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Leben im Exil Lyrikerin Mascha Kaléko: Sie floh vor den Progromen und schrieb berührende Gedichte im Exil

Mascha Kaléko im Google Doodle
Am 16. September ehrte Google die Dichterin Mascha Kaléko mit einem Doodle
© Google
Mascha Kaléko führte ein Leben zwischen Welten, Ländern und Kulturen. Ihre zarten Gedichte erzählen von Gefühlen und Ängsten, die jeder kennt. Damals als "Gebrauchslyrik" verhöhnt, ist ihr Werk heute höchstes deutsches Kulturgut.

"Ich habe mit Engeln und Teufeln gerungen, genährt von der Flamme, geleitet vom Licht", schreibt Mascha Kaléko in einem ihrer Gedichte. Und tatsächlich liest sich ihre Biographie wie ein stetes Ringen mit dem Leben und der Heimat. Als jüdische Tochter eines Russen und einer Österreicherin flüchtete sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges vor den Progromen ihrer österreich-ungarischen Heimat nach Deutschland. Die Familie zog von Frankfurt nach Marburg, von dort weiter nach Berlin. In der Hauptstadt kam Kaléko in den 20er Jahren mit der künstlerischen Avantgarde der Hauptstadt in Kontakt, zu der unter Anderem Joachim Ringelnatz gehörte. Sie ist 22, als sie ihre ersten Gedichte veröffentlicht. Ihre Rythmen sind zart und weiblich, entgegen ihrer avantgardistischen Herkunft bleiben sie nicht im Gefängnis der Hochkultur. Stattdessen sind sie zugänglich, direkt und handeln von Themen, die jeden berühren: Liebe, Abschied und Einsamkeit, finanzielle Nöte, Sehnsucht und Traurigkeit

"Man hat Mascha Kaléko verglichen mit Morgenstern, Kästner, Ringelnatz, aber das trifft es nicht", schrieb Jan Schulz-Ojala im Berliner "Tagesspiegel". "Sie hat deren Verspieltheit, satirische Schärfe und Sprachwitz, aber es kommt ein Sehnen hinzu, eine zarte Zerbrechlichkeit, die den Atem nehmen kann." Heute erleben Kalékos Lyrikbände eine wahre Renaissance und sie zählt längst zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. "Das ist überhaupt ein wunderbares Phänomen, wie eine Autorin, die längst vergessen war, wirklich eine unglaubliche Reichweite und auch Tiefenwirkung bei ganz, ganz vielen Menschen hat", sagte Johann Hinrich Claussen, Theologe und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), gegenüber dem Deutschlandfunk. 

Mascha Kalékos Gedichte wurden verboten

Während des NS-Regimes wurden Kalékos Werke als „schädliche und unerwünschte Schriften“ von den Nationalsozialisten verboten. "Wir haben keinen Freund auf dieser Welt. Nur Gott", schrieb sie damals. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Sohn emigrierte Kaléko 1938 in die Vereinigten Staaten, später zog die Familie nach Israel. Ihre Exilerfahrungen verarbeitete die Dichterin in eindringlicher Lyrik, die in Nachkriegsdeutschland viel Anerkennung fand.

In ihrer neuen Heimat Israel fühlte Kaléko sich einsam und isoliert, sie beherrschte die Sprache nicht, die Kultur kam ihr fremd vor. 1968 starb ihr Sohn an einer schweren Krankheit in New York, fünf Jahre später endete auch das Leben ihres Ehemannes, des Dirigenten und Musikwissenschaftlers Chemjo Vinaver. In ihrem letzten Lebensjahr fasste die nun 66-jährige Mascha noch einmal den Mut, zu schreiben. Sie kehrte 1974 ein letztes Mal nach Berlin zurück, um aus ihren Gedichten zu lesen. Auf der Heimreise nach Jerusalem verbrachte sie einige Tage in Zürich, wo sie am 21. Januar 1975 an Magenkrebs starb, 14 Monate nach dem Tod ihres Mannes. Auf ihrer Beerdigung auf dem Zürcher „Israelitischen Friedhof“ gab es keine Trauerreden. Stattdessen erklangen alte Gesänge ihres Volkes – das hatte sich die Sterbende so gewünscht.

Quellen: FemBio – Frauen.Biographieforschung, FrauenKulturArchivDeutscher TaschenbuchverlagDer Tagesspiegel, Deutschlandfunk

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sve

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