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"Bravo"-Archiv Zeitreise mit Dr. Sommer: Die alten Ausgaben der "Bravo" halten düstere Überraschungen parat

Die allererste "Bravo"
Das Cover der allerersten "Bravo" vom 26. August 1956 
© Repro/ / Picture Alliance
Teile des Archivs der Teenie-Zeitschrift "Bravo" wurden online veröffentlicht. Die alten Zeitschriften lassen manche in Erinnerungen schwelgen, verdeutlichen aber auch, wie wenig aufgeklärt unsere Gesellschaft damals war. 

"Haben auch Marylin Monroes Kurven geheiratet?", lautet die Frage, die Jugendliche 1956 beantwortet haben wollen. Zumindest wenn es nach dem Titelblatt der allerersten "Bravo" geht. Am 26. August 1956 erschien das erste Exemplar des Jugendmagazins, das in den 1970er, 80er und 90er Jahren fast jeden deutschen Teenager erreicht haben dürfte. Viele sagen sogar, sie seien nicht von ihren Eltern, sondern von der "Bravo" aufgeklärt worden. Spätestens ab dem Jahr 1969. Denn in dem Jahr enthielt die Zeitschrift erstmals die Seite, die den Fragen an den damaligen "Dr. Jochen Sommer" gewidmet war.

Die erste "Bravo"-Ausgabe jedes Jahres wurde online zum kostenlosen Download zur Verfügung gestellt. Wer anfängt, sich die alten Hefte herunterzuladen, beginnt schnell, darin zu versinken. Einige Dinge scheinen sich bis heute nicht verändert zu haben. Nach wie vor stehen vor allem Themen rund um Stars im Mittelpunkt. Waren das in den frühen Jahren der "Bravo" Schauspieler, zählen dazu mittlerweile auch Castingshow-Teilnehmer, Reality-TV-Darsteller und Influencer. Ab den 1960er Jahren widmeten sich die Redakteure vermehrt Liebes- und Sexthemen. Aus fiktiven Liebesgeschichten, die aus einem Groschenroman stammen könnten, wurden mit der Zeit Foto-Lovestorys und konkrete Sex-Ratschläge. 

Dr. Sommer gab einem Mädchen die Schuld, dass es missbraucht wird

Die Fragen an Dr. Sommer aus dem Jahr 1969 könnten trotz allem auch aus einer "Bravo" 2020 stammen. Die Probleme von Teenagern werden sich wohl nie ändern. Beim ersten Erscheinen der Rubrik wendet sich eine 13-jährige Tina mit einem "ganz großen Problem" an Dr. Sommer und schreibt: "Wenn Sie das nicht lösen können, gebe ich mir die Kugel." Tinas ganz großes Problem: Sie hat auf einer Party einen Jungen kennengelernt, den sie sehr mag. Leider beachtet er sie nicht. Dr. Jochen Sommer rät dazu, sich nicht die Kugel, sondern stattdessen dem Jungen ein Signal zu geben und einen Brief zu schreiben – allerdings nur mit Namen und Telefonnummer. Geheimnisvoll! 

Bei einer 17-Jährigen ist die Situation schon etwas ernster: Sie ist im sechsten Monat schwanger und weiß nicht, was sie tun soll. Dr. Sommer legt nahe, keine voreiligen Entscheidungen zu treffen. Eine Freigabe zur Adoption müsse gut überlegt sein. So oder ähnlich klingen auch die Probleme in den folgenden Jahrzehnten. Doch auch wenn sich die Probleme der Teenies – in manchen Fällen muss man sagen: leider – nicht groß verändert haben, so taten dies zumindest die Antworten des Dr. Sommer-Teams.

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1976 berichtet eine Christl dem Dr. Sommer-Team von Erfahrungen, die nach Missbrauch klingen. Immer wenn ihr Vater ihr etwas kaufe, müsse sie sich vor ihm ausziehen. Die Mutter dürfe davon nichts wissen. Dr. Sommers Antwort darauf wäre in der heutigen Zeit undenkbar und sagt viel über das damalige Frauenbild aus. "Warum Mutter es nicht wissen darf? Weil auch was von dir ausgeht, nämlich deine Fantasie über Männer, die dir nachsteigen. Dein Vater hat es echt schwer. Du spielst unwillkürlich dauernd so, als ob das alles wirklich so passierte, (dabei sind es Wünsche) und das bringt ihn hoch. Es würde ihn auch schwer belasten (im Gewissen und etwa vor Gericht). Du bist auch hinter ihm her", antwortet Dr. Sommer.

Vergewaltigung, oder wie Dr. Sommer es nannte: "Zur Liebe gezwungen"

In der ersten, 1969 erschienenen "Bravo" lautet die Überschrift eines Textes über sexuelle Übergriffe von Kollegen "Wenn Kollegen freundlich werden". 1972 heißt es über eine Vergewaltigung "Ein Mädchen wurde zur Liebe gezwungen". Und in den frühen Foto-Lovestorys sind es immer die Frauen, die als naiv und oberflächlich dargestellt werden. Auch das hat viele Teenager für ihr Leben geprägt. 

Trotz aller Kritik hat die "Bravo" in der Vergangenheit einen bedeutsamen Teil zur Aufklärung der Jugend beigetragen. 1972 wurden zwei Ausgaben der "Bravo" sogar als jugendgefährdend eingestuft, weil sie "zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane" aufrufe. 

Mit den Jahren hat sich das Frauenbild der Zeitschrift gewandelt, den Zeitgeist scheint die Zeitschrift trotzdem nicht mehr zu treffen. Seit Ende der Neunziger ist die Auflage um 92 Prozent eingebrochen. Die "Bravo" erscheint mittlerweile zwar auch digital und ist in den sozialen Netzwerken aktiv, hat damit womöglich aber zu spät angefangen. Immerhin: Mittlerweile gibt es die Dr. Sommer-Tipps auch als Podcast. 

Wer sich nun fragt, ob Dr. Sommer der junggebliebenste Arzt der Welt ist: Hinter Dr. Sommer steckten schon ganz verschiedene Menschen. Zu Beginn verbarg sich der mittlerweile verstorbene Psychotherapeut Martin Goldstein hinter dem Pseudonym. Jetzt leitet ein Team die Rubrik. Und auch sie bestätigten RTL: Viele Fragen der Jugendlichen sind bis heute gleich geblieben. Besonders beliebt: "Sind meine Brüste normal?", "Wie merke ich, dass ein Junge oder ein Mädchen auf mich steht?", "Ist mein Penis zu klein?"

Irgendwie ja auch beruhigend zu wissen, dass sich manche Dinge nie ändern werden. 

Quellen:"Bravo"-Archiv, RTL

ame

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