Interview mit Krimi-Autor Colin Cotterill Organ-Entnahme mit Ehrfurcht


Ein alter Zausel ermittelt gegen seinen Willen als Pathologe. Und das in einem Land, von dem man nichts weiß: in Laos. Colin Cotterill packt in seine Krimis mehr Exotik als jeder andere Autor. Nun erscheint der erste von vier Bänden um den Gerichtsmediziner "Dr. Siri" auf Deutsch. Im Gespräch mit stern.de erklärt der Engländer, wie man in Südostasien Leichen aufschneidet.
Von Andrea Tholl

Mr. Cotterill, für "Dr. Siri und seine Toten" wählten Sie Laos als Schauplatz, das ist durchaus ungewöhnlich.

Dieses Land blieb in der fiktiven Literatur bisher tatsächlich fast unerwähnt, was ich ändern wollte. Man kennt Laos vielleicht als Nebenschauplatz des Vietnamkriegs. Aber die wenigsten wissen, dass im zweiten Weltkrieg auf Laos mehr Bomben geworfen wurden als auf Deutschland und Japan zusammen. Damit gehört es sogar zu den am stärksten zerbombten Ländern dieser Erde.

Außerdem spielt der Roman Mitte der 70er Jahre, kurz nachdem Laos kommunistisch wurde.

Eine sehr faszinierende Zeit. Man braucht im Grunde keine Geschichte mehr zu erfinden, sondern kann einfach erzählen, wie es war. Für einen Ermittler ist es sicherlich schon schwer genug, an einem sicheren und komfortablen Ort zu arbeiten. Wenn man aber - wie Dr. Siri - kaum die alltäglichen Dinge erledigen kann, ohne eine offizielle Genehmigung zu benötigen, wenn reisen kaum möglich ist oder man keine richtige Ausrüstung hat, wird alles zehnmal so schwer.

Bis heute ist Laos ein sozialistischer Einparteienstaat. Hat sich in den letzten Jahrzehnten etwas verändert?

Das Land wurde kommerzieller und gleichzeitig korrupter. Und in den späten 80er Jahren verabschiedete man sich von der Vorstellung, aus dem Land ein kooperatives System machen zu können. Die Armen sind noch immer arm und die Laoten können nicht frei entscheiden, wer sie repräsentiert. Allerdings gibt es neuerdings eine kleine Hoffnung auf kommerziellen Erfolg, wenn man ein Geschäft hat. Laos ähnelt in vielerlei Hinsicht Birma, aber um Laos kümmert sich keiner. Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung wie eine kleine graue Maus.

Ihre Hauptfigur Dr. Siri wird vom Regime zum ersten und einzigen Pathologen des Landes berufen, obwohl er nur ein einfacher Arzt ist. Und der Gute ist bereits 72, also in einem Alter, in dem man sich sonst gemütlich zurückzieht. Muten Sie Ihren Lesern nicht ein bisschen zu viel Exotik zu?

Mag sein. Es herrscht wirklich das totale Chaos. Aber ich mag diese Situation. Der Leser kann Dr. Siri zuschauen, wie er in diesem Durcheinander zurecht kommt, in dem andere verrückt werden würden.

Die Serie umfasst bisher sechs Bände, vier davon werden in Deutschland veröffentlicht, jetzt gerade erscheint der erste. Hatten Sie keine Befürchtungen, sich selbst durch das hohe Alter der Hauptfigur einzuschränken?

Durchaus, aber das habe ich geschickt gelöst, indem zwischen den Büchern immer nur eine Woche oder zwei liegen. Wenn Siris nächstes Lebensjahr vorüber ist, sind wir schon bei Band sechs. Aber selbst, wenn ich ihn umbringe, bedeutet das nicht, dass er ganz weg ist. Der Hauptgrund für diesen Charakter: Diese Generation ist in der Literatur unterrepräsentiert. Meine Mutter ist 82, mein Vater 84. Er ist noch immer sehr aktiv, klettert auf dem Dach herum, rückt Möbel umher. Meine Mutter geht am Wochenende noch tanzen. Wenn ich sie besuche, fühle ich mich wie der älteste Mensch im Haus, weil ich nichts davon tue.

Das bereits erwähnte Übersinnliche spielt eine große Rolle in den Büchern. Dr. Siris Träume weisen ihm oft den Weg zu den Schuldigen. Warum gaben Sie ihm diese Fähigkeit?

In erster Linie wollte ich einen Protagonisten erschaffen, der in der Lage war, ein sensibler Leichenbeschauer zu sein. Er sollte Zugang zu den Menschen haben, die er als Pathologe untersuchen muss. Ich wollte dem Ganzen noch eine weitere Dimension geben. Im Fernsehen sieht man oft Tote, die einfach aufgeschnitten und zersägt werden. Wenn man aber davon ausgeht, dass sie in einem anderen Körper wiedergeboren werden, schneidet man sie respektvoller auf und entnimmt ihre Organe mit mehr Ehrfurcht.

Machen Sie es sich mit dieser besonderen Gabe nicht einfach nur leichter, die Geschichte voranzutreiben? Wenn Siri diese Eigenschaft nicht hätte, hätte er keinen Zugang zu dem Wissen der Toten.

Siri bekommt nur ein bisschen Input. Am Ende löst er die Fälle durch logisches Denken und gesunden Menschenverstand. Aber ohne das übersinnliche Element kann man eben nicht über Südostasien schreiben.

Glauben Sie selbst daran?

Ich glaube, dass manche Menschen die Fähigkeit haben, durch ein Fenster zum Übersinnlichen zu gelangen, ich aber kann das nicht. Vor einiger Zeit lebte ich in einem alten Haus in Laos. Darin wohnte ein Geist, ein alter General, den alle in diesem Dorf sahen. Sie verehrten ihn und legten Obst vor meine Tür. Auch ich wollte ihn gern einmal sehen, aber er ist mir nie erschienen. Leider.

In Ihrem normalen Leben sind Sie also nicht religiös?

Überhaupt nicht. Ich bin Agnostiker oder noch etwas Stärkeres. Religion halte ich für sehr gefährlich. Ich kann zwar verstehen, dass Menschen etwas brauchen, um sich festzuhalten, aber Religion ist nicht das Richtige. Je mehr ich gereist bin und je mehr Religionen ich kennen lernte, desto gefährlicher erschienen sie mir. Der Buddhismus ist noch die ruhigste und logischste von allen. Aber auch da gibt es Korruption, Gewalt, Missbrauch an Frauen und Kindern. Menschen denken, sie könnten mit ihrer Religion diese Dinge entschuldigen. Das können sie aber nicht.

Sie sind in England geboren, waren lange in Australien, Japan, Thailand, Laos, um nur ein paar Stationen zu nennen. Was suchen Sie?

Überhaupt nichts. Ich gehöre einfach zu den Menschen, die nicht an einem Ort bleiben können. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Man kann nur dann innerlich wachsen, wenn man das ganze Komfortable wegpackt und sich in Situationen begibt, in denen man ganz neu beginnen muss.

Vermissen Sie denn nichts und niemanden, wenn Sie gehen - und werden Sie nicht vermisst?

Die Welt ist doch mittlerweile wirklich klein. Man kann skypen, e-mailen, früher schrieb man Briefe und Postkarten. Da ich nicht so liebenswert bin, vermisst mich auch niemand sehr stark. Ich mache meinen Job, verspreche nichts und ziehe weiter. Niemand ist wirklich hochgradig verzweifelt, wenn er mich gehen sieht. Glauben Sie mir.

Jetzt machen Sie sich aber in Thailand sesshaft, haben sogar vor vier Jahren geheiratet. Was hat sich geändert?

Irgendwann hatte ich das Gefühl, jetzt bin ich zufrieden und muss nicht mehr herumziehen. Eine Voraussetzung allerdings war, dass wir beide keine Kinder wollten. Dafür haben wir Hunde. Und das ist schlimmer als ein Leben mit Kindern.

Mit dieser Bemerkung machen Sie sich gerade bei vielen Eltern unbeliebt.

Immerhin sind unsere Hunde zugelaufene Straßenhunde mit psychischen Problemen. Wir wollen sie rehabilitieren, aber das ist unmöglich.

Über viele Jahrzehnte haben Sie an verschiedenen Universitäten Englisch unterrichtet oder Cartoons für Tageszeitungen gezeichnet. Erst mit über Vierzig begannen Sie zu schreiben.

Als ich das erste Mal schrieb, arbeitete ich in einem Kinderschutzprojekt in Phuket. Ich wollte gerne dieses sperrige Thema zu einem Roman verarbeiten, um Menschen über die furchtbare Lage der Kinder aufzuklären. Also beschloss ich, einfach einen Bestseller zu schreiben. Wie schwer sollte das schon sein? Ich fuhr zum Flughafen und kaufte mir dort die fünf meist verkauften Bücher, zum Beispiel eins von Patricia Highsmith. Das war Mitte der 90er Jahre. In den Büchern fand ich so etwas wie eine bestimmte Formel: kurze Szenen, Cliffhanger. Und ich schrieb einen Bestseller, aber niemand kaufte ihn. Zwei weitere folgten. Insgesamt verkaufte ich etwa elf Bücher im Jahr, aber immerhin war ich damals schon so etwas wie ein professioneller Schreiber.

Wann begannen Sie mit Dr. Siri?

Nach diesem Kinderschutzprojekt war ich psychisch wirklich ausgebrannt und ich brauchte ein Jahr Auszeit. Danach schrieb ich den ersten Band.

Mit Hilfe von Schreibkursen und entsprechenden Büchern?

Nein, ich habe einfach geraten. Ich war auch nie ein großer Leser. Mein Schreiben fing mit Kolumnen in Zeitungen an. Aber nur, weil ich meine Illustrationen auf diese Art besser unterbringen konnte. Denn eigentlich wäre ich lieber ein bekannter Comic-Zeichner geworden.

Was passierte dann mit dem ersten Siri-Band?

Ich schickte das Exposé und Textauszüge an über 120 Agenten in den USA, einer biss an und drei Monate später gab es einen Verlag. Ab dem Moment wusste ich, jetzt wird es ernst. Bis dahin hatte ich die Manuskripte immer auf Papiertaschentücher und Bustickets geschrieben.

Wie arbeiten Sie jetzt?

Ich verbringe sehr viel Zeit mit der Recherche der Schauplätze und der Historie. Das eigentliche Schreiben dauert dann nur drei oder vier Wochen. Ich schreibe auf einer einsamen Insel, alles mit der Hand. Danach übertrage ich es in den Computer. Ich muss das so schnell machen, weil ich so ein schlechtes Gedächtnis habe. Ich vergesse sonst, dass ich jemanden in Kapitel drei umgebracht habe und lasse ihn in Kapitel neun wieder auftauchen.

Manche Kritiker ordnen Ihre Bücher dem so genannten "Behaglichen Kriminalroman" zu.

Das macht mich echt sauer. Ich frage mich, wie viele Menschen ich in meinen Büchern noch umbringen muss, um dieses Label loszuwerden. Meine Mutter beispielsweise liest nichts von mir, weil ich zu garstig bin. Wenn das nicht reicht, um dieses Etikett wieder loszuwerden, weiß ich auch nicht.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker