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"Beasts of the Southern Wild" von Regisseur Zeitlin: Fantastische Geschichten real darstellen

Das Debüt von Benh Zeitlin, "Beasts of the Southern Wild", wird weltweit gefeiert. Die Nähe zur Realität ist in seinem Film Programm - was den Regisseur vor große Schwierigkeiten stellte.

Trailer zu Kinodrama: "Beasts of the Southern Wild"

Benh Zeitlin, 30, ist ein Self-Made-Regisseur. Der New Yorker studierte lieber Filmwissenschaft und Soziologie, statt sich an einer der großen US-Filmhochschulen handwerklich ausbilden zu lassen. Wie er im Interview erzählte, schaut er sich Hunderte von Filmen an und erforschte ihre Sprache, um eine Leinwandwelt aus der Wirklichkeit selbst zu erschaffen. Diese anspruchsvolle Entscheidung prägt sein bewegendes Debüt "Beasts of the Southern Wild".

Sie sind im Jahr 2006 nach New Orleans gezogen, wenige Monate, nachdem Wirbelsturm Katrina dort gewütet hatte, um einen Film über die Sumpfbewohner auf der ungeschützten Seite der Hochwasserdämme zu drehen. Mit welcher Motivation?

"Viele Leute hinterfragen, warum man so etwas machen würde. Weil es so gefährlich war in dieser Zeit. Aber ich habe mich dazu verpflichtet gefühlt, dort zu bleiben, um der Frage nachzugehen, was Menschen zu etwas treibt, das sie möglicherweise zerstören kann. Gleichzeitig wolle ich das feiern, und ich hatte einen riesigen Respekt davor. Ich bewunderte diese Menschen, weil sie so beharrlich waren und sich weigerten, zurückgedrängt zu werden."

Die Hauptdarstellerin ihres Films ist ein sechsjähriges Mädchen namens Hushpuppy. Warum haben Sie sich für eine kindliche Heldin entschieden?

"Ich wollte einen sehr simplen Standpunkt einnehmen, unberührt von Politik oder Umweltaspekten. Wenn Erwachsene über diese Region diskutieren, dann reden sie viel darüber, wen man wählen sollte und welches Auto man am besten fährt, über all' solche Sachen. Hushpuppy aber hat eine rein emotionale Beziehung dazu. Das ist die universelle Geschichte darin. Auf einer emotionalen Ebene kann sich jeder auf dieses Problem einlassen."

Haben Sie eine Antwort auf die Frage gefunden, warum manche Menschen - zumindest scheinbar - selbstzerstörerisch handeln?

"Ja, das habe ich. Ich glaube, wir haben die Frage durch das Mädchen beantwortet. Viele Leute stellen die Beziehung zwischen den Bewohnern und der Gegend infrage. Aber die Kultur und das Land sind so stark, dass die Bewohner - wenn man mit ihnen redet und sie fragt, warum sie nicht umziehen - einfach sagen: "Nein. Wir wurden von der Marsch gemacht." Wenn man jemanden dort fragt: "Warum verlassen Sie nicht einfach ihr Zuhause und gehen woanders hin?", dann ist das so, als würde man ein Kind fragen, ob es nicht seine Eltern verlassen und einfach zu anderen wechseln will. Das würde kein Kind jemals verstehen, auch dann nicht, wenn der Vater trinkt."

Um einen Film zu drehen, braucht man für gewöhnlich viel Ausrüstung. Sie haben aber den gesamten Film in der realen Landschaft vor Ort gedreht. Vor welche Probleme hat Sie die Umgebung gestellt?

"Sie sorgt für Chaos. Sie macht aus Dreharbeiten ein physisches Event. Das ist anders als in einem Studio, das perfekt ausgestattet ist und wo man alles machen kann, was man will. Wo man eine Kamera auf einen Dolly montieren kann, der genau da anhält, wo man es will. Das kann man dort vor Ort nicht machen. Die meisten Drehorte waren auf dem Wasser und in der Hitze. Darauf muss man reagieren. Man hört auf, formal zu denken. Es ist eher wie in der Armee. Kopf runter und durch!"

Die Nähe zur Realität hat bei Ihnen Programm: Sie arbeiten mit dem Künstlerkollektiv "Court 13" zusammen, das sich zum Ziel setzt, möglichst wirklichkeitsnahe Orte, Materialien und Methoden in künstlerischen Arbeiten einzusetzen. Was ist Ihnen dabei wichtig?

"Wenn man in der Filmausbildung steckt, dreht sich vieles davon immer darum, zu lernen, wie man Dinge vortäuscht. Wie erreiche ich es, dass ein Stück Pappe wie eine Mauer aussieht? Wie lasse ich jemanden, der nichts fühlt, so wirken, als ob er etwas fühlt? Es geht um all diesen Schwindel. Und für uns, die wir nie an eine Filmschule gegangen sind, ist das fast wie ein barbarischer Prozess. Wenn wir etwas sehen wollen, versuchen wir, es auch tatsächlich zu machen oder tatsächlich genau so zu bauen, wie es gebaut werden würde. Wir nutzen also sehr realistische Methoden, aber innerhalb von Geschichten, die wiederum nicht per se realistisch sind. Es geht also um realistische Darstellungen vor dem Hintergrund von fantastischen Geschichten."

Franziska Bossy, DPA / DPA
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