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"Inside Deep Throat": Die Befreiung bleibt im Halse stecken

Mit dem berühmtesten Blow-Job der Filmgeschichte trat der Porno "Deep Throat" vor mehr als 30 Jahren seinen Siegeszug an. Ein Dokumentarfilm reist noch einmal zurück in die Zeit der sexuellen Revolution, glorifiziert dabei aber das Genre allzu sehr.

Von Carsten Heidböhmer

Wenn Filmemacher feucht träumen, dann wohl davon: mit 23.000 Dollar Produktionskosten mehr als 600 Millionen Dollar einzuspielen. Ausgerechnet ein Porno brachte dieses an Effizienz kaum zu steigernde Kunststück fertig. "Deep Throat" war 1972 eine Saison lang der letzte Schrei und machte das Schmuddel-Genre quasi über Nacht gesellschaftsfähig. Spätestens als die ehrwürdige "New York Times" auf diesen Zug aufsprang, gehörte es auch in bürgerlichen Kreisen zum guten Ton, einen Pornofilm gesehen zu haben. So schaffte es der Film mit der lächerlichen Geschichte einer Frau, deren Klitoris sich im Hals befindet, von schmuddeligen Bahnhofkinos direkt auf den Broadway - und damit mitten hinein in den amerikanischen Mainstream. Mit Hauptdarstellerin Linda Lovelace war nebenbei der erste Porno-Star der Filmgeschichte geboren.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Erfolg seine Gegner auf den Plan rief. Die Sittenwächter der konservativen Nixon-Ära ließen mit Repressalien nicht lange warten. Filmkopien wurden aus dem Verkehr gezogen, und an Hauptdarsteller Harry Reems sollte ein Exempel statuiert werden: Er wurde wegen der Verbreitung "obszönen Materials" gerichtlich verurteilt. Diese Form von Gratiswerbung steigerte wiederum das öffentliche Interesse an dem Film.

Von "Deep Throat" zu Lewinsky

Dass sich ausgerechnet die Regisseure Fenton Bailey und Randy Barbato der berühmtesten Film-Fellatio widmen, ist nicht ohne Ironie: Zuvor hatten die beiden bereits eine Dokumentation über Monica Lewinsky gedreht, die mit ihrem Blow-Job einmal fast einen Präsidenten gestürzt hätte. Ihre Dokumentation "Inside Deep Throat" rekapituliert noch einmal die Entstehung des Film unter bescheidensten Produktionsbedingungen, den Werdegang der Hauptdarsteller, die anhaltenden Widerstände gegen das Machwerk. Geschickt montieren die Regisseure Interviews mit Zeitzeugen, darunter "Playboy"-Gründer Hugh Hefner, Norman Mailer oder Gore Vidal an Original-Material aus den 70er Jahren. Das alles in einem an Michael Moore geschulten unterhaltsam-aufklärerischen Stil.

Der Film wirft nicht nur einen schonungslosen Blick auf die mafiösen Verstrickungen der Porno-Industrie, sondern thematisiert auch die zerstörerischen Auswirkungen von "Deep Throat" und die damit verbundenen menschlichen Schicksale. So erhielt Linda Lovelace, die nach eigener Aussage unter Gewaltandrohung zu den Dreharbeiten gezwungen wurde, für ihre Rolle lediglich 1200 Dollar Gage. Nachdem der Ruhm verblasst war, engagierte sie sich als Sprecherin der Anti-Porno-Bewegung. 2002 starb sie völlig verarmt bei einem Autounfall.

Noch immer aktuell

Angesichts des vordringenden Puritanismus' in den USA geht der Film über eine lediglich historische Dokumentation hinaus und wirkt sehr aktuell. Genüsslich zeigen die Regisseure beispielsweise einen verbiesterten Staatsanwalt, der schon damals gegen "Deep Throat" kämpfte. Derzeit seien seine Kräfte bedauerlicherweise im Kampf gegen den Terrorismus gebunden. Danach, so verspricht er, wolle er mit dem Schweinkram endlich aufräumen.

In diesen Szenen zeigt sich, dass der Film ein zu einseitiges Bild zeichnet: Auf der einen Seite die liberale Gesinnung der "Deep Throat"-Produzenten, denen es doch nur um die Befreiung der Gesellschaft gegangen sei. Und auf der anderen Seite engstirnige Repräsentanten der Nixon-Reagan-Bush-Ära, die sich auf einem Kreuzzug für Sitte und Moral befinden. Nach dieser Lesart ist der Porno-Film als ein Meilenstein im Kampf für die offene Gesellschaft zu begrüßen.

Pornos produzieren neue Opfer

Doch das ist ein wenig zu kurz gedacht: Aufgeklärtes Denken erschöpft sich nicht in sexueller Aufklärung. Nur weil die Gegner der Pornografie in ihrer reaktionären Gesinnung unglaublich abstoßend sind, folgt daraus nicht zwingend, dass derartige Filme dem Fortschritt der Menschheit zuarbeiten. Vielmehr - und das deutet der Film auch an - produziert diese Industrie seine eigenen Opfer und errichtet neue Ungleichheit der Geschlechterverhältnisse.

Insgesamt ist es aber verdienstvoll, diese Fragen immerhin aufzuwerfen und damit zum Nachdenken anzuregen. Davon einmal abgesehen beschert die Dokumentation einen kurzweiligen und informativen Kinoabend. Denn der Film ist mit reichlich Originalszenen aus "Deep Throat" unterfüttert. Und selbstverständlich wird die berühmteste Film-Fellatio nicht vorenthalten. Der Zuschauer ist danach um mindestens eine Erkenntnis reicher: Der Fortschritt in den 70er Jahren kam extrem bieder daher.