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"Der Fall Chodorkowski" im Kino: Ein Politthriller erster Güte

Nur Zufall? Bei Regisseur Cyril Tuschi wurde zwei Mal eingebrochen, als er an seinem Film über den russischen Ölmagnaten Chodorkowski arbeitete. Trotz aller Widrigkeiten kommt der Streifen jetzt in die Kinos.

Kinotrailer: "Der Fall Chodorkowski"

Er war einst der reichste Mann Russlands und Herrscher über ein mächtiges Öl-Imperium. Inzwischen sitzt Michail Chodorkowski, 48, in einem Straflager im unwirtlichen Karelien und arbeitet in einer Kunststofffabrik. Der Berliner Filmemacher Cyril Tuschi zeichnet das Schicksal dieser schillernden Figur jetzt in einem Dokumentarfilm nach. "Der Fall Chodorkowski", der am Donnerstag (17. November) in die Kinos kommt, ist ein spannender Politthriller - brisanter, als es ein Drehbuchschreiber je hätte ersinnen können.

"Eigentlich wollte ich einen Spielfilm über Chodorkowski und Putin drehen als Duell zweier Titanen", sagte der 42-jährige Tuschi der Nachrichtenagentur dpa. "Aber ich habe schnell gemerkt, dass meine Fantasie gar nicht ausreicht für dieses verrückte Russland." Fünf Jahre hat ihn die Dokumentation des geheimnisumwitterten Falles dann gekostet. Er sammelte 180 Stunden Filmmaterial, führte weltweit 100 Interviews mit Wegbegleitern, Verwandten und Politikern - und bekam zum Schluss sogar das wohl erste TV-Interview mit Chodorkowski seit dessen Verhaftung.

Dass diese Fülle von Material nicht in einem einzigen Wust von Worten endet, verhindert Tuschi mit seiner kreativen Aufbereitung. Nach seinem preisgekrönten Spielfilmdebüt "Sommerhundesöhne" (2004) schneidet er die Vielzahl seiner Gespräche geschickt ineinander und setzt die seinem "Helden" gewidmete Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt sparsam als Kontrapunkt dagegen.

Chodorkowski weist die Vorwürfe entschieden zurück

Immer wieder sind in den Erzählfluss auch Szenen in Comic-Manier eingeschoben - etwa von der dramatischen Verhaftung Chodorkowskis 2003 bei einem Zwischenstopp mit seinem Privatjet. Ein andermal schwimmt der steinreiche Unternehmer durch einen Pool voller Gold, um auf der anderen Seite "Open Russia" zu erreichen - ein Sinnbild für seinen Wandel vom Saulus zum Paulus, vom knallharten Kapitalisten zum selbsternannten Erneuerer Russlands.

"Unsere Standards waren die der Gesellschaft, in der wir lebten", räumt Chodorkowski in dem Film selbst ein. Der jüdischstämmige Banker hatte zu Perestroika-Zeiten den Ölkonzern Yukos für 350 Millionen Dollar übernommen - bald schnellte der Wert auf 6 Milliarden hoch. Keine zehn Jahre später fiel er nach einer Provokation beim damaligen Präsidenten Wladimir Putin in Ungnade. In zwei Verfahren wird er 2005 und 2010 wegen angeblicher Steuerhinterziehung und milliardenschwerer Unterschlagung zu insgesamt 13 Jahren Haft verurteilt.

Chodorkowski weist die Vorwürfe entschieden zurück, er sieht sich als Opfer politischer Machenschaften. "Wer weiß, welche Anweisung von oben kommt", sagt er in dem Interview, das er Tuschi - demonstrativ ruhig und besonnen - aus seinem gesicherten Glaskäfig heraus während des zweiten Moskauer Prozesses geben darf.

Zwei Einbrüche - zwei Zufälle?

Tuschi geht diesen Zusammenhängen akribisch nach, stößt aber sowohl bei den Polit-Oberen wie auch bei anderen Oligarchen auf eine Mauer des Schweigens. Dafür kommt beispielsweise der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer unerwartet offen zu Wort. Er berichtet, wie sich Deutschland damals gegen die Inhaftierung des prominenten Wirtschaftsführers gewandt habe: "Da war Putin unglaublich hart und emotional in seiner Ablehnung."

Der seit Jahren in den USA lebende Chodorkowski-Sohn Pawel sieht den Film als wichtigen Beitrag, um den Fall seines Vaters im öffentlichen Bewusstsein zu bewahren und Schlimmeres zu verhindern. "Mir gefällt, dass er einfach Fakten darstellt", sagt der 26-jährige Unternehmer in einem Gespräch mit dpa. "Daraus kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen."

Eigene Schlüsse musste auch Regisseur Tuschi ziehen, als er während der Arbeit an dem brisanten Thema zweimal Opfer eines Überfalls wurde. Zunächst stahlen Unbekannte eine Festplatte mit Teilen des Films aus seinem Hotelzimmer in Bali. Im Februar verschwand wenige Tage vor der gefeierten Weltpremiere bei der Berlinale eine fertige Kopie bei einem Einbruch in seinem Büro. Nur Zufall?

Wochenlang lebte Tuschi in Angst, ging bloß noch mit einem Klappmesser aus dem Haus und zog vorübergehend sogar um. Inzwischen scheint geklärt, dass zumindest im Berliner Büro drei Männer "nur" auf Computerraubzug waren. Dennoch will der Filmemacher künftig wieder auf fiktionale Themen umsteigen. Und im Video-Spot zu "Chodorkowski" sagt er: "Wenn ich gewusst hätte, was ich mit diesem Film alles auslöse, hätte ich ihn nie gemacht."

Nada Weigelt, DPA / DPA