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Festspiele: Salzburger Purismus: Verdis düstere Oper «Simon Boccanegra»

Mit einer wenig bekannten Verdi-Oper endet der diesjährige Reigen der Opernpremieren bei den Salzburger Festspielen. Nach seinem heftig kritisierten Bayreuther «Tannhäuser» überrascht Stardirigent Waleri Gergijew mit einer differenzierten Interpretation.

Salzburger Festspiele - Simon Boccanegra

Viel Blut ist im Spiel: Luca Salsi als Simon Boccanegra, M). Foto: Barbara Gindl/APA

Der Reigen der fünf Opern-Neuinszenierungen bei den Salzburger Festspielen ist am Donnerstagabend mit einer umjubelten Premiere von Giuseppe Verdis Oper «Simon Boccanegra» unter Stardirigent Waleri Gergijew abgeschlossen worden.

Das Premierenpublikum war offenbar so begeistert von dem stimmgewaltigen Drama um tödlichen Hass und tränenreiche Versöhnung im alten Genua, dass es das Ende nicht abwarten konnte und in die letzten Takte des Verlöschens hineinklatschte.

Nach den Bilderorgien in den vorangegangenen Inszenierungen der diesjährigen Salzburger Saison geriet die Interpretation von Regisseur Andreas Kriegenburg erholsam puristisch. Bühnenbildner Harald B. Thor hatte für Verdis düsteres Stück einen Sichtbetonpalast mit drehbarer Rotunde gebaut, der stark an die Architektur der neuen Berliner Bundestagsbauten erinnert.

Überraschung des Abends war Dirigent Gergijew, dem am Pult der Wiener Philharmoniker, die als überaus routiniertes Opernorchester auch die Wiener Staatsoper bespielen, eine musikalisch differenzierte und insgesamt überzeugende Deutung von Verdis klanglich ungemein subtiler Partitur gelang. Beim Schlussapplaus wirkte er sehr zurückhaltend und zog sich schnell aus der ersten Reihe der Sängerinnen und Sänger in den Hintergrund zurück. Der russische Musiker hatte am Dienstag wegen eines Todesfalls in seiner Familie einen Auftritt in Bayreuth absagen müssen, wo er die diesjährige Neuinszenierung von Richard Wagners «Tannhäuser» leitet.

Auch sängerisch hatte die letzte Opernpremiere der diesjährigen Salzburger Festspielsaison im Großen Festspielhaus hohes Niveau, mit dem großartigen René Pape als Fiesco, der ebenfalls brillanten lettischen Sopranistin Marina Rebeka als Amelia und dem mit viel Schmelz in der Stimme singenden amerikanischen Tenor Charles Castronovo als Adorno. Ein wenig gebremst schien der italienische Bariton Luca Salsi in der Titelrolle des Simon Boccanegra.

Die Oper spielt in der alten Seerepublik Genua, wo sich das Volk (die Plebejer) mit den Herrschenden (den Patriziern) zofft. Der Plebejer Boccanegra jagt den Dogen Fiesco aus dem Amt und übernimmt selbst die Herrschaft. Doch er liebt ausgerechnet Fiescos Tochter, die der Vater vor dem Emporkömmling versteckt. Die junge Frau stirbt, doch die zuvor gezeugte Tochter Amelia überlebt und verliebt sich Jahre später in Fiescos Gefolgsmann Adorno, der ein Komplott gegen Boccanegra plant. Am Ende wird Boccanegra von einem Verräter aus den eigenen Reihen vergiftet und versöhnt sich, sterbend, mit Adorno und Fiesco. Inzwischen mit Amelia verheiratet, wird Adorno zum neuen Doge ernannt.

Kriegenburg inszeniert das schwer verständliche Libretto buchstabengetreu und handwerklich einwandfrei, lässt jedoch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem hoch emotionalen Stoff vermissen. Alle handelnden Personen einschließlich der Choristen der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor stecken in modernen Businessanzügen und fingern andauernd auf ihren Smartphones herum. Ihre blutigen Fehden organisieren sie per Flashmob - nette Gags, nicht mehr.

dpa