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Bücher über demenzkranke Väter Die Pornos der Hochkultur


Sie arbeiten sich an ihren wehrlosen Angehörigen ab: Tilman Jens' und Arno Geigers Geschichten ihrer demenzkranken Väter sind Bestseller, Katja Thimm versucht es nun mit dem gleichen Thema. Es sind intime Enthüllungen über verwirrte Sonderlinge - respekt- und würdelos.
Ein Kommentar von Jochen Siemens

Die Frau lebt heute nicht mehr. Aber ich habe sie noch einmal gesehen, vor ein paar Jahren. Sie war die Mutter meines besten Freundes, bei ihr in der Küche trank ich als Junge Kakao und im Sommer aßen wir Eis. Dann waren wir keine Jungs mehr und zogen weg. Die Frau wurde krank. Demenz. Sie verlief sich in ihrer eigenen Straße und irgendwann kam sie in ein Heim. Da habe ich sie mit ihrem Sohn einmal besucht. Es war nicht schön und ich werde das nie vergessen, den Geruch, die Geräusche, ihr Nachthemd, das alles.

Aber viel wichtiger ist, ich würde nie auf die Idee kommen auch nur eine Sekunde ein Detail oder einen der Sätze von der einst stolzen und dann kranken Frau zu erzählen. Öffentlich im stern oder woanders. Sie war so wehrlos, sie wusste nicht mehr, was die Welt mit ihr machte, sie schaute mich an wie jemand, der von einem untergehenden Schiff an Land blickt. Sie hätte sich, als sie noch gesund war, so geschämt. So wie alle, die nicht wollen, dass die Welt ihnen beim Zerfallen zuschaut. Respekt, Würde, Anstand, Privatheit – alle diese Säulen des Miteinanders fallen einem ein. So wie wir bei Unfällen Tücher vor die Verletzten halten. Oder unsere Krankenzimmer dicke schalldichte Türen haben. Selbstverständlich. Oder?

Schamlose Einblicke

Die Autorin Katja Thimm hat ein Buch über ihren Vater geschrieben, über seine Kindheit und seine Kriegserlebnisse. "Vatertage", neulich saß sie in einer Talkshow und hat leise davon erzählt. Der Autor Arno Geiger hat einen Bestseller über seinen Vater geschrieben, "Der alte König im Exil", auf dessen Cover man einen weißhaarigen Herren in einem Laubwald sieht. Vor ein paar Jahren schrieb auch Tilman Jens, der Sohn des klugen und seit Jahren erkrankten Walter Jens, ein Buch über seinen Vater, er nannte es "Demenz". Auch der Vater von Katja Thimm und der Vater von Arno Geiger sind demenzkrank. Sie vergessen, sie verirren, sie zerfallen im Kopf. Es tut weh, die Bücher ihrer Kinder darüber zu lesen. Aber nicht die Krankheit tut weh, sondern weil sie, die Väter, solche Bücher nicht verdient haben. Sie sind schamlos geschrieben.

Man friert zu erfahren, dass Katja Thimms Vater es eines Abends nicht mehr aus der Badewanne schaffte und die Zugehfrau ihn am nächsten Morgen schlafend darin fand. Dass er es nicht mehr fertigbrachte, Spaghetti auf eine Gabel zu rollen, nicht mehr eine Flasche Wasser aus einem Kasten zu heben. Es ist ein wortreiches und stellenweise selbstbemitleidendes Protokoll des Zerfalls eines Wehrlosen: "In Berlin wird groß gefeiert, die Freundinnen gehen zu dem Fest, das Kleid hängt seit Wochen im Schrank. Ob ich denn komme, fragen die Freundinnen, und die Krankenschwestern erbitten Hilfe."

Wer die Rangordnung von Nebensächlichkeiten nicht kennt, sollte nicht damit spielen. Und wer einen kranken Vater vor sich hat, sollte überhaupt nicht mit Worten spielen, oder? Und man sollte auch die Temperatur von Sätzen kennen und nicht wie Thimm kühl mitteilen: "Keine invasiven Eingriffe, sagen wir. Antibiotikum ja, auch eine Sauerstoffsonde unter der Nase. Aber keine Beatmung." So reden erschöpfte 18-Stunden-Tag-Ärzte in der Nachtschicht. Aber Töchter über ihren Vater?

Verlust der Scham

Glaubt man den Kultur- und Moralhysterikern, leidet unsere Kultur am Verlust der Scham, am Ausverkauf des Intimen. Die Gesellschaft sei pornografisiert, auf Schulhöfen tauschten Schüler schon Hardcore-Filme auf ihren Handys, dem Trash-Fernsehen sei kein Furz und Silikon-Busen mehr fremd, der Niveau-Limbo gehe immer tiefer. Ja, geht er. Aber interessanterweise ist es eine Einweg-Kultur. Teenager schauen sich Pornos an, fallen aber nicht auf dem Schulhof übereinander her. Am Computer spielen sie Killer-Simulationen in hochauflösender Präzision, aber die Zahl der Amokläufer hält sich in Grenzen. Mit dem Niveau, der Schamschwelle zu spielen, heißt nicht, sie zu vergessen. In der Trash-Kultur.

In der Hochkultur ist das anders. Da wird der Ausverkauf seltsam goutiert, da heißt er "Wahrhaftigkeit", "ehrlich", "ins Herz geschrieben" oder "berührend", wie ein Leser bei Amazon über das Buch von Arno Geiger mitteilt. Nun, "berührend" kann auch eine Ohrfeige sein, und so ein ähnliches Gefühl hat man, wenn man die Seiten Arno Geigers liest. Temperaturlos und gelangweilt - "ich helfe ihm beim Anziehen, damit das Prozedere nicht ewig dauert" - macht er sich über seinen Vater und dessen Krankheit her, und unter dem Vorwand, die Demenz erst langsam zu verstehen, schildert Geiger minutiös und auch prätentiös, wie sein Vater verwirrter und verirrter wird. Irgendwann zitiert er Jacques Derrida mit dem Satz, dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt.

Es geht auch anders

Aber Geiger bittet nicht, im Gegenteil, er schreibt weiter. Vom Vater, der die Tiefkühlpizza samt Verpackung in den Ofen schiebt, der eine Gartenmauer einfach mitnehmen will, der immer ans Telefon geht und sofort vergisst, wer angerufen hat. Und von einem Vater, der - brutal gesagt - dem Sohn auf die Nerven geht, besonders in Zeiten als Geiger, wie er schreibt, endlich erfolgreich Bücher verfasste und auf Lesereisen ging. Selbst den Fettnapf seiner Eitelkeit lässt er nicht aus. Ganz nebenbei berichtet er von einem Bonmot seines Vaters, das viel sagt. Ich bin Dichter, sagt der Sohn. Der Vater bohrt sich den Finger in die Nase, "auch ein Finger kann Dichter sein" sagt er, der Vater.

Man muss sich einmal in andere Bücher verlaufen, um zu verstehen wie es anders geht. In Kafkas "Brief an den Vater" oder in Philip Roths "Mein Leben als Sohn". Es sind, verglichen mit Thimm und Geiger, Kathedralen der Einfühlsamkeit, bei Kafka eine Burg der Wut, bei Roth ein Beichtzimmer des Respekts. "Ich werde immer als kleiner Sohn leben, mit dem Gewissen eines kleinen Sohnes, so wie er immer lebendig bleiben wird, nicht nur als mein Vater, sondern als der Vater, der zu Gericht sitzt über alles was immer ich tue." Da schwingt etwas im Herzen, eine Geschichte, eine Liebe.

Krebs, Demenz, Krieg?

Nun kann man Thimm und Geiger oder Jens nicht vorwerfen, dass sie das nicht können, über Liebe zum Vater zu schreiben. Können wenige. Aber man muss ihnen vorwerfen, dass sie es dennoch getan haben und man muss Lektoren und Verlagen vorwerfen, dass sie diese "Stoffe", wie sie es nennen, in den Schlund von Feuilleton-Vermarktung und Betroffenheits-Industrie werfen. Dass junge Buchhändlerinnen schon irritiert fragen "Thimm? War das jetzt Krebs, Demenz oder Behinderung?" - "Nee, Krieg" - "Ach so, das steht dann bei Geschichte." Ist echt so passiert, in Hamburg.

Vor diesen Büchern kannten wir die Väter von Thimm und Geiger nicht. Sie waren Väter, vielleicht gute, vielleicht strenge oder langweilige, vielleicht manchmal auch schlechte Väter. Auf keinem Fall waren sie Verbrecher wie in Niklas Franks Buch über seinen Nazi-Vater oder sonstwie öffentliche Väter. Hätte einer von ihnen im letzten Lichtstrahl, im letzten Aufbäumen seines Geistes noch gesagt "Arno, schreib das auf" oder so, wäre die Lage leicht anders. Aber nur leicht. Davon erzählen die Autoren aber nichts.

Generationenvertrag für die Publizistik?

Bedrückend ist nun, dass wir, das Publikum, diese unbekannten Väter, diese Lebensleister, die nach dem Krieg Kinder erwachsen gemacht haben, die nun schreiben, nur noch als verwirrte, kranke Sonderlinge kennenlernen. Mehr dürfen sie auf der Welt nicht von sich hinterlassen. Sagen die Kinder. Es mag pathetisch klingen, aber auch in der Publizistik sollte es eine Art Generationen-Vertrag geben.

Autoren wie Thimm oder Geiger oder Jens haben sich ihre intimen Erkenntnisse nicht erarbeitet, recherchiert oder fiktiv erschrieben. Sie haben sie nur erlebt, weil sie zufällig Kinder demenzkranker Väter waren. Und die können nun nicht ohrfeigen, protestieren oder mit Enterbung drohen, was die Kinder aus ihrem Leben herausschreiben. Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, was über sie in den Buchläden steht. Ist das in Ordnung? Nein.

Man mag Katja Thimm zugute halten, dass sie um die Krankengeschichte herum die Kriegsgeschichte einer Generation aufgeschrieben hat. Dass sie dieser grauen Zeit der späten Soldaten eine Kontur, ein Erleben gegeben hat. Aber diese Stärken des Buches verschleimen in dem Verrat am kranken Vater. Warum hat sie es nicht einfach weggelassen?

Der Tod der eigenen Geschichte

Und jetzt noch das lausigste Argument, das solche Bücher immer rechtfertigt, die, sagen wir mal, Kirchentags-Keule: Man wolle auf das Schicksal der Erkrankten hinweisen, man wolle eine todgeschwiegene Krankheit öffentlich machen, Mut erzeugen. Ach ja? Mut wofür? Zu stottern, dass man nicht mehr weiß, wer man ist?

Demenz ist der Tod der eigenen Geschichte, das ganze Lebenskapital, das Wissen, der Witz, der Charme im Kopf vermodert. Was bleibt ist eine Hülle, schlimm genug. Wem ist damit geholfen, zu erfahren, dass der kranke Vater Geiger sein eigenes Zimmer nicht erkannte? Oder dass Vater Thimm sich nachts die Schläuche aus dem Körper riss? Den anderen 1,1 Millionen Demenzerkrankten? Wohl kaum. Den Familien, die sie pflegen? Nein, die wissen das selbst. Der Präventiv-Medizin, wenn es sie bei Demenz denn gibt? Blödsinn, der hilft nur Forschung und Fachliteratur. Kurz gesagt, solche Bücher helfen niemandem. Außer dem Schreibdrang der Autoren. Sie haben das teuerste, was sie hatten, das Vertrauen ihrer Väter, billig verkauft. Zu Büchern, Hörbüchern, Talk-Show-Auftritten und zu einem traurigen Andenken an wirre alte Männer, die sie vielleicht gar nicht waren.


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