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Autobiografie "Ganz nebenbei": Die Katastrophe kündigt sich immer wieder an – Woody Allen schreibt über sein Leben

Der Wirbel um dieses Buch war groß: Am Samstag ist Woody Allens Autobiografie "Ganz nebenbei" auch in Deutschland erhältlich. Der Filmemacher spart darin fast nichts aus.

Woody Allen

Regisseur Woody Allen, 1994 für den stern fotografiert.

Puh. Irgendwann bei Seite 350 oder 360 legt man das Buch einen Moment zu Seite. Vor Erschöpfung. Oder anders gesagt, weil es ein Schlachtfeld zum Lesen ist. Voller Trümmer, Schützengräben und Minenfelder die hier Gerichtssäle, Anhörungen, Lügendetektor, Gehirnwäsche, Lügen oder Wahrheiten oder sonstwie heißen. Etwas ungläubig schaut man nochmal auf den Buchtitel, doch, es sind die Memoiren von Woody Allen, einem der größten Regisseure, Schauspieler und Autoren der Filmgeschichte. 

Und ja, wer mit Filmen von Woody Allen aufgewachsen ist, wer "Was sie schon immer über Sex wissen wollten" als prustender Teenager gesehen hat, den Anfangsmonolog von "Manhattan" noch heute auswendig kann, sich als junger Student bei "Annie Hall" auch in Diane Keaton verknallt hatte, Filme wie "Radio Days" und vor allem "Midnight in Paris" etliche Male gesehen hat und und und; wem dieser Mann in Cordhose und mit Hornbrille aus Brooklyn also das cineastische Erleben und Verstehen und vieles darüber hinaus, geprägt hat, der hat auf dieses Buch gewartet.

Und auch wer, wie der Autor dieser Zeilen, Woody Allen für Interviews getroffen hat und Allen einmal mit Blick über die Hamburger Alster fragte: "Wie lebt es sich hier? Können Sie alle ihre Ärzte zu Fuß erreichen? Und haben Sie immer diesen schönen grauen Himmel?", hoffte auf mehr Lebenseinsichten dieses komischen Pessimisten. Unter normalen Umständen.

Was geschah zwischen Woody Allen und Dylan Farrow?

Doch die Umstände sind nicht normal. Das ganze geniale Schaffen, über 50 Filme, Oscars und Bücher des heute 84-Jährigen, ist wie mit nur einem Tropfen Gift durchtränkt. Und schon hier wird es schwierig. Durchtränkt oder durchtränkt worden? Denn es gehört zur Tragödie dieses Lebenswerkes, dass es von einem angeblichen Vorfall im August 1992 bei dem Woody Allen seine damals siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow auf dem Dachboden eines Landhauses sexuell missbraucht, genauer gesagt, gegen ihren Willen berührt haben soll.

Dieser angebliche Vorfall, der trotz zweier Untersuchungen und Ermittlungen nie zu einem Gerichtsverfahren und nie zu einem Urteil geführt hatte, weil die Beweise auf einen erfundenen Vorfall deuteten, sind nun der Schatten und das Gift auf jeder Seite von "Ganz nebenbei". Und es ist der Leidenschaft, aber wie manche meinen, auch der Hysterie einer Missbrauchs- und #metoo-Diskussion zu verdanken, dass manche Kreise und Personen des Kulturestablishments Allen trotz aller Freisprüche nicht glauben und ihn weiterhin für einen Täter halten. Was auch das Buch betraf.

In den USA drohten die Angestellten des Hachette-Verlages mit Streik, sollten die Memoiren bei ihnen erscheinen und auch in Deutschland protestierten eine Reihe von Autoren des Rowohlt-Verlages, der "Ganz bebenbei" herausbringt, gegen die Publikation. "Wir haben keinen Grund, an den Aussagen von Woody Allens Tochter Dylan Farrow zu zweifeln", hieß es in der Erklärung, die damit, das soll hier gesagt sein, aus gemütlichen Schreibersesseln fern und Jahre hinter dem Erkenntnisstand wochenlanger gerichtlicher Ermittlungen, psychologischer Gutachten und sogar Lügendetektor-Tests, was immer man davon halten mag, in den USA zurückliegen.

Schlechte Übersetzung

Woody Allen, und das spürt man schon nach ein paar Seiten, ist davon zermürbt. Er ist alt und viele seiner Worte über seine Jugend, seine Kindheit, seine Anfänge als Gag-Schreiber in New York, alles Geschichten, die er schon in vielen Filmen leichtfüßig und komisch erzählt hat, kommen grauer aufs Papier und sind streckenweise vom deutschen Verlag katastrophal schlecht übersetzt. Woody Allens Sarkasmus und Witz sind etwas alt, man spürt oft die andere Zeit aus der das kommt, es ist sehr old fashioned erzählt, aber musste ein Verlag dafür Worte wie "Flitzpiepen", "Nieselprim", "Tranfunzel" oder "Amors Pfeil in der Pobacke" aus der Abstellkammer der Sprache hervorkramen? Das tut beim Lesen weh.

"Ganz nebenbei"

"Ganz nebenbei" von Woody Allen erscheint bei Rowohlt und kostet 25 Euro.

Und auch wenn sich Allen anfangs Mühe gibt, eine Biografie auszurollen, kündigt er die Katastrophe schon in Nebensätzen immer wieder an, was viele lesenswerte Strecken über seine ersten Filme, seine erstaunlich zahlreichen Affären und erste zwei Ehen, seine amüsante Vorliebe für alles Misanthropische und vieles mehr immer wieder überschattet. Er weiß das und sagt an einer Stelle: "...ich hoffe, Sie haben das Buch nicht bloß wegen dieser Geschichte gekauft." Man darf bei vielen fürchten: Ja.

Und die Geschichte kommt dann. Mit Wucht. Das erste Treffen mit Mia Farrow, die schon nach wenigen Wochen fragte, sie wolle ein Kind mit ihm. Die heiraten wollte, Allen aber nicht. Es seien Alarmsignale gewesen, sagt Allen, die er allesamt übersehen habe. Oder nicht beachtete, weil er Filme, einen nach dem anderen, drehte. Viele davon, einige seiner besten, mit Mia Farrow, einer damals grandiosen Schauspielerin, wie Allen immer wieder sagt. Die langsame Entfremdung und gleichzeitig Allens erwachende Vaterlieben zu den, auch von ihm adoptierten Kindern. Die Geburt von Satchel, der sich später Ronan nannte und der, so ließ es Mia Farrow immer durchscheinen, auch das Kind einer Affäre mit Frank Sinatra gewesen sein könnte. Das liest man und in jedem Satz steigert sich der Wahnsinn aus einer unübersichtlichen Patchwork-Familie mit einer speziellen, mal hysterischen, mal kontrollsüchtigen Mutter.

Nacktfotos von Soon-Yi

Alles kommt vor, wirklich alles. Die Nacktfotos von Farrows Adoptivtochter Soon-Yi, damals schon volljährig und in einer Affäre mit Allen, der Nachmittag des angeblichen Vorfalls, den Allen präzise beschreibt, die Ermittlungen, die Aussagen, die Beweise oder eben Nicht-Beweise, weil, so Allen, ja nichts vorgefallen war. In den USA, so war zu lesen, warf Ronan Farrow, angesehener Investigativ-Journalist, dem Buch vor, es sei nicht auf Fakten geprüft worden. Ein Vorwurf, den man beim Lesen nicht versteht, denn Allen zitiert Zeugen und Gerichtsbeschlüsse und belegt, soweit es geht, seine eignen Erinnerungen. Dennoch haben Allens Zeilen hier ihre Schwächen, denn er versucht immer wieder sarkastisch und manchmal humorig zu sein, was ihm nicht gelingt. Die Sache ist einfach zu ernst. Und zu böse. Und ist sie glaubwürdig? Woody Allen ein Opfer?

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Heikle Frage. Gefühlt: Ja. Die Indizien, die bekannt sind, sprechen für sich. Sicher, es gibt Ermittlungsfehler. Aber wenn, und das Detail lässt Allen nicht aus, der siebenjährigen Dylan Farrow auf Drängen der Mutter bei einem Arzt unter Narkose die Vagina genau untersucht wurde und keinerlei Spuren für Irgendetwas gefunden wurde? Zurück zur Frage. Gefühlt unschuldig. Gewusst? Keiner war dabei. Und das ist ein bitterer Satz, der für viele solche Fälle gilt. Denn es öffnet diesen himmelgroßen Raum, diese Echo-Kammer, selbst gerichtlich widerlegte Vorwürfe immer wieder hervorzuholen. Den Anklägern, denen, die Allens Filme boykottieren oder nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, den Angestellten des Hachette-Verlages, den Rowohlt-Autoren und all den anderen, die auch nicht dabei waren, möchte man eine Frage stellen: Und was ist, wenn wirklich nichts war? Wer räumt den Rufmord-Müll dann weg?

Puh. Nach 70, 80 Seiten Schlachtfeld, kehrt Allen dann in sein Metier zurück. Filme. Man erfährt soviel. Wie "Midnight in Paris" gedreht wurde, warum Scarlett Johansson in "Match Point" eigentlich eine Notbesetzung war, warum Woody Allen seine Szenen nie proben lässt, warum er "Blue Jasmine" eigentlich für nicht gelungen hielt, was er mit Fellini am Telefon besprach und wie er einmal Roman Polanski mit dem russischen Oligarchen Roman Abramowitsch fast verwechselte. Es sind Anekdoten, schnell erzählte, keine wirklich wichtig und so kommt man zu einem Punkt, den Allen oft sagt: Er fand und findet sich selbst auch nicht wichtig. Mittelmäßig talentiert, eine jüdischer Witzeerzähler, der einige ganz erfolgreiche Filme gedreht hat. Der dann aber am Schluss von seinem altmodischen Sarkasmus nicht lassen kann: "Ich bedaure, dass ich so viel Raum auf die falschen Anschuldigungen gegen mich verwenden musste, aber die ganze Situation war dem Schreiben unterm Strich eher zuträglich, fügte sie doch einem ansonsten ziemlich gewöhnlichen Leben ein faszinierendes dramatisches Element hinzu." Na ja.