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"Das Kabinett des Dr. Parnassus": Das Vermächtnis von Heath Ledger

Es sollte der letzte Film in der kurzen Karriere von Heath Ledger sein: Gut zwei Jahre nach seinem Tod kommt "Das Kabinett des Dr. Parnassus" zu Ehren des australischen Schauspielers in die Kinos.

Von Isabelle Buckow

Als Heath Ledger zufällig das Drehbuch zu "Das Kabinett des Dr. Parnassus" in die Hände fiel, schrieb er "Kann ich Tony spielen?" auf einen kleinen Zettel und schob das Papier Regisseur Terry Gilliam zu. "Meinst du das ernst?", fragte der erstaunt. "Absolut", sagte Ledger, "ich will diesen Film sehen." So einfach war das. So tragisch endete es. Ledger bekam die Rolle und spielte mit ganzer Leidenschaft, improvisierte, sprühte vor Eifer und kreativen Ideen. Doch auf der Leinwand sollte der 28-Jährige den Film nicht mehr sehen.

Die Dreharbeiten waren voll im Gange, als Terry Gilliam am 22. Januar 2008 vom Tod seines Darstellers erfuhr. Ledger war in einem Appartement in New York an einer Medikamentenüberdosis gestorben. Beinahe wäre der Film zusammen mit Ledger gestorben, doch Gilliam gab nicht auf. Er wollte Ledgers letzten Auftritt auf die Leinwand bringen. Also wendete er sich kurzerhand an die mit Ledger befreundeten Schauspieler Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell, die alle auf ihre Gage verzichteten und in den verbliebenen Szenen Ledgers Figur mit neuem Leben füllten. Das Resultat von Gilliams Verzweiflungstat ist ein würdevoller und bildgewaltiger Abschied von einem der besten Schauspieler seiner Generation.

Eine Wette mit dem Teufel

"Das Kabinett des Dr. Parnassus" entführt sein Publikum in eine märchenhafte Parallelwelt voll eigenartiger Seelenlandschaften. Gilliam, der für schräge Einfälle und seine blühende Fantasie bekannt ist, erzählt die Geschichte des Dr. Parnassus (Christopher Plummer) und seiner kleinen Theatertruppe, die mit einem klapprigen Varieté-Vehikel durch das moderne London ziehen. Besondere Attraktion ist ein Zauberspiegel.

Das Geschäft läuft schlecht, doch noch schlimmer geht es Parnassus bei dem Gedanken an das Schicksal seiner Tochter Valentina (gespielt von dem Model Lily Cole), die er in einer Wette an den Teufel verloren hat. Nun taucht der melonetragende und zigarrenrauchende Teufel Mr. Nick (Tom Waits) am Themse-Ufer auf, um die Wettschuld einzutreiben. Um seine Tochter zu retten, geht Dr. Parnassus eine letzte Wette mit Mr. Nick ein: Wer innerhalb von drei Tagen fünf Seelen gesammelt hat, dem soll Valentina gehören. Die Wette scheint unmöglich zu gewinnen, doch dann trifft die Theatergruppe auf den geheimnisvollen Fremden Tony (Heath Ledger), der sich als begnadeter Seelenfänger erweist.

Tor zu einer anderen Welt

Um seine Fabulierlust voll auszuleben, nutzt Gilliam den Zauberspiegel als Tor zu einer Welt der eigenen Wünsche und Gedanken. Eine Welt voller verrückter, beeindruckender und surrealer Bilder und Hirngespinste, die auf den Zuschauer einwirken.

Aber auch wenn es ein typischer Gilliam-Film ist, so ist es doch Heath Ledgers Schauspielkunst, der den Film in weiten Teilen überschattet. Wenn Ledger zum ersten Mal durch den Spiegel springt und in der Fantasiewelt Johnny Depp als Tony wieder auftaucht, wird man schmerzhaft daran erinnert, dass man den Australier in seiner letzten Rolle vor sich hat. Kurz ist man geneigt, diesen realen Verlust zu betrauern, doch dann staunt man einmal mehr über die begnadete schauspielerische Darbietung von Johnny Depp. Auch Colin Farrell bietet einen würdigen Ersatz für Ledger. Einzig Jude Law will mit seiner gekünstelten Mimik nicht so recht in das Treiben hinter dem Spiegel passen.

Ledger geht in seiner Rolle auf

Doch der gelungenen Gastauftritte seiner Freunde zum Trotz - das Gefühl, mit Heath Ledger einen wunderbaren Schauspieler verloren zu haben, bleibt. Schon als homosexueller Cowboy Ennis del Mar in "Brokeback Mountain" konnte er das Publikum mit seiner enormen Ausstrahlung begeistern. Und auch in "Das Karbinett des Dr. Parnassus" hat man das Gefühl, dass er den zwielichtigen Tony nicht einfach nur spielt. Nein, er IST Tony. Wie so oft in seinen früheren Filmen scheint Ledger voll und ganz in seiner Rolle aufzugehen. Jede noch so kleine Mimik sitzt, jeder intensive Blick, jede Bewegung überzeugt. Und so trägt Ledger "Das Kabinett des Dr. Parnassus" auf seinen Schultern. Trotzdem: Sein bester Film ist es nicht. Denn an sein Schauspiel als postum oscarprämierter Joker in "The Dark Knight" kommt Ledger leider nicht heran.