Januar 2014 habe ich auch Bärbel Tewes-Heisicke geschildert, was Hartmann mir immer wieder berichtete."

Mit Spannung können die Ausschussmitglieder schließlich den Auftritt von Jens J. erwarten, einem Sozialdemokraten, der Edathy seit vielen Jahren nahe steht. J. kam aus der Vulkaneifel nach Berlin und arbeitete dort für den SPD-Abgeordneten Michael Hartmann. 2013 war er selbst Bundestagskandidat der SPD. Heute ist der 34-Jährige angestellt als Referent in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin.

J. ist für die Wahrheitsfindung im Ausschuss ebenfalls eine wichtige Figur. Edathy zum stern: "Ich habe dem Untersuchungsausschuss mitgeteilt, was Jens J. mir im Februar 2014 gesagt hat: Er solle mir von Michael Hartmann ausrichten, dieser gehe davon aus, dass ich seinen Namen nicht erwähne." Er hätte Hartmann im Zusammenhang mit der Frage, wer ihn gewarnt habe, auch nie erwähnt, so Edathy jetzt, "wenn es nicht zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses gekommen wäre".

Das Dilemma der Zeugen

Die frühere Landtagsabgeordnete Bärbel Tewes-Heisicke ist heute 74 Jahre alt. Sie kann als Zeugin aussagen, ohne dass ihr berufliche Nachteile drohen. Aus der SPD ist sie nach 42 Jahren ausgetreten, nach stern-Informationen im Februar 2014. Da hatte sich der Parteichef Sigmar Gabriel gerade mit scharfen Worten von Edathy distanziert. Obwohl er die Vorwürfe längst kannte, hatte er ihm ein paar Tage zuvor noch in einer SMS angeboten: "Wenn Du Hilfe brauchst, melde Dich."

Die anderen Zeugen allerdings bringt die Ladung vor den Untersuchungsausschuss wohl in die Bredouille. Jens J. und die beiden Ex-Büroleiter standen oder stehen Edathy noch sehr nahe. Sie können seine Version durch ihre Aussagen entscheidend stützen. Sie sind im Ausschuss zudem der Wahrheit verpflichtet.

Gleichzeitig aber arbeiten sie für Sozialdemokraten oder gar direkt für die SPD-Fraktion. Der Partei würden sie schaden, trügen sie mit ihrer Aussage dazu bei, Edathys Version zu untermauern und Hartmann als Lügner zu entlarven. Maik S., Dennis N. und Jens J. werden am Donnerstagmorgen in nicht-öffentlicher Sitzung vernommen. An ihrem Dilemma ändert das jedoch nichts.