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"In the Land of Blood and Honey" Die Schöne und der Krieg


Hollywoodstar Angelina Jolie versucht sich als Regisseurin. Ihr Thema sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch fällt es schwer, zwischen Showbiz-Ikone und Anliegen zu trennen.
Von Sophie Albers

Den Wert der Marke Angelina Jolie kann man nur schätzen. Er geht in die Milliarden. 2009 führte die Leinwandikone erstmals die "Forbes"-Liste der einflussreichsten weiblichen Stars an. 2010 war sie mit 30 Millionen Dollar Jahresverdienst die bestbezahlte Schauspielerin Hollywoods. Ihr Name steht für volle Kinokassen, für exklusive Werbung, aber auch für ihre Philanthrophie. Und die hat nun einen vorläufigen Höhepunkt erreicht mit Jolies Regiedebüt, dem Kriegsdrama "In the Land of Blood and Honey".

Der Film erzählt die fiktionale Geschichte einer Frau und eines Mannes, die vor Ausbruch des Bosnienkrieges Anfang der 90er Jahre miteinander flirten, und sich dann plötzlich als Feinde gegenüberstehen. Ajla (Zana Marjanovic) rettet sich vor den Massenvergewaltigungen in einem Lager, indem sie sich von Danijel (Goran Kostic), der dort Aufseher ist, "beschützen" lässt. Diese Beziehung als Liebesgeschichte zu betiteln, wäre so tragisch wie der Krieg selbst.

"Kriegsporno"

Der Film ist souverän gemacht, zuweilen sieht man ihm das Debüt ein wenig an. Die berühmte Kriegskorrespondentin Christiane Amanpour, die selbst aus dem Krieg, der den Begriff der "ethnischen Säuberungen" einführte, berichtet hat, stellte den Film im Dezember 2011 in New York vor, nannte ihn "beachtlich und mutig" und gab zu bedenken, dass es unmöglich sei, Kriegsverbrechen "versüßt" darzustellen.

Dann kamen die Zyniker: Die "Associated Press" nannte "In the Land of Blood and Honey" eine "fiktionalisierte UN-Präsentation". Der Kritiker der holländischen Zeitung "De Volkskrant" beschrieb ihn als verworrenen "Kriegsporno". In der "Village Voice" wurde Jolie vorgeworfen, "einen scheinheiligen, eitlen Werbespot für die eigenen guten Absichten" abgeliefert zu haben. "Mehr Hollywood geht nicht", heißt es am Ende des Artikels.

Aber wo genau in "In the Land of Blood and Honey" ist Hollywood?

"Ein trauriger Ort"

"Mein Job als Schauspielerin macht mir Spaß", hat Jolie einmal gesagt. Aber sie wolle auch etwas Gutes tun. Wortwörtlich als Kind Hollywoods aufgewachsen hat sie ihre Karriere früh mit wohltätigem Engagement verbunden. Seit 2001 ist sie Botschafterin der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen. Neben Film- und Paparazzibildern liefert Jolie immer auch Aufnahmen aus Krisengebieten - von Kambodscha über Sierra Leone bis zum Kosovo. Den besuchte sie das erste Mal 2002. Sie führte auf ihren selbstfinanzierten Reisen ein Tagebuch, das später teilweise veröffentlicht wurde, und darin vermerkte sie nach einem Besuch in Pristina: "Es ist ein trauriger Ort. Keine Ahnung, wie es hier wieder normal werden soll. Keine Freude, aber die Kraft zu überleben, weiterzumachen, zu versuchen, etwas wieder aufzubauen. Zu versuchen, alte Feinde zu Nachbarn zu machen."

2010 besuchte sie zusammen mit ihrem Partner Brad Pitt bosnische und kroatische Flüchtlinge in Bosnien-Herzegowina. Rund 120.000 Menschen leben dort auch 15 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges in Sammelstellen, häufig unter unwürdigen Bedingungen. Jolie traf bosnische Frauen, die von dem berichteten, was der Krieg ihnen angetan hat: Vergewaltigung und Folter. Laut offiziellen Zahlen sind rund 50.000 Frauen systematischen Vergewaltigungen zum Opfer gefallen. Die Dunkelziffer kann und will man sich kaum vorstellen. "Ich habe meinen Körper, aber er hat keine Seele mehr", zitiert Jolie eine der Frauen in einem UN-Bericht. In diesen Gesprächen liegt wohl die Basis für den Film.

"Wie konnte das passieren?"

Der blendet die Gräueltaten nicht aus, zeigt Exekutionen, Vergewaltigungen, Folter. "Ich wollte verstehen, wie es dazu kommen konnte", sagt Jolie immer wieder. Auch nach all den Jahren als UN-Botschafterin "gab es niemanden, der mir erklären konnte, was passiert ist und warum. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum wir in den 1990ern, als alle über 'Schindlers Liste' geredet haben, als wir uns der Kriegsgräuel bewusst waren, diese Situation so lange ignoriert haben, dass wir den Menschen nicht beigestanden haben. Wie konnte das passieren?", fragt Jolie im Interview mit dem Magazin "Screen".

Sie begann ein Drehbuch zu schreiben, angeblich für sich selbst. Sie las Bücher, sah Dokumentationen, und erfand schließlich Charaktere. "Mit dem Drehbuch wollte ich versuchen, diese Charaktere durch die Jahre inmitten von Hässlichkeit und Gewalt zu schicken", so Jolie weiter. "Zu untersuchen, welchen Preis der Krieg Menschen abverlangt und was er in ihnen zerbricht."

Als sie das Projekt realisieren konnte, bestand Jolie darauf, mit Menschen aus der Region und in deren Muttersprache zu drehen. Deshalb gibt es für das Publikum von "In the Land of Blood and Honey" kein berühmtes Gesicht zu sehen, dafür aber Untertitel für das Serbokroatisch. Eine Version in Englisch entstand als Kompromiss.

"Wir werden reden müssen"

Viele der Schauspieler haben den Krieg selbst oder in ihren Familien erlebt. Und sie halfen Jolie, das Drehbuch zu überarbeiten. "Sie haben mich unterrichtet", sagt die 36-Jährige. "Sie haben dafür gesorgt, dass es korrekt ist." Dabei hat sie auch gelernt, wie frisch und auch entzündet die Verletzungen in den Menschen noch sind. "In der internationalen Gemeinschaft haben wir die Angewohnheit, unsere Sachen zu packen, wenn ein Konflikt beendet ist, und weiterzuziehen. Aber wir müssen länger dabei bleiben."

Angelina Jolie habe ihr die Möglichkeit und die Worte gegeben, davon zu berichten, was ihr im Krieg widerfahren sei, hat Darstellerin Vanesa Glodjo auf der Pressekonferenz auf dem Filmfest in Berlin gesagt, wo der Film Europapremiere feierte. Dafür sei sie der Regisseurin dankbar. Der Vater von Hauptdarsteller Goran Kostic war Soldat der serbischen Armee und unglücklich über das, was im Krieg passiert sei. "Er hat geglaubt, dass er etwas für die serbische Nation tut", doch habe er erkennen müssen, dass sein Kampf "gekidnappt" wurde, sagte Kostic im Gespräch mit der britischen Zeitung "The Guardian". Der Vater habe den Film bis heute nicht gesehen. Auf die Frage, was er wohl davon halten werde, sagte Kostic: "Keine Ahnung. Wir werden reden müssen."

Ja, Jolie benutzt ihren Hollywoodstatus. Und seien wir ehrlich: Ohne ihren Namen bliebe dem schmerzhaften und deshalb verdrängten Thema die große Aufmerksamkeit verwehrt.


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